Immer mehr Verfahren
Jugendkriminalität explodiert: Staatsanwalt schlägt Alarm
26.03.2026Die Staatsanwaltschaft Wien verzeichnet unter anderem eine steigende Tendenz bei Jugendverfahren.
Wien. Die Staatsanwaltschaft Wien hat am Donnerstag Bilanz gezogen und eine deutliche Zunahme aller von der Anklagebehörde geführten Verfahren im Jahr 2025 von acht Prozent dargelegt. Eine steigende Tendenz ist auch bei Jugendverfahren sichtbar, betonte Behördenleiterin Michaela Obenaus. Kritik gab es an der neuen Regelung zur Datenbeschlagnahmung ("Handysicherstellung neu").
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86.000 Verfahren (Gesamtanfall der Akten mit landesgerichtlicher Zuständigkeit, auch gegen unbekannte Täter, Anm.) hat die Wiener Anklagebehörde im vergangenen Jahr geführt. 2024 waren es noch 80.000 und 2023 69.300. Mehr Anzeigen, mehr Eingaben und mehr Rechtshilfeersuchen machten die Zunahme aus, sagte die Behördenleiterin. Dennoch hat sich an den personellen Ressourcen nichts verändert. "Wir müssen im Moment mit den 111 staatsanwaltschaftlichen Planstellen das Auslangen finden", sagte Obenaus. Im Bundesvergleich fallen 37 Prozent des Gesamtvolumens auf die Staatsanwaltschaft Wien.
Kritik an Datenbeschlagnahmung
Die Leiterin der Wiener Staatsanwaltschaft übte daher Kritik an den neuen Regelungen zur Datenbeschlagnahmung, die seit rund einem Jahr gilt. Sie erfordert eine richterliche Bewilligung für den Zugriff auf Handys und Datenträger. Das bedeutet, dass in der staatsanwaltschaftlichen Anordnung bereits eine präzise Eingrenzung der Datenkategorie, Zeiträume und den konkreten Ermittlungszweck erforderlich ist, um die Privatsphäre besser zu schützen.
"Das erweist sich in der Praxis oft als schwierig, weil man gerade am Anfang eines Ermittlungsverfahrens oder im Zeitpunkt der Verfassung der Anordnung noch nicht das volle Ausmaß der Straftaten weiß", sagte Obenaus. Da aber in vielen Ermittlungsverfahren Kommunikationsdaten und sonstige elektronische Spuren wesentlich für die Aufklärung sind, stellen die neuen Bestimmungen "einen erhöhten Aufwand dar und sind auch Grund für mögliche Hemmnisse im Strafverfahren", sagte Obenaus. Stellt sich nämlich heraus, dass etwa der Tatzeitraum viel länger war, dann muss der Vorgang der Anordnung wiederholt werden. Die neue Rechtslage verursache so einen wesentlichen Mehraufwand und sei "sperrig und wenig praxisfreundlich", sagte Obenaus. "Eine Evaluierung halte ich für erforderlich."
9.900 Hauptverhandlungen im Jahr 2025
27.000 Verfahren (gegen bekannte Täter, Anm.) wurden im vergangenen Jahr erledigt. Das bedeutet ein Plus von drei Prozent im Vergleich zu 2024 mit 26.000 erledigten Verfahren. 2023 wurden 24.000 Verfahren abgeschlossen. 2025 wurden 7.000 Anklagen erhoben, 700 endeten mit einer Diversion, 16.000 Verfahren wurden eingestellt. Die Staatsanwaltschaft Wien führte rund 9.900 Hauptverhandlungen am Straflandesgericht durch. Im Bereich der bezirksanwaltlichen Zuständigkeit wurden im vergangenen Jahr 93.500 Verfahren - etwa wegen Verkehrsdelikten, Diebstählen, Sachbeschädigungen oder Suchtgiftübertretungen - bearbeitet.
Die gesamte Arbeit der Wiener Anklagebehörde wird von rund 270 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verrichtet. "Die Staatsanwaltschaft Wien ist sehr weiblich", so Obenaus. Der Frauenanteil beträgt 70 Prozent.
Organisierte Kriminalität als Herausforderung
Eine besondere Herausforderung in der Arbeit der Anklagebehörde ist die Organisierte Kriminalität. Die Netzwerke werden größer und internationaler. Es seien zunehmend unternehmensähnliche Strukturen. Eine Entwicklung in dem Bereich sei die zunehmend arbeitsteilige Vorgehensweise in den Organisationen, oft würden die Mitglieder einander gar nicht kennen. Das Alter der Täter in dem Bereich gehe "eindeutig nach unten", sagte Obenaus. Auch in Jugendstrafsachen bilden sich immer häufiger Gruppierungen, wie etwa die Verabredung zu Schlägereien über Messenger-Dienste, wie es im Jahr 2024 in Wien öfter der Fall war. 2025 musste die Wiener Staatsanwaltschaft 4.400 Verfahren gegen Jugendliche bearbeiten. Laut Obenaus eine "steigende Tendenz".
Im anonymisierten Bereich des Internets wiederum, dem Darknet, bieten Kriminelle auf diversen Marktplätzen Straftaten als Dienstleistungen für andere Kriminelle an. Dieses Phänomen wird international als "Crime as a Service" bezeichnet und betrifft vor allem Cybercrime wie Hacker-Attacken oder Datendiebstahl.
Großoperationen gegen Organisierte Kriminalität (OK)
Die Wiener Staatsanwaltschaft verfügt "als einzige Staatsanwaltschaft in Österreich über eine Sondergruppe für den Bereich der Organisierten Kriminalität", erklärte Obenaus. 21 spezialisierte Anklägerinnen und Ankläger arbeiten in dem Bereich. Diese Verfahren betreffen oft den Suchtgifthandel und Menschenhandel, aber auch Geldwäsche, Cyberbetrug, Schlepperei, Terrorismus bis hin zur Spionage. Erst kürzlich wurde die Zerschlagung eines internationalen Schleppernetzwerks in Graz bekannt gegeben, berichtete Behördensprecherin Nina Bussek über eines solcher Großverfahren. Steirische Ermittler haben mit der Operation "Ancora" sechs Verdächtige ausgeforscht, die einem Netzwerk angehörten, das mehr als 100.000 Menschen illegal nach Mitteleuropa geschleust haben soll. Dabei sollen Gewinne in Milliarden Euro-Höhe erzielt worden sein. Über einen Handyshop in Wien-Ottakring wurden die Fahrten organisiert. Bald könnte eine Anklage vorliegen, sagte Bussek, der Abschlussbericht liegt vor.
Ein zentrales Thema für die Staatsanwaltschaft ist auch der Gewaltschutz. Schwere Gewalttaten gegen Frauen und Kinder waren auch in der Vergangenheit immer wieder Gegenstand von Ermittlungsverfahren, sagte Obenaus. In diesem Zusammenhang hob die Behördenleiterin die sogenannte Gewaltambulanz an der MedUni Wien hervor, die seit vergangenem Jahr im Zentrum für Gerichtsmedizin ihren Betrieb aufgenommen hat. Die Untersuchungsstelle für Gewaltbetroffene sei von den Staatsanwältinnen und Staatsanwälten etliche Male herangezogen worden. Die Befunde fanden Eingang in die Ermittlungen. "Wir blicken jetzt auf ein Jahr Kooperation zurück" und diese habe sich "als bestens etabliert und erwiesen", so Obenaus. "Ein weiterer Ausbau in Richtung 24/7-Dienstes wäre natürlich wünschenswert." ek, der Abschlussbericht liegt vor.