Kranke ohne Hilfe

Adipositas: Der verzweifelte Hilferuf der Ärzte

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Adipositas ist eine chronische Krankheit – und trotzdem bleiben Betroffene in Österreich oft alleingelassen. In einem dramatischen offenen Brief an Sozialministerin Korinna Schumann, Staatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig (beide SPÖ) und die Sozialversicherungen schlagen Mediziner nun Alarm.
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Tagtäglich kommen Betroffene in die Praxen, die ihre Erkrankung ohne Hilfe nicht bewältigen können. Wer sich die Therapie nicht privat leisten kann, verliert gesunde Lebensjahre – und trägt ein erhöhtes Risiko, frühzeitig zu sterben. Nach Ansicht der Ärztekammern sind qualifizierte ärztliche Beratung, Therapie und therapeutische Begleitung im Leistungskatalog der Sozialversicherungen derzeit nicht ausreichend abgebildet.

Bürokratie blockiert Hilfe

Wirksame Medikamente sind seit 2018 verfügbar, medizinische Leitlinien für eine evidenzbasierte Therapie liegen längst vor. Doch eine über 20 Jahre alte Regelung im ASVG – die sogenannte Negativliste – verhindert bis heute die Kostenübernahme durch die Kassen.

"Veralteter gesetzlicher Rahmen"

Dagmar Fedra-Machacek, Vizepräsidentin der Ärztekammer für Niederösterreich, findet in einem Offenen Brief deutliche Worte: "Es ist nicht vertretbar, dass ein veralteter gesetzlicher Rahmen darüber entscheidet, wer Zugang zu einer heute leitliniengerechten Therapie erhält." Auch Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin der Ärztekammer für Wien, warnt in diesem Offenen Brief an die Sozialpolitikerinnen Schumann und Königsberger-Ludwig eindringlich: Adipositas ist die Volkskrankheit unserer Zeit und eine der größten gesundheitspolitischen Herausforderungen der Zukunft. Das Krankheitsbild entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel genetischer, hormoneller, psychologischer, sozialer und umweltbedingter Faktoren – und erfordert deshalb eine langfristige Behandlung.

Ab welchem BMI Therapie sinnvoll ist

Die Österreichische Adipositas Gesellschaft empfiehlt eine medikamentöse Therapie ab einem Body-Mass-Index von 30, beziehungsweise bereits ab einem BMI von 27, wenn Begleiterkrankungen oder Risikofaktoren vorliegen.

Drei klare Forderungen

Die Mediziner fordern eine reguläre Erstattung der Therapie nach den Leitlinien der Österreichischen Adipositas Gesellschaft, eine bessere Berücksichtigung ärztlicher Beratungsgespräche und laufender Therapiebegleitung im Kassensystem sowie mehr Gesundheitskompetenz bereits im Lehrplan der Jüngsten.

Paradigmenwechsel in der Medizin

Bianca Karla Itariu, Präsidentin der Österreichischen Adipositas Gesellschaft, erklärt den Wirkmechanismus der neuen Medikamente: Sie greifen gezielt in jene gestörten neuronalen Verbindungen und Regulationsmechanismen im Gehirn ein, die Hunger, Sättigung und Essverhalten steuern. Die Adipositasmedizin hat damit einen regelrechten Paradigmenwechsel vollzogen – Therapieerfolge, die früher nur durch eine Operation erreichbar waren, sind heute auch ohne Chirurgie möglich.

Bis zu 25 Prozent weniger Gewicht
Die Zahlen sprechen für sich: Ohne Operation sind durch medikamentöse Therapie Gewichtsverluste von 15 bis zu 25 Prozent erreichbar. Gleichzeitig sinkt das Risiko für Herz-Kreislauf- und Stoffwechselkrankheiten deutlich, die allgemeine Gesundheit verbessert sich – und sogar die Sterblichkeit wird gesenkt.

Fazit: „Adipositas ist eine behandelbare Krankheit", so der eindringliche Appell der Mediziner. Die Therapie müsse endlich bei den Menschen ankommen – dafür trage auch die Politik Verantwortung.