Salzburger Festspiele

"Carmen" jenseits der Femme fatale

© APA/BARBARA GINDL
Regisseurin Gabriela Carrizo und Asmik Grigorian deuteten Bizets Titelheldin als freiheitsliebende junge Frau statt als berechnende Verführerin.
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Mit Georges Bizets "Carmen" feierten die Salzburger Festspiele am Sonntagabend ihre erste Opernpremiere des Sommers. Regisseurin Gabriela Carrizo vom belgischen Tanztheaterkollektiv "Peeping Tom" verabschiedete sich dabei konsequent vom Bild der klassischen Femme fatale. Stattdessen wurde Carmen zur jungen Frau, die ihre Freiheit ebenso unbekümmert wie selbstbewusst auslebte, und gerade deshalb umso tragischer in den Strudel der Gewalt geriet.

Schon die Bühne von Christof Hetzer entzog sich im Großen Festspielhaus jeder eindeutigen Verortung. Eine karge, bergige Landschaft wurde zum Schauplatz einer Geschichte, in der Realität und surreale Bilder immer wieder ineinanderflossen. Carrizo schichtete darin eindrucksvolle Szenen von großer visueller Kraft aufeinander. Wenn in einer aus den Fugen geratenen Barszene Körper plötzlich jede Kontrolle verloren oder später eine unheilvolle Todesgestalt von den Schmugglern prozessionsartig über die Bühne getragen wurde, erzählte das Tanztheater die inneren Zustände der Figuren weiter, statt sie bloß zu illustrieren. Fast jede Hauptfigur erhielt ein tänzerisches Alter Ego, was oft völlig neue Konturen schuf.

Jonathan Tetelman und Asmik Grigorian © APA/BARBARA GINDL

Die stärkste Transformation erlebte Asmik Grigorians Titelpartie. Carrizo deutete Carmen nicht als Frau, die Männer gezielt um den Finger wickelt. Vielmehr wirkte sie wie eine junge Frau, die gerade erst beginnt zu begreifen, welche Wirkung sie auf andere ausübt, ihre Freiheit auskostet und Grenzen überschreitet, ohne die Folgen ihres Handelns wirklich abschätzen zu können. So geriet sie fast beiläufig immer tiefer in eine Welt aus Schmugglern und Gewalt, die ihr zunehmend entglitt. Asmik Grigorian machte aus dieser Regieidee weit mehr als ein Konzept. Mit großer darstellerischer Selbstverständlichkeit ließ sie in jedem Blick und jeder Geste spüren, dass hinter der selbstbewussten Fassade immer auch Neugier, Unsicherheit und jugendliche Unbekümmertheit steckten. Ihre warme, farbenreiche Stimme verlieh dieser Carmen die nötige Präsenz, ohne ihr die Unbeschwertheit zu nehmen.

Jonathan Tetelman als überforderter Don José

Dadurch verschob sich auch der Blick auf Don José. Carrizo zeichnete ihn als einen Mann, den die Welt seiner Mutter und Micaelas Vernunft lange geprägt hatte. In Carmens Freiheit wirkte er deshalb zunächst beinahe fehl am Platz. Je weiter sie sich ihm entzog, desto mehr verlor auch er den Halt. Dass sich dieser Don José nicht aus verletztem Stolz, sondern aus Überforderung und wachsender Besessenheit in die Katastrophe manövrierte, machte Tetelman mit stimmlicher Kraft und Eleganz und darstellerisch eindrucksvoll nachvollziehbar. Kristina Mkhitaryan gab Micaela genau jene Weichheit und Ruhe, die Carrizos Figurenkonstellation brauchte, während Davide Luciano Escamillo als selbstbewussten Draufgänger zeichnete, den Carmen letztlich interessanter fand als den braven Don José.

Jonathan Tetelman © APA/BARBARA GINDL

Dass diese psychologisch fein gearbeitete Personenführung stabil blieb, lag auch an der musikalischen Seite. Teodor Currentzis hielt das Utopia Orchestra mit präzise akzentuierten Streicherklängen und viel Gespür für Farben zusammen, drängte sich dabei aber nur selten in den Vordergrund. Vor allem gab er den Sängern Zeit. Grigorian durfte ihre langen Bögen auskosten, Tetelman seine emotionalen Brüche hörbar entwickeln, ohne dass der musikalische Spannungsbogen abriss. Auch die Chöre überzeugten nicht nur mit großer klanglicher Geschlossenheit, sondern fügten sich selbstverständlich in Carrizos szenisches Konzept ein.

Asmik Grigorian und Davide Luciano © APA/BARBARA GINDL

Nicht jede Entscheidung erschloss sich letztlich unmittelbar. Der Verzicht auf die Dialoge ließ die Handlung stellenweise sprunghaft erscheinen und dürfte Besucher, die mit Bizets Oper weniger vertraut sind, gelegentlich abgehängt haben. Auch manches Bild des Tanztheaters beschäftigte noch, während die Geschichte längst weiterlief. Gerade darin lag aber auch die Qualität dieses Zugriffs. Carrizo wollte "Carmen" nicht aktualisieren, sondern neu betrachten. Das gelang ihr mit einer Bildsprache, die dem viel gespielten Werk neue Gedanken einschrieb, ohne seine emotionale Wucht zu schmälern. Das Publikum spendete Sängern, Musikern und Chören langen Jubel, während sich unter den Applaus für die Regie auch vereinzelte Buhs mischten.