Von wegen divers
Die große Illusion der Vielfalt? Studie entlarvt Schönheitsideal der Modewelt
Mehr Vielfalt auf Laufstegen, Plus-Size-Models in Werbekampagnen und Body-Positivity-Bewegungen in den sozialen Medien, viele Menschen haben den Eindruck, dass die Modebranche heute deutlich inklusiver ist als noch vor einigen Jahrzehnten. Eine neue Studie zeigt allerdings: Der Wandel fällt deutlich kleiner aus als gedacht. Zwar gibt es heute mehr unterschiedliche Körpertypen und Ethnien in der Modewelt, das eigentliche Schönheitsideal ist aber weitgehend gleich geblieben. Schlank, groß und überwiegend weiß, dieses Bild dominiert die Branche nach wie vor. Zu diesem Schluss kommen Forschende unter österreichischer Beteiligung im Rahmen einer umfassenden, im Journal "PNAS" jüngst präsentierten Bild- und Datenanalyse.
Fast 800.000 Bilder ausgewertet
Für die Studie analysierte das internationale Forschungsteam rund 793.000 Bilder aus den Jahren 2000 bis 2024. Die Aufnahmen stammen von Modeschauen, Werbekampagnen, Magazincovern und redaktionellen Beiträgen aus aller Welt. Das Ergebnis: Die Vielfalt hat zwar zugenommen, doch sie verändert den Durchschnitt kaum. Die Forschenden sprechen deshalb von einer eher symbolischen als strukturellen Veränderung. Laut Studie gäbe es zwar mehr unterschiedliche Körpertypen, aber das durchschnittliche Ideal hat sich nicht verändert.
Vielfalt bleibt die Ausnahme
In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Marken auf Forderungen nach mehr Diversität reagiert und bewusst Models mit unterschiedlichen Körperformen engagiert. Laut der Studie handelt es sich dabei jedoch häufig um einzelne Ausnahmen. Zwar tauchen mehr Plus-Size-Models oder Models mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen auf, das vorherrschende Schönheitsideal bleibt dennoch weitgehend unverändert. Die Forschenden beschreiben diese Entwicklung als "symbolische Veränderung". Sichtbarkeit sei zwar gestiegen, die grundlegenden Strukturen der Branche hätten sich jedoch kaum verschoben.
Große Lücke zwischen Laufsteg und Realität
Besonders deutlich wird das bei einem Blick auf die tatsächlichen Körpermaße der Bevölkerung. Die Forschenden verglichen die Daten von Models mit Gesundheitsdaten aus den USA. Selbst Plus-Size-Models liegen demnach im Durchschnitt noch unter den Körpermaßen der durchschnittlichen US-Amerikanerin. Mit anderen Worten: Selbst jene Models, die als besonders kurvig gelten, repräsentieren häufig nicht die tatsächliche Vielfalt der Bevölkerung.
Mehr ethnische Vielfalt, aber mit Einschränkungen
Positiv entwickelte sich zumindest die ethnische Diversität. Der Anteil nicht-weißer Models stieg laut Studie von rund 13 Prozent im Jahr 2011 auf mehr als 40 Prozent in den vergangenen Jahren.
Doch auch hier entdeckten die Forschenden ein Muster: Nicht-weiße Models werden deutlich häufiger in der Plus-Size-Kategorie eingesetzt. Die unterschiedlichen Formen von Diversität treten also oft gemeinsam bei denselben Personen auf, statt breit über die gesamte Branche verteilt zu sein.
Auch bei Männern kaum Veränderungen
Nicht nur weibliche Models standen im Fokus der Untersuchung. Auch die Daten zu männlichen Models wurden analysiert. Das Ergebnis fällt ähnlich aus: Männliche Models sind weiterhin deutlich schlanker und muskulöser als die Durchschnittsbevölkerung. Eine nennenswerte Ausweitung der dargestellten Körpertypen konnten die Forschenden nicht feststellen.
Das Schönheitsideal bleibt erstaunlich stabil
Warum sich das Ideal trotz gesellschaftlicher Debatten, Body-Positivity-Bewegungen und wachsender Diversitätsforderungen so hartnäckig hält, kann die Studie nicht beantworten. Fest steht jedoch: Die Modebranche zeigt heute zwar mehr unterschiedliche Gesichter als vor 25 Jahren. Das Bild davon, welcher Körper als besonders schön gilt, hat sich dagegen überraschend wenig verändert.