Archäologische Funde

Fernkälteausbau bringt antike Straßen und Säulen ans Licht

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Die Stadtarchäologie Wien ist bei Grabungen in der Inneren Stadt mittendrin statt nur dabei, da die Zukunft der Energie und die Vergangenheit der Stadt miteinander zusammenhängen.
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Angesichts der herrschenden Hitze begrüßen die meisten Wienerinnen und Wiener den laufenden Ausbau des Fernkältenetzes. Besonders freuen sich jedoch die Wiener Stadtarchäologen darüber. Während Wasser- und Kanalgrabungen nicht tiefgründig genug seien, um auf etwas Römisches zu stoßen, fänden diese Arbeiten in adäquater Tiefe statt und entwickelten sich mitunter spontan zu archäologischen Fundstätten, sagte die Leiterin der Stadtarchäologie Kristina Adler-Wölfl am Dienstag.

Teil eines Sockels einer Römersäule während eines Lokalaugenscheins bedeutender archäologischer Funde im Zuge des Fernkälte-Ausbaus der Wien Energie. © APA/HARALD SCHNEIDER

Die Stadtarchäologie Wien gab gemeinsam mit Wien Energie und Wiener Netze bei einem Medientermin in Wien Innere Stadt Einblick in die erfolgreiche archäologische Zusammenarbeit. Der Ausbau der Fernkälte sei seit jeher mit der Entdeckung römischer Ruinen verbunden, so Adler-Wölfl. Viel tiefer als ins zweite Untergeschoss braucht man nämlich nicht zu graben, um auf römisches Material zu stoßen. Kellerausbauten von Wohn- und Geschäftsgebäuden haben viel Geschichte mit sich begraben. Straßengrabungen sind eine der letzten Chancen, noch Neues über Wiens römischen Ursprung zu erfahren. Dabei geht es weniger um Münzen, Keramik und Schmuck als um bauliche Überreste, die über die einstige Infrastruktur Auskunft geben können.

Die Zukunft der Energie und die Vergangenheit der Stadt

Nicht weit davon entfernt, wo sich heute Menschenmassen entlang des Kohlmarkts vorbei an Luxusgeschäften von Louis Vuitton und Chanel zum Stephansdom drängen, erstreckte sich einst das römische Legionslager Vindobona. Gegen Ende des ersten Jahrhunderts nach unserer Zeitrechnung begann die römische Armee am heutigen Donaukanal, eine Militärsiedlung und spätere Zivilstadt zu erbauen. Fast alles, was man heute über die römischen Wurzeln der Wiener Innenstadt weiß, konnte über Ausgrabungen in Erfahrung gebracht werden. Beim Abstieg in die Fernkältezentrale am Schottenring bekommt man ein Gefühl, in welcher Tiefe sich die Überreste römischer Architektur befinden. Zwischen Stiegenhaus und Maschinenraum liegt, so Adler-Wölfl, die Grenze zwischen Archäologie und Geologie. Unter Einsatz von Strom und Abwärme wird in diesen Zentralen Wasser gekühlt. Anschließend sorgt das Wasser in den angeschlossenen Gebäuden für niedrigere Temperaturen, erklärt Michaela Deutsch, Geschäftsbereichsleiterin Energiedienstleistungen bei Wien Energie.

Mitarbeiter der Stadtarchäologie Wien während eines Lokalaugenscheins bedeutender archäologischer Funde im Zuge des Fernkälte-Ausbaus der Wien Energie. © APA/HARALD SCHNEIDER

Zumeist ist die Stadtarchäologie ab der Planung in ein Bauprojekt eingebunden. Das ist notwendig, damit abgeschätzt werden kann, wie viele Archäologinnen und Archäologen für ein Projekt zur Stelle sein müssen. Außerdem muss abgeschätzt werden, wie viel Zeit eine archäologische Begutachtung bei potenziellen Funden in Anspruch nehmen würde. Dabei, versichert die Leiterin der Stadtarchäologie, sei man darum bemüht, sich möglichst fließend in den Bauablauf einzufügen. Letztlich wird noch berücksichtigt, was im Nachhinein - nach Fortsetzung der Bauarbeiten - geleistet werden kann. Jede Grabung und jeder Fund sind ein Puzzleteil, das zur Fertigstellung des Gesamtbildes beiträgt. "Ein grobes Gesamtbild des römischen Legionslagers bestehe im archäologischen Sinne bereits. Was fehlt, sind die Details", sagt Kristina Adler-Wölfl. Beispielsweise über innere Ausstattung und Ausmaß. Obwohl durchaus auch mittelalterliche Artefakte entdeckt und dokumentiert werden, liegt der Fokus auf den römischen Funden.

Über die Via Principalis ins Gefängnis

Zwischen Kohlmarkt und Graben befand sich in der Spätantike die Porta Decumana, das südliche Zugangstor des römischen Legionslagers Vindobona. In der Tiefe des zweiten Untergeschosses wurden Teile des antiken Tores durch Grabungen anlässlich eines Gasgebrechens freigelegt. Am Bauernmarkt konnte sogar aus dem Fund eines römischen Kellerfensters und zweier paralleler Mauern ein antikes Gefängnis rekonstruiert werden. Da es bis dahin kaum Nachweise für römische Gefängnisse gab, kann durchaus von einer spektakulären Entdeckung gesprochen werden. Solche Funde sagen aber nicht nur etwas über die römische Infrastruktur aus, sondern auch über gesellschaftliche und kulturelle Funktionen. Die bedeutende Ausgrabung am Bauernmarkt untermauert beispielsweise die Annahme, dass es sich bei dem römischen Legionslager ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr um eine reine militärische Siedlung handelte. Da ein Gefängnis für ein Militärlager äußerst unüblich sei, erklärt Adler-Wölfl, liegt der Schluss nahe, dass sich die Funktion der Siedlung hin zu der einer Zivilstadt wandelte. Weil immer weniger Soldaten dort stationiert waren, übernahm die Zivilbevölkerung schrittweise immer mehr Orte.

Blick auf einen Teil der Bauarbeiten während eines Lokalaugenscheins bedeutender archäologischer Funde im Zuge des Fernkälte-Ausbaus der Wien Energie. © APA/HARALD SCHNEIDER

Was die Struktur eines Legionslagers betrifft, so handelt es sich um standardisierte Bauten. Hervorstechende Merkmale, wie die Monumentalität gewisser Bauten oder Straßen, lassen Rückschlüsse über kulturelle Abläufe und Entwicklungen zu. Römische Reisende, die auf der Via Principalis, der ehemaligen Hauptstraße, unterwegs waren, wurden den Ausgrabungen am Wildpretmarkt zufolge durch einen Säulenbau vor Sonne und Regen geschützt. In 2,80 Meter Tiefe ist entlang des Straßengrabens eine Säulenbasis ans Licht gekommen. Zuletzt forschte das Stadtarchäologie-Team an einer römischen Straße, die ins heutige St. Pölten führt.

Gewaschen, datiert und interpretiert

Als Abteilung des Wien Museums landen die meisten Funde - gewaschen, datiert und interpretiert -, an denen die Stadtarchäologie mitarbeitet, in dessen Depot. Ausgewählte Artefakte werden im Römermuseum ausgestellt, wie es unter anderem beim Kellergefängnis der Fall ist. Manche Ausgrabungen bleiben direkt dort, wo sie gefunden wurden. So wurde beispielsweise das spätantike Kellerfenster nicht ausgehoben. Die Fernkälte-Trasse an der Stelle macht buchstäblich einen Bogen um das römische Gefängnis.

Bei einem so breiten Spektrum an möglichen Entdeckungen ist es notwendig, mit präzisen Forschungsfragen an einzelne Ausgrabungen heranzutreten. "Um etwas finden zu können, muss man wissen, wonach man sucht", verdeutlicht Adler-Wölfl. Es ist einfach, dabei etwas zu übersehen. Erst archäologisches Verständnis und ein geschultes Auge machen aus vier breiten Steinen mit einem Loch in der Mitte ein römisches Kellerfenster. (APA)