Großer Torhüter-Gipfel im deutschen TV: Die Legenden Oliver Kahn und Jens Lehmann debattierten über die Zukunft im Kasten von Bayern München und der Nationalelf. Im Zentrum der harten Kritik standen Bayern-Ersatzmann Jonas Urbig, DFB-Rückkehrer Manuel Neuer sowie die moderne Ausbildung.
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Legenden-Runde diskutiert über die Nummer 1 im deutschen Tor
In der Fußball-Talksendung "Triple – der Hagedorn Fußballtalk" auf Sky kam es zum Aufeinandertreffen zweier Ikonen, die sich vor der Heim-Weltmeisterschaft 2006 einst das legendärste Duell der deutschen Fußballgeschichte um das Nationaltor geliefert hatten: Oliver Kahn und Jens Lehmann. Gemeinsam mit Weltmeister Roman Weidenfeller und Moderator Riccardo Basile analysierten die früheren Weltklasse-Keeper die angespannte Lage auf der deutschen Torhüter-Position.
Auslöser der Debatte sind die jüngsten Entscheidungen von Neu-Bundestrainer Jürgen Klopp. Bei den vergangenen Länderspielen gegen Serbien (2:0) sowie gegen Griechenland (0:0) stand überraschend Jonas Urbig im Tor der deutschen Nationalmannschaft. Klopp stellte jedoch unmittelbar danach unmissverständlich klar: "Mit einem Nummer-1-Status hat das nichts zu tun." Beim FC Bayern München fungiert Urbig hinter Routinier Manuel Neuer weiterhin lediglich als Nummer zwei.
Klare Zweifel an Urbig und Rückendeckung für Neuer
Genau diese Rollenverteilung sorgt bei den Torwart-Größen für deutliches Unbehagen. Jens Lehmann sieht in Manuel Neuer nach wie vor den entscheidenden Faktor für Titel und traut ihm weiterhin absolute Topspiele zu. Selbst nach den jüngsten Patzern in der Bundesliga-Partie gegen den FC Augsburg erkennt Lehmann kein Qualitätsproblem beim Bayern-Kapitän. Lehmann glaubt fest daran, dass die Münchner mit dem aktuellen Wechselspiel zwischen Neuer und Urbig deutscher Meister werden. Einen Keeper, der in den ganz großen Schlachten so verlässlich agiert wie Neuer, gebe es derzeit schlichtweg nicht. Neuer bleibe die unumstrittene Nummer eins, während Urbig für solche Aufgaben noch "zu unreif" sei und nicht das nötige Standing besitze.
Darüber hinaus hält Lehmann die aktuelle Situation für den jungen Herausforderer für kontraproduktiv:
- Mangelnde Praxis auf Top-Niveau: Lehmann betont: "Ich glaube nicht, dass er die Nummer eins bei Bayern auf Dauer wird, weil er zu jung ist."
- Kein direkter Weg im DFB-Team: Auch in der Nationalmannschaft sieht er Urbig nicht als Stammpersonal. Der Bayern-Schlussmann brauche zunächst zwingend einen Umweg über einen Verein, bei dem er dauerhaft spielt.
- Lerneffekt nur als Stammkraft: Wer Fehler machen und daraus die nötigen Lehren ziehen will, müsse jedes Wochenende zwischen den Pfosten stehen – und das funktioniere ausschließlich als etatmäßige Nummer eins.
Oliver Kahn schlägt in eine ganz ähnliche Kerbe und äußert grundsätzliche Bedenken an der Konstellation: "Ich kann nicht sagen, ob Urbig die Qualität hat, wirklich die Nummer eins bei Bayern München zu sein." Kahn hebt die Skurrilität der Lage hervor: Urbig zeige hier und da gute Partien und habe nun bereits Länderspiele absolviert. "Das muss man sich mal vorstellen. Das alles ohne eine etatmäßige Nummer 1 zu sein. Das ist schon sehr außergewöhnlich."
Kahns offene Worte über Neuers Karriereende
Angesprochen auf die Frage, ob Manuel Neuer seine aktive Laufbahn bereits früher hätte beenden sollen, wählt Kahn nachdenkliche Töne. Eine direkte Empfehlung wolle er seinem Nachfolger zwar nicht aussprechen: "Ich kann jetzt niemandem etwas empfehlen, das kann der Mensch nur selbst entscheiden. Dinge wie: Wann höre ich auf, wann trete ich zurück? Du ersparst dir bestimmte Situationen."
Gleichzeitig verweist Kahn ganz offen auf seine eigenen Erfahrungen aus den letzten Jahren seiner Profikarriere:
- Verzögerte Regeneration: "Wenn man 36, 37, 38 wird – ich hab das selbst erlebt – braucht der Körper länger zur Regeneration. Es passiert hier und da mal ein Fehler."
- Mentale Abnutzung: "Das Mentale, dieses ständige auf 100 Prozent laufen. Irgendwann kriegst du es nicht mehr hin, auch wenn du es willst."
Scharfe Abrechnung mit den Nachwuchsleistungszentren
Zum Abschluss der TV-Runde holten die Torwart-Routiniers zu einer schonungslosen Generalabrechnung mit der modernen Tormann-Ausbildung aus. Roman Weidenfeller stört sich bereits an der modernen Begrifflichkeit: Das Modewort "Torwart-Spieler" sei eine Fehlentwicklung. Weidenfeller fragte kritisch in die Runde, was es nütze, wenn ein Schlussmann zwar spielerisch glänze und Bälle sauber herausspiele, am Ende aber die Schüsse nicht mehr festhalten könne.
Jens Lehmann pflichtete vehement bei und fällte ein vernichtendes Urteil über die aktuelle Tormann-Generation: Er kenne heute keinen einzigen Keeper mehr, der Flanken oder Bälle wirklich fangen könne – stattdessen werde nur noch geblockt und weggefaustet. Den Grund dafür sieht Lehmann in den Nachwuchs-Akademien: Dort fehle der Mut zu Ecken und Kanten. Jeder Junge, der etwas "verrückt" sei, werde sofort aussortiert, weshalb die echten Typen und "schrägen Vögel" im Kasten komplett ausgestorben seien. Auf seine provokante Frage, welche Weltklasse-Torhüter die heutigen Bundesliga-Trainer denn eigentlich hervorgebracht hätten, lieferte Lehmann die ernüchternde Antwort gleich selbst: "Keinen."
Kahn bemühte sich um eine etwas diplomatischere Einordnung und erklärte, dass sich technische Aspekte im modernen Fußball naturgemäß verändern. Allerdings räumte auch der "Titan" ein, dass im deutschen Torwartspiel seit der Generation um Manuel Neuer eine unübersehbare Lücke klafft.