Schwere Vorwürfe
Ignorierte Netanyahu Warnungen vor dem Hamas-Massaker?
Israel. Am 27. Oktober wählt Israel ein neues Parlament. Mitten in diesem Wahlkampf sorgen Vorabauszüge aus dem Enthüllungsbuch "Kidnapped: 843 Days of Abandonment" der Journalisten Shlomi Eldar und Ruth Yuval für Aufsehen. Demnach soll der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed Al Nahyan (65), Benjamin Netanyahu (76) rund zehn Tage vor dem Massaker vom 7. Oktober in einem 45-minütigen Telefonat gewarnt haben. Hamas-Chef Yahya Sinwar plane eine große Operation gegen Israel.
Warnungen auch aus Ägypten
Der emiratische Präsident habe vor Blutvergießen, regionaler Destabilisierung und einer Gefährdung der Abraham-Abkommen gewarnt. Netanyahu soll geantwortet haben, dass er eher eine Hamas-Operation im Westjordanland erwarte und Israel vorbereitet sei.
Die Recherchen, die von der Zeitung "Haaretz" vorab veröffentlicht wurden, berufen sich auf drei hochrangige ausländische Quellen und einen Berater des emiratischen Präsidenten. Zudem soll der damalige ägyptische Geheimdienstchef Abbas Kamel gewarnt haben, dass die Hamas "etwas Außergewöhnliches, eine schreckliche Operation" plane. Auch Shin-Bet-Chef Ronen Bar (60) habe Netanyahu gewarnt, dass ein "Erdbeben" drohe und empfohlen, Hamas-Führer gezielt zu töten. Das habe Netanyahu aber abgelehnt.
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Angehörige fordern eine Untersuchung
Ruby Chen, der Vater des getöteten 19-jährigen Soldaten Itay Chen, erklärte gegenüber "Bild": "Was wäre gewesen, wenn an diesem Morgen doppelt oder dreimal so viele Soldaten dort gewesen wären? Vielleicht hätte es deutlich weniger Opfer gegeben. Mein Sohn wäre vielleicht noch am Leben." Die Leiche seines Sohnes, der im Kampf gegen Hamas-Terroristen fiel, wurde erst im November 2025 zurückgebracht. Chen fordert eine unabhängige Untersuchungskommission, was die Regierung bislang ablehnt.
Auch Oppositionspolitiker wie Ex-Generalstabschef Gadi Eisenkot werfen Netanyahu vor, Dutzende Warnungen ignoriert zu haben. Yonatan Shalev von der Partei B’Yachad erklärte gegenüber "Bild", Netanyahu trage die "unmittelbare Verantwortung" dafür, die "Sicherheitsbehörden nicht alarmiert" zu haben.
Weiterer Bericht über die Angelegenheit
Auch die "Times of Israel" berichtete unter Berufung auf eine mit der Angelegenheit vertraute emiratische Quelle, dass der emiratische Präsident Netanyahu nur Tage vor dem Hamas-Massaker telefonisch gewarnt haben soll, dass die Terrororganisation einen großangelegten Angriff auf Israel plane.
Die Vereinigten Arabischen Emirate erklärten, sich nicht zu Medienberichten und Spekulationen über Gespräche zwischen Regierungschefs äußern zu wollen.
"Absolute Lüge" – Regierung weist Vorwürfe zurück
Das Büro von Netanyahu weist die Vorwürfe des Buches kategorisch als "absolute Lüge" zurück. Der Ministerpräsident habe im fraglichen Zeitraum weder mit dem Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate gesprochen noch eine Warnung erhalten.
Der Bericht ist auch wegen der anstehenden Parlamentswahl in Israel brisant. Die "falsche Geschichte" sei "Teil des Wahlkampfs der Linken", hieß es in Netanyahus Mitteilung weiter.
Netanyahu kündigte eine Klage gegen die linksliberale Zeitung "Haaretz" wegen des Berichts an.
Sicherheitsversagen zentrales Thema im Wahlkampf
Der Militärhistoriker Danny Orbach von der Hebräischen Universität Jerusalem gab gegenüber "Bild" jedoch zu bedenken, dass sich auch die Sicherheitsbehörden fragen lassen müssten, warum sie ihre Einsatzbereitschaft trotz eigener Warnungen nicht erhöht haben. Die Frage der Verantwortung für das Sicherheitsversagen bleibt somit ein zentrales Thema im aktuellen Wahlkampf.
Laut Meinungsumfragen können bei der Wahl am 27. Oktober weder Netanyahus Lager noch das seiner Gegner mit einer absoluten Mehrheit rechnen.