Frieden & Kritik

Mit ungeklärten Abwässern nach Europa

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Armenien: ein Biodiversitätsgipfel in einem Land, das seine Natur nicht schützt.
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Armenien richtet die UN-Biodiversitätskonferenz aus und erklärt zugleich, der Europäischen Union beitreten zu wollen. Die Erfahrungen Mittel- und Osteuropas zeigen, wie weit Armeniens Bilanz hinter seinen Versprechen zurückbleibt.

Am 19. Oktober beginnt in Eriwan die 17. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD COP17). Erstmals werden die Staaten dort gemeinsam überprüfen, wie weit die Umsetzung des Globalen Biodiversitätsrahmens von Kunming-Montreal (KMGBF) gediehen ist. Auch für Europa ist der Ausgang von Bedeutung. Armenien gehört zur Östlichen Partnerschaft, die auf Initiative Polens und Schwedens ins Leben gerufen wurde, und 2025 verabschiedete das armenische Parlament ein Gesetz zur Einleitung des EU-Beitrittsprozesses. Naheliegend ist daher der Vergleich mit den Ländern Mittel- und Osteuropas, die in den 1990er Jahren ein sehr ähnliches Erbe antraten: Bergwerke, ungeklärte Abwässer, kahlgeschlagene Hänge.

Seit mehr als einem Jahr stellt sich die Frage, ob Armenien nicht nur Gastgeber des Gipfels, sondern auch ein Vorbild sein kann. Im Mai 2025 schrieb der Umweltschützer Ruben Chatschatrjan in "The Revelator", das Land sei "weit davon entfernt, ein Vorbild im verantwortungsvollen Umgang mit der Natur zu sein"; später im selben Jahr bezeichnete er in einem Beitrag für "EVN Report" eine Politik, die dem Bergbau Vorrang vor dem Umweltschutz einräumt, als größte Bedrohung. Ein Bericht der Heinrich-Böll-Stiftung verwies auf Interessenkonflikte mit dem Bergbau- und dem Energiesektor, und im Juli schrieb "Hetq", Armenien gebe im Vorfeld der COP17 "ehrgeizige Versprechen ab, die kaum glaubwürdig sind". Eine Woche vor Beginn der Konferenz fällt die Bilanz ernüchternd aus.

Vor einem Vierteljahrhundert brach im rumänischen Baia Mare ein Damm; zyanidhaltige Abwässer gelangten über Theiß und Donau bis ins Donaudelta. Tschechien, Deutschland und Ungarn verboten daraufhin die Zyanidlaugung. Rumänien verzichtete später auf den Bergbau in Roșia Montană: Der Ort wurde in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen, und 2024 wies ein Schiedsgericht die milliardenschwere Klage des Investors ab.

Armenien dagegen stieg ein. Der Staat hält 12,5 Prozent an Lydian Armenia, dem Unternehmen, das die Eröffnung einer Mine an der Lagerstätte Amulsar nahe dem Kurort Dschermuk vorbereitet. Seit September 2025 vertritt Gnel Sanosjan, ein früherer Minister und Mitglied des Vorstands der Regierungspartei, den Staat im Unternehmen. Nach Angaben des Wirtschaftsministers war die Inbetriebnahme für September vorgesehen, unmittelbar vor der Konferenz; das Gold soll mithilfe einer Natriumzyanidlösung gewonnen werden.

Dabei reichten, wie ein von den Vereinten Nationen in Armenien veröffentlichtes Papier festhielt, für 2024 nur 9 von 24 Bergbauunternehmen Berichte über ihr Umweltmonitoring ein. Armeniens Nachbarn reagierten auf Umweltkatastrophen mit Verboten der Zyanidlaugung. Armenien wurde Anteilseigner einer Zyanidmine – in einer Branche, in der die meisten Unternehmen nicht einmal über ihre Umweltauswirkungen berichten.

Umweltschäden ohne Konsequenzen

Um Armeniens Wasser stand es schon lange vor dem Zyanid schlecht. Ungarn stoppte die Eutrophierung des Balatons, indem es die Phosphoreinträge senkte und das Feuchtgebiet Kis-Balaton renaturierte; in der Europäischen Union werden mehr als 90 Prozent der kommunalen Abwässer nach einheitlichem Standard gereinigt. In Armenien wurden laut "EVN Report" 2021 nur rund acht Prozent der kommunalen Abwässer mechanisch gereinigt, biologisch weniger als ein Prozent. Die EU und Deutschland stellten knapp sechs Millionen Euro für EU4Sevan bereit, ein Programm zum Schutz des Sewansees, zu dessen Zielen auch die Abwasserreinigung gehörte. Dennoch hielt Brüssel noch 2024 in einem Programmdokument fest, dass ungeklärte Abwässer den See verschmutzen. Die Kläranlagen am Sewansee verfügen weiterhin lediglich über eine mechanische Reinigungsstufe; die biologische Reinigung bleibt ein Versprechen der Regierung in ihrem Programm für 2026 bis 2031. Der Sewansee bleibt das sichtbarste Versagen.

Bei den Wäldern ist nicht einmal die Ausgangslage klar. Polen hat seinen Waldanteil von 21 Prozent im Jahr 1945 auf mehr als 29 Prozent gesteigert. Armenien verspricht, seinen Anteil bis zur Mitte des Jahrhunderts nahezu zu verdoppeln, doch die letzte Waldinventur stammt aus dem Jahr 1993. Das Versprechen beruht auf Zahlen, die es nicht gibt, und auf Aufforstungen, die nur ein Drittel des Plans erreichen.

In Armenien stehen 13 Prozent der Landesfläche unter Schutz; bis 2030 sollen es 20 Prozent werden, während der globale Rahmen 30 Prozent vorsieht. In der Europäischen Union ist mehr als ein Viertel der Landfläche geschützt, und Polen, die Slowakei, Bulgarien und Kroatien haben bereits mehr als 30 Prozent ihres Gebiets unter Schutz gestellt. Was langfristiger Artenschutz bewirken kann, zeigt der Wisent. Bis 1927 gab es keine Wisente mehr in freier Wildbahn; die Art wurde aus zwölf Gründertieren wieder aufgebaut, und heute lebt ihre größte frei lebende Population, rund 1000 Tiere, im Białowieża-Urwald. In Armenien gibt es laut "EVN Report" nur noch acht bis dreizehn Leoparden. Von seinem eigenen Ziel, das ohnehin bescheidener ist als das globale, ist das Land weit entfernt, und seine seltensten Arten stehen weiterhin am Rand des Aussterbens.

Schutzgebiete auf dem Papier, Versagen in der Praxis

Regeln sind nur so gut wie ihre Durchsetzung. In der Europäischen Union muss ein Betreiber, dessen Tätigkeit eine unmittelbare Gefahr für die Umwelt darstellt, Vermeidungsmaßnahmen ergreifen, bevor überhaupt ein Schaden eintritt. Im Juli berichtete "Hetq", dass bei den Vorbereitungen des COP17-Geländes in Eriwan Erdreich in die Hrasdan-Schlucht gelangte, dort das Flussbett zuschüttete und Bäume beschädigte – obwohl die Stadtverwaltung erst einen Monat zuvor den Schutzstatus der Schlucht als eine ihrer Verpflichtungen für die COP17 bezeichnet hatte. Die Umweltinspektion bestätigte die Ablagerungen, stellte das Verfahren jedoch ein: Die Bäume seien nicht vertrocknet, das Flussbett habe sich nicht verändert, ein "messbarer Schaden" liege also nicht vor. 2025 registrierte die Inspektion 3303 Verstöße, 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch selbst ein offenkundiger Fall unmittelbar vor den Toren der Konferenz blieb folgenlos.

Auch das Geld ist knapp. Die EU-Institutionen haben vereinbart, 2026 und 2027 jeweils zehn Prozent der jährlichen Haushaltsausgaben der Union für die biologische Vielfalt aufzuwenden. Armeniens Aktionsplan für 2026 bis 2030 erfordert nach einer vorläufigen Schätzung des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) rund 960 Millionen US-Dollar; für 93 Prozent dieser Summe werden zusätzliche Finanzierungsquellen benötigt. Die Kosten der Konferenz selbst beziffert ein Regierungsbeschluss auf rund 25 Millionen US-Dollar. Für die Konferenz fand sich das Geld. Für die Natur kaum.

Große Versprechen, fehlendes Geld und politische Interessen

Im vergangenen Jahr sind die Fragen an das Gastgeberland nur zahlreicher geworden: eine Zyanidmine, deren Eröffnung unmittelbar vor dem Gipfel geplant war; ungeklärte Abwässer im Sewansee; Wälder ohne Inventur seit 1993; ein folgenlos eingestelltes Verfahren wegen Erdablagerungen am Konferenzgelände; ein Naturschutzplan, dem neun Zehntel seiner Finanzierung fehlen. Zum Vorbild ist Armenien nicht geworden.

An der Armut liegt es nicht. Immer wieder, wenn Umweltvorschriften mit den Interessen der Industrie oder einflussreicher Eigentümer kollidierten, gaben die Vorschriften nach. Die Ufer des Sewansees wurden über Jahre hinweg bebaut. Bereits 2019 warnte Artur Grigorjan, ein früherer Leiter der Umweltinspektion, vor Korruptionspraktiken im Bergbausektor. Heute hält der Staat selbst Anteile an einer Zyanidmine.

Die globale Überprüfung wird Armenien für all das nicht bestrafen: Nach den Regeln des Übereinkommens erfolgt sie "in nicht strafender Weise". Bei den EU-Beitrittsverhandlungen wird das anders sein. Dort wird es darum gehen, ob Kläranlagen gebaut wurden, ob es Waldinventuren gibt und ob die Umweltaufsicht in der Praxis funktioniert. Ein Land, das per Gesetz die Annäherung an die Europäische Union einleitet und zugleich die Natur immer wieder privaten Interessen opfert, geht einen heuchlerischen Weg nach Europa. Mittel- und Osteuropa ist diesen Weg tatsächlich gegangen.

Gastkommentar von Borislav Sandov, internationaler Umweltexperte, ehemaliger stellvertretender Ministerpräsident für Klimapolitik sowie Minister für Umwelt und Wasser Bulgariens.

Borislav Sandov © Borislav Sandov