"Cozy Crime" ist ein Begriff, der laut Bestsellerautorin Martina Parker nicht zu ihren Krimis passt. Und mit Blick auf den zweiten Teil ihrer Miss-Brooks-Reihe hat sie recht, der bieder anmutende Ausdruck, der heutzutage vielen Krimis aufgedrückt wird, kann der Geschichte nicht gerecht werden.
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Parker behandelt den blanken Horror
Denn in Miss Verständnis dreht sich alles um ein Thema, das wir durchaus ernst nehmen müssen, das für viele der Horror schlechthin ist und trotzdem Aufmerksamkeit braucht: das Altern. Genauer gesagt: alternde Frauen. Während Männer in selbiger Situation gerne wie Qualitätswein beschrieben werden, sind weibliche Pendants oft die alten Schachteln, auf die nur mehr Unsichtbarkeit wartet. Dabei trifft das Alter uns alle, wenn wir nicht - schlechte Alternative - jung sterben.
Ins Leben rappeln
Martina Parker hat als Szenario für ihren neuen Band eine Castingshow für über 50–jährige Frauen gewählt. Ob Vielfachmutter, ehemalige Bestsellerautorin oder Schlagerstar - die Damen haut so schnell nichts um, sie haben viele Highs und Lows durchgemacht. Genauso wie Hauptfigur Miss Brooks, die nach der Trennung von ihrem Mann in London an einem Tiefpunkt angelangt ist und sich in Wien mühsam wieder ins Leben rappelt. Da kommt der Visagistik-Job bei der Castingshow gerade recht. Doch just die Austro-Britin findet die tote Hairstylistin Kim.
Scheut keine klare Sprache
Bereits der Auftakt der Miss-Brooks-Reihe war frisch und lässig, aber mit Band zwei kommt Autorin Martina Parker (sehr bekannt wurde sie durch ihre burgenländischen Gartenkrimis) so richtig in Fahrt. Parker scheut sich nicht vor einer klaren Sprache (für deutsche Lesende gibt‘s Fußnoten) und haut einen erdig-authentischen Sager nach dem anderen raus. Zwischendurch fühlt man sich darum öfter wie ein Wackeldackel, wegen der Zustimmung. Und der Krimi-Fall bietet spannende Wendungen, denn so viele haben ein Motiv ...
Martina Parker im Gespräch
Worum geht es in Ihrem neuen Roman „Miss Verständnis"?
PARKER: Meine Protagonistin Miss Brooks ist Britin, strandet in Wien, findet neue Freunde und langsam neue Perspektiven. Im zweiten Band verschlägt es sie auf ein Flusskreuzfahrtschiff. Dort findet die Castingshow „Fabelhafte Frauen Fünfzig Plus" statt. Doch nach dem Umstyling gibt es eine Tote: Die Hairstylistin, die die neuen Frisuren verbrochen hat, wird ermordet in ihrer Kabine gefunden. Verdächtig: Alle fünf Finalistinnen standen mit dem Opfer in Verbindung. Mich interessieren vor allem die Geschichten dieser Frauen: Was haben sie erlebt? Und wie beeinflussen diese Erlebnisse ihre Entscheidungen bis heute?
“Was haben sie erlebt? Und wie beeinflussen diese Erlebnisse ihre Entscheidungen bis heute?”
Martina Parker
Sie schreiben über eine fiktive Castingshow für Frauen Fünfzig Plus. Diese Altersgruppe erlebt derzeit große mediale Aufmerksamkeit. Ist das ein echter gesellschaftlicher Wandel?
PARKER: Ich finde diese Entwicklung grundsätzlich sehr wichtig. Gleichzeitig bin ich vorsichtig. Die Gefahr besteht darin, dass daraus nur ein vergänglicher Trend wird. Ein Beispiel aus der Vergangenheit sind Frauenzeitschriften, die plötzlich ein Plus-Size-Model aufs Cover setzen und Diversität feiern. Zwanzig Seiten später folgen dann wieder Diäten und Tipps zum perfekten Bikinikörper. Genau davor müssen wir aufpassen. Sichtbarkeit darf kein kurzfristiger Trend sein, sondern muss selbstverständlich werden. Was mir auch auffällt: Ältere Frauen sind die letzte Gruppe, die nicht durch Political Correctness geschützt ist.
“Meine Heldinnen dürfen gärtnern oder häkeln, wenn sie das möchten. Sie dürfen aber genauso neugierig sein, verliebt, mutig, widersprüchlich oder verrückt. Genau diese Vielfalt interessiert mich.”
Martina Parker
Sind wir daran nicht selber schuld?
PARKER: Absolut. Diese „Wie sieht die denn aus"-Lästerei ist noch allgegenwärtig und gesellschaftlich akzeptiert. Egal, was eine Frau über 50 tut, es scheint immer falsch. Lässt sie etwas machen, kann sie nicht in Würde altern; lässt sie nichts machen, lässt sie sich gehen oder sah auch schon mal besser aus. Wir müssen da echt mehr auf unsere Sprache achten. Noch immer haben viele sofort stereotype Bilder im Kopf, wenn sie an ältere Frauen denken. Dabei sind Frauen heute zeitlos und unglaublich vielfältig. Meine Heldinnen dürfen gärtnern oder häkeln, wenn sie das möchten. Sie dürfen aber genauso neugierig sein, verliebt, mutig, widersprüchlich oder verrückt. Genau diese Vielfalt interessiert mich.
Sie sind Legasthenikerin. Was bedeutet das für eine Schreibende?
PARKER: Ich muss alle Texte, die ich verfasse, durch die Rechtschreibkontrolle laufen lassen. Ich denke nicht linear, kann daher nicht plotten, und wo andere Sätze bauen, laufen bei mir Filme. Diesen Sommer habe ich sehr viel an einem Badeteich geschrieben. Leserinnen, die mich dabei beobachtet haben, haben mir später erzählt, ich hätte dabei manchmal leise vor mich hin gelacht. Wenn ich Dialoge schreibe, springe ich ja von einem Kopf in den anderen, und oft verblüffen mich die Figuren. Von wegen: Das hat sie jetzt aber nicht gesagt!!!
“Ein anderer Blick auf die Welt ist kein Defizit. Legasthenie ist eine Superkraft.”
Martina Parker
Was möchten Sie jungen Menschen mit Legasthenie mitgeben?
PARKER: Legasthenie ist nicht einfach eine Rechtschreibschwäche, sondern eine andere Art zu denken und Informationen zu verarbeiten. Gerade bei Mädchen und Frauen wird Neurodiversität oft spät oder gar nicht erkannt, weil sie häufig sehr gut kompensieren. Viele wachsen mit dem Gefühl auf, weniger begabt zu sein, obwohl ihr Denken einfach anders funktioniert. Deshalb wünsche ich mir mehr Aufmerksamkeit für diese und andere Denkweisen. Ein anderer Blick auf die Welt ist kein Defizit. Und Legasthenie ist eine Superkraft.
"Miss Verständnis" - Darum geht's
Die austro-britische Neo-Ermittlerin Miss Brooks hat einen neuen Auftrag an Land gezogen: Sie schminkt die Teilnehmerinnen der TV-Casting-Show "Fabelhafte Frauen Fünfzig Plus". Drehort: ein Flusskreuzfahrtschiff auf der Donau. Nach dem ersten großen Umstyling wird Coiffeurin Kim tot in ihrer Kabine aufgefunden. Eine Schere in der Brust, eine Augenbraue nur halb nachgezogen - kein Profi würde so freiwillig das Zeitliche segnen! Während die Produzenten den Mord unter den Teppich kehren wollen, stoßen Miss Brooks und ihre Freundinnen auf ein Netz aus Eifersucht, Intrigen und offenen Rechnungen. Jede Kandidatin hatte eine Verbindung zu Kim. Jede hatte ein Motiv. Und jede Wahrheit ist kompliziert und gefährlich.