Julia soll im "verschissenen Dom" heiraten und schimpft ihre Amme "Pimmelkopf", Romeos Freunde ziehen ihn damit auf, dass er den "Schwur der Unfickbaren" gebrochen hat, und als Tybalt den als Shakespeare verkleideten Romeo auf der Party entdeckt, ruft er aus: "Ein Montague, drecksverfickt!" Dass man sich hier im Theater in der Josefstadt befindet, hatte man am Donnerstag bei der Premiere von "Romeo und Julia" in der Neuübersetzung von Lucien Haug rasch vergessen.
Die Suche nach neuen, zeitgemäßen Zugängen zu Shakespeares weltberühmtem Stoff ist ein weit verbreiteter Sport. Zu erleben war das in den vergangenen Jahren etwa mit "Romeo <3 Julia", einer Mischung aus Medien-, Mitmach- und Stationentheater von Cosmea Spelleken im Theater am Werk Petersplatz, im Bronski & Grünberg Theater in Form einer schrägen "(Anti) Romantic-Comedy" oder 2016 am Volkstheater, wo Philipp Preuss gleich drei Julias, drei Romeos und neun Klaviere auf die Bühne stellte.
Straßenkampf in den Ruinen des Wohlstands
Für sein Josefstadt-Debüt hat der 61-jährige deutsche Regisseur Stefan Pucher gemeinsam mit Nina Peller (Bühne) und Annabelle Witt (Kostüme) nun eine postapokalyptische Welt erschaffen, in der die Familien Capulet und Montague in den Ruinen ihres früheren Reichtums leben und gar nicht mehr zu wissen scheinen, woher die alte Feindschaft rührt - der Hass ist einfach Teil ihrer DNA. Romeo und Julia sind die emotional verwahrlosten Sprösslinge in einer von Straßengewalt dominierten Gegenwart, in der niemand so genau zu wissen scheint, was Liebe überhaupt ist.
Kein Wunder: Während das Ehepaar Capulet nur mehr giftige Worte füreinander findet, warten die Montagues nur noch auf den richtigen Moment, Romeo über ihre bevorstehende Trennung zu informieren. Julia Kreusch und Marcus Bluhm geben in Doppelrollen gleich beide Ehepaare - denen man über den gesamten, fast dreistündigen Abend sehr gern dabei zusieht, wie sie in ihren gold-schimmernden Animalprint-Trainingsanzügen versuchen, Haltung zu bewahren, am Ende aber doch zu derben Prolos verkommen sind.
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Post Punk und Boxershort
Die Jugend selbst hat sich - zumindest modisch - dem Post-Punk verschrieben. Während Leonard Dick als introvertierter Emo-Romeo im "Joy Division"- und später in Anlehnung an die berühmte Verfilmung mit Leonardo DiCaprio-T-Shirt durch die Gegend schlurft, reagiert sich Seide Noffke als Julia im schimmernden Boxerinnen-Outfit mit wütenden Parolen und derber Sprache an ihrer Umwelt ab. Zusammen finden die beiden auf einer Party in einem alten Wohnwagen, der neben einer modularen Tribüne und zwei hohen Türmen mit KI-gesteuerten Riesen-Gesichtern das Bühnenbild bildet. In diesem Wohnwagen lebt auch Lukas Holzhausen als langhaariger, kiffender Pater Lorenzo, der gemeinsam mit Olivia Grigolli als Amme danach trachtet, die beiden Familien miteinander zu versöhnen.
Und weil Lucien Haug den Shakespear'schen Plot (wie auch das Versmaß, wo es im Original vorkommt) im Wesentlichen beibehalten hat, werden die beiden Gutmenschen mit ihrem Ansinnen auch diesmal scheitern. Auf der Straße regieren die Messer ("Im Internet gekauft"), die aggressive Spannung zwischen den verfeindeten Familien wird durch die Live-Musik von Dora de Goederen und Karolina Preuschl mit harten Riffs und wütendem Gesang unterstrichen. Apropos Spannung: Benvolio (Samuel Simon) liebt Romeo, was die Liebeskonstellation auch nicht einfacher macht.
Von der Manosphere bis zur Künstlichen Intelligenz
Auch wenn Haugs Fassung aktuelle Themen wie die "Manosphere" (die jungen Männer unterhalten sich ausführlich über die rote, blaue und schwarze Pille), Künstliche Intelligenz als potenzielle Übermacht (über allem schwebt der projizierte KI-Fürst) oder das sinnlose Sterben aufgrund festgefahrener Konflikte thematisiert, bringt die ausführlich eingesetzte Fäkalsprache (Julia: "Du penisamputierter Kacksack!") den Rhythmus des bildgewaltigen Abends immer wieder aus dem Gleichgewicht.
Wie schon in der stark videolastigen "Komödie der Verführung", der ersten Premiere dieser ersten Spielzeit unter Marie Rötzer, wäre weniger oft mehr gewesen. Dass am Schluss ausgerechnet die Beatles das letzte Wort haben, überrascht: "And in the end the love you take is equal to the love you make". Freundlicher, aber nicht euphorischer Applaus beendete den Abend, der die ausgerufene neue Ära an der Josefstadt ästhetisch konsequent fortsetzt.