"Zweitgrößte Liebe"

THOMAS: Welche Liebe zählt mehr?

© Jonas Holthaus
Neuer Roman von Ruth-Maria Thomas: "Die zweitgrößte Liebe".
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Ruth-Maria Thomas gelang mit ihrem Debütroman Die schönste Version ein Bestseller, der 2024 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises landete. Darin erlebt die junge Jella häusliche Gewalt, und wir Lesenden begleiten sie in der Zeit danach und bei Rückblicken. Nun ist ihr neuer Roman, Die zweitgrößte Liebe, erschienen. Darin ist Michelle die Hauptfigur und, nicht nur, dass sie Jella aus dem ersten Roman kennt, auch diese Geschichte lässt uns tief in die Gedanken- und Gefühlswelt ihres Figurenensembles eintauchen.

Ruth-Maria Thomas © Jonas Holthaus

Zwei Menschen - eine ungleiche Liebe

Michelles Leben fällt auseinander, sie kann ihr Schmuckgeschäft nach Mieterhöhungen und Pandemie nicht halten. Was ihr bleibt, sind Schulden und eine Sehnsucht nach dem Bearbeiten von Metall. Michelle muss dringend Geld verdienen und so macht sie sich aus dem Osten auf in eine große Stadt im Westen, findet Arbeit in einem Luxushotel.

Da, wo die Menschen Parfum im Wert von Michelles Monatslohn tragen, will sie neu anfangen. Sie trifft Henry, Sohn aus gutem Hause, privilegiert dank Absicherung. Die beiden scheinen einander zu ergänzen, sie, die nichts zu verlieren hat, er, der sich gerne von ihrer einnehmenden Art anstecken lassen will. Sie verlieben sich ...

Reicht die Liebe?

Wie schon in Thomas’ Debüt schwingt auch bei dieser Geschichte eines mit: Liebe allein reicht nicht für eine Beziehung. Während es in Die schönste Version um Gewalt geht, steht bei Die zweitgrößte Liebe die Selbstaufgabe im Fokus, der Kompromiss für den anderen.

Autorin Ruth-Maria Thomas schafft es mit ihren Texten, tief an gesellschaftlichen Mustern zu rühren, zeigt uns lebendig, in einer unmittelbaren Sprache immer wieder, dass Aufrichtigkeit und Liebe zu sich selbst nicht verhandelbar sind.

"Gleichstellung muss gelingen"

Gespräch mit Autorin Ruth-Maria Thomas zu ihrem neuen Buch.

Ihr neuer Roman heißt „Die zweitgrößte Liebe”. Worum geht’s und möchten Sie uns den Titel erklären?

RUTH-MARIA THOMAS: Es geht um Michelle und Henry. Michelle ist aus einer ostdeutschen Kleinstadt in eine große Stadt im Norden gezogen, als ihr Leben auseinanderbrach. Mit Schulden und Sorgen arbeitet sie nun an der Rezeption eines Luxushotels – und trifft dort auf Henry, der nichts anderes kennt als finanzielle Sicherheit. Die beiden verlieben sich, trotz der unterschiedlichen Welten, aus denen sie kommen. Michelle steht vor der Chance auf ein sorgloses Leben – nur: zu welchem Preis? Im Leben vieler Menschen gibt es mehr als eine große Liebe. Und die größte Liebe ist nicht immer die naheliegendste, die romantische Liebe. Es gibt die Liebe zu sich selbst, die Liebe von Eltern, Geschwistern, die Liebe zum Leben. Genau um diese Frage kreist das Buch: Welche Liebe zählt am Ende am meisten?

Ihre Protagonistin Michelle/Mishelle dürfte Ihrem vorherigen Roman „Die schönste Version” entsprungen sein. Inwiefern hängen die beiden Erzählungen zusammen?

THOMAS: Nein und ja. Die beiden Bücher sind grundverschieden und doch verwandt. In beiden beschäftige ich mich mit Frauen, die sich in einem Umbruch befinden – mit Frauen, die gehen.

Auch in Ihrem neuen Roman geht es um eine Frau in einer prekären Situation. Michelle hat Schulden, fängt weit weg ein neues Leben an. Dann trifft sie auf Henry, den reichen Sohn, der ihr gerne finanzielle Sicherheit bieten will.

THOMAS: Darin stecken jahrhundertealte Erzählungen vom Ritter in Rüstung, der die Prinzessin aus dem Turm befreit. Diese Erzählungen basieren auf dem jahrhundertelangen Patriarchat, in dem die Männer oft die Ressourcen hatten: Geld, Eigentum und Rechte. In Westdeutschland durften Frauen bis 1958 kein eigenes Bankkonto ohne die Zustimmung ihres Ehemannes eröffnen. Erst ab 1977 durften Frauen ohne die Zustimmung des Ehemanns eine Arbeit aufnehmen (wenn sie nicht die Pflichten in der Familie gefährdete). Gleichstellung muss uns gelingen. Wir müssen alles dafür tun, um aus der Vergangenheit zu lernen und für die Rechte von Frauen weltweit kämpfen.