Forscher schlagen Alarm
Winter-Einbruch: Forscher warnen jetzt vor Lawinen-Gefahr
Nach den extremen Hitzemonaten blicken Experten mit großer Sorge auf den Wintereinbruch in den Bergen. Der heurige Sommer hat im ganzen Land und auch auf den Bergen für Temperaturrekorde gesorgt, die nun Konsequenzen für die Sicherheit im alpinen Raum haben. Auf 2.536 Metern Seehöhe blieb der Schnee in den Monaten Juli, August und September auf dem Versuchsfeld Weissfluhjoch erstmals in der 90-jährigen Geschichte der Messungen komplett aus.
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Christoph Marty, Schneeklimatologe am Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF), verweist auf eine klare langfristige Tendenz: Gab es in den ersten 45 Jahren der Messungen im Sommer noch einen Median von 26 Schneetagen, waren es in den letzten 45 Jahren lediglich 16 Tage.
Die daraus resultierende Bodenerwärmung birgt für den Wintersport-Saisonstart erhebliche Gefahren. Entscheidend ist der exakte Zeitpunkt des ersten intensiven Wintereinbruchs. Wenn mitte November dicke Schneemassen auf den noch nicht gänzlich abgekühlten Untergrund fallen, wirkt die weiße Pracht wie eine gigantische Isolierschicht. Die gespeicherte Hitze kann nicht entweichen, wodurch die unterste Schneeschicht schmilzt, dauerhaft feucht bleibt und einen Schmierfilm bildet.
Erhöhte Gefahr in ungewohnten Gebieten
Auf steilen Grashängen oder glatten Felsplatten verliert die gesamte Schneedecke den Halt und gerät in weiterer Folge ins Rutschen. Alec van Herwijnen, Leiter der Forschungsgruppe Lawinenbildung und Lawinendynamik am SLF, schlägt deshalb Alarm: Nach einem extremen Sommer können Gleitschneelawinen selbst an Hängen auftreten, an denen sie sonst kaum beobachtet werden – etwa an schattigen Nordhängen in großen Höhen.
Neben der unmittelbaren Lawinengefahr drohen den Bergen langfristige Schäden durch die Erwärmung des Permafrosts. Jeannette Nötzli, Permafrost-Expertin, erklärt, dass die Sommerhitze erst mit Verzögerung in die Tiefe wandert: Während zehn Meter Tiefe erst 2027 erreicht werden, machen sich saisonale Schwankungen ab 15 Metern gar nicht mehr bemerkbar. Hier wirkt sich die Kette heißer Jahre der vergangenen Dekade aus. Dringt Wasser durch schmelzendes Bodeneis tiefer ein, verringert sich die Stabilität ganzer Bergflanken massiv, was Steinschläge und Bergstürze zur Folge haben kann.
Gleichzeitig stehen Bergbahnen vor organisatorischen Aufgaben. Zwar funktioniert das sogenannte Snowfarming – das Übersommern von Altschnee unter Vlies oder Sägespänen – meist reibungslos, wie Experte Fabian Wolfsperger bestätigt. Allerdings verlor ein Langlaufzentrum in der Slowakei heuer 50 statt 30 Prozent der Vorräte. Zudem müssen die Gewässer für Beschneiungsanlagen kühl genug sein, und es werden rund 100 kalte Stunden unter minus fünf Grad benötigt, um die Pisten vorzubereiten. Das größte Sicherheitsrisiko im freien Gelände bleibt jedoch der instabile Aufbau der Schneedecke.