Experte klärt auf

Die 10 größten Impf-Mythen im Check

© : APA/ROLAND SCHLAGER
Der Virologe Andreas Bergthaler widerspricht den zehn gängigsten Argumenten der Impfgegner und räumt mit Verschwörungstheorien auf
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Einige Argumente von Impfskeptikern sind absurd und haarsträubend. So glaubt etwa FPÖ-Chef Herbert Kickl, Vitaminpräparate und Fitness würden ihm die Impfung ersparen. Andere Argumente beruhen auf ernsthaften Bedenken. Um diese auszuräumen und die schlechte Impfrate in Österreich in die Höhe zu schrauben, antwortet Andreas Bergthaler vom Forschungszentrum für Molekulare Medizin auf die häufigsten Fragen.

Argument 1: Impfen macht unfruchtbar

Bergthaler: Das Märchen von der Unfruchtbarkeit wurde schon vielfach widerlegt. Den Anfang hat diese Geschichte genommen, als jemand behauptet hat, dass die Sequenz des Virus-Spikeproteins sehr ähnlich sei zu einem Protein (Syncytin-1) in der menschlichen Plazenta. Dadurch würde die Impfung eine Immunantwort gegen die Plazenta auslösen und zur Unfruchtbarkeit führen. Leider war dies ein riesiger Blödsinn von Anfang an, da sich diese beiden Proteine nur in einigen wenigen Aminosäuren zufällig ähneln. Man könnte dasselbe Argument mit jedem beliebigen Protein weiterspinnen, aber es wäre genau so falsch. Trotzdem zeigt dieses Beispiel anschaulich, wie es trotz aller Aufklärung und wissenschaftlicher Argumente ungemein schwer ist, eine einmal in die Welt gesetzte erfundene Geschichte zu entkräften. Letztlich ist es verantwortungslos und verwerflich, der Bevölkerung unbegründet Angst zu machen -sei es zum Thema Unfruchtbarkeit, implantierte Chips oder sonstige Verschwörungstheorien.

Schwangere Frauen sind nicht gefährdet. Laut der Empfehlung des Nationalen Impfgremiums vom Mai 2021 gibt es keine Evidenz für schädliche Auswirkungen auf Mutter und Kind. Im Gegenteil, es wird nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt die Corona-Schutzimpfung bei Schwangeren ausdrücklich empfohlen. Hierzu gibt es eine ganz aktuelle Studie in Nature Medicine, die bei über 10.000 geimpften schwangeren Frauen zeigt, dass die Impfung einen sehr hohen Wirkungsgrad zeigt (https://www.nature.com/articles/ s41591-021-01490-8). Es gibt auch Anhaltspunkte, dass die Impfung durch Antikörper das ungeborene Kind schützt (z. B. https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/2780202).

Argument 2: Nebenwirkungen sind weitgehend ungeklärt

Bergthaler: Es gibt mittlerweile weltweite Daten von Millionen geimpfter Personen. Die bedingten Marktzulassungen verpflichten die Hersteller, laufend und sehr detailliert Informationen über etwaige Beobachtungen im Zusammenhang mit der Impfung zu melden. Auch in Österreich liegen hierzu umfassende Daten öffentlich einsichtbar vor. Daraus geht hervor, dass der Großteil der Meldungen sich auf zu erwartende Impfreaktionen wie Kopfweh, Fieber, Müdigkeit oder Schmerzen an der Einstichstelle bezieht. Dabei darf man natürlich nicht verschweigen, dass auch schwerwiegende Nebenwirkungen gemeldet werden, die zeitlich mit der Impfung zusammenfallen. Die Kausalität ist dabei jedoch oft unklar, wie beispielsweise bei Personen in hohem Alter mit anderen vorliegenden Krankheiten, die eine erhöhte Wahrscheinlichkeit haben, zu sterben, und zwar völlig unabhängig von der Impfung. Selten scheint es zu Blutgerinnungsstörungen zu kommen, auch Herzmuskelentzündung und andere Entzündungserscheinungen wurden in seltenen Fällen beobachtet.

Insgesamt kann man festhalten, dass wohl kaum so umfangreiche Sicherheitsdaten zu einer Impfung in so kurzer Zeit zur Verfügung standen wie nun gegen Covid-19. Die Impfung geht mit einer oft deutlich bemerkbaren Impfreaktion in den ersten Tagen einher, aber schwere Nebenwirkungen sind sehr selten. Das Nutzen-Kosten-Profil spricht daher aus wissenschaftlicher Sicht auch hier klar für die Impfung.

Argument 3: Tausende Tote werden verschwiegen

Bergthaler: Die Dunkelziffer von an Covid-19 erkrankten und eventuell auch verstorbenen Personen ist in Ländern, wo wenig getestet wird, wahrscheinlich tatsächlich ziemlich hoch. Dass aber die Impfung Tausende Tote verursacht, von denen wir alle nichts erfahren dürfen, entzieht sich meiner Vorstellungskraft.

Argument 4: mRNA-Impfstoffe verändern die Gene

Bergthaler: Impfstoffe von Pfizer und Moderna liefern den Bauplan für das Virus-Spikeprotein als mRNA. mRNA kommt in jeder Zelle von uns vor und ermöglicht es, unsere Gene abzulesen. Die mRNA der Impfstoffe kann jedoch nicht in das Genom eingebaut werden und verändert daher auch keine Gene.

Argument 5: Langzeitfolgen sind völlig ungewiss

Bergthaler: Ja, wir können tatsächlich nicht mit absoluter Sicherheit ausschließen, dass in 10,20 Jahren weitere Nebenwirkungen auftreten. Impfexperten erwidern hierzu jedoch, dass die meisten Nebenwirkungen von Impfungen in der Regel innerhalb von Stunden oder Tage, selten auch Wochen, auftreten. Generell gibt es von anderen Impfungen jedoch so gut wie keine bekannten Langzeit-Nebenwirkungen, die Jahre später auftreten. Dies schließt so eine theoretische Möglichkeit zwar nicht aus, aber macht es äußerst unwahrscheinlich.

Argument 6: Notzulassung wurde übereilt erteilt

Bergthaler: Es gibt keine Notfallzulassung durch die Europäische Arzneimittelagentur EMA. Alle in der EU zugelassenen Covid-19-Impfstoffe haben die "bedingte Zulassung" erhalten. Die Covid-19-Impfstoffe haben dabei ein vollständiges Zulassungsverfahren durchlaufen, das aufgrund der gegenwärtigen Krise schneller bearbeitet wurden ("Rolling Review"). Hierbei wurden beispielsweise die Ergebnisse schon während der laufenden klinischen Studien an die EMA übermittelt. Darüber hinaus erfolgt die bedingte Zulassung unter der Voraussetzung, dass die Impfstoffhersteller umfassende Daten in den folgenden Jahren sammeln und zur Verfügung stellen werden. Das hat dazu geführt, dass bis jetzt schon Millionen Impfungen genau analysiert wurden und nur damit erst sehr seltene Nebenwirkungen identifiziert werden konnten.

Argument 7: Impfmafia verhindert Medikamente

Bergthaler: Die Liste an Medikamenten, die uns vor Covid-19 schützen sollen, ist lang: Desinfektionsmittel (laut Ex US-Präsident Trump am besten intravenös zu injizieren), Ivermectin (ein Parasitenmittel aus der Veterinärmedizin), Chlordioxid (ein Bleichmittel) usw. Wenn man sich dann jedoch die Mühe macht und die dazu vorliegenden klinisch-wissenschaftlichen Studien durchschaut, so wird man relativ schnell ernüchtert ob der schwachen und im besten Fall anekdotenhaften Evidenz. Gleichzeitig sind viele verschiedene Medikamente derzeit gegen SARS-CoV-2 in Entwicklung. Da das Virus womöglich gegen ein einziges Medikament Resistenzen bildet, werden wir hoffentlich bald eine Kombination aus zwei oder drei wirksamen Medikamenten haben. So etwas könnte gerade im Spitalsbereich die Lage deutlich entspannen. Solche Medikamentencocktails haben auch bei der Behandlung von HIV letztlich zu einer Revolution geführt.

Und apropos HIV: trotz vielfachem Bemühens hat es die "Impfmafia" bisher in Jahrzehnten nicht geschafft, einen Impfstoff gegen HIV zu entwickeln. Das zeigt, wie schwierig so ein Unterfangen sein kann und wie glücklich wir uns schätzen sollten, ein ganzes Portfolio an hochwirksamen und nebenwirkungsarmen Impfstoffen gegen Covid-19 zur Verfügung zu haben.

Argument 8: Impfung nicht nötig, wenn die Mehrheit schon geimpft ist

Bergthaler: Die Impfung schützt in erster Linie den Impfling zu >90 %vor schwerer Erkrankung. In zweiter Linie reduziert die Impfung aber auch die Wahrscheinlichkeit, das Virus an weitere Personen weiterzugeben. Solche Personen können andere Erkrankungen haben wie Immunschwäche, die es ihnen nicht ermöglicht, selbst einen Impfschutz aufzubauen. Somit gibt es sowohl egoistische als auch unseren Mitmenschen gegenüber solidarische Gründe für die Impfung.

Argument 9: Ich brauche keine Impfung, weil ich Vitaminpräparate nehme und fit bin (Herbert Kickl)

Bergthaler: Kein Kommentar. (Anm. d. Red.: FPÖ-Chef Herbert Kickl lehnt es mit genau diesem Argument ab, sich impfen zu lassen.)

Argument 10: Mit der Impfung wird uns ein Chip implantierst, mit dem wir kontrollierte werden

Bergthaler: Wahrscheinlich von Bill Gates? Im Ernst, es gibt leider viele Verschwörungstheorien, die vor allem Ängste und Sorgen schüren. Das ist bedauerlich und lenkt von einer kritischen Diskussion über die Vorund Nachteile einer Impfung sowie über das Pandemiemanagement insgesamt ab.