Letzter Teil

Slimani: Finale ihres Familien-Epos

25.01.2026

Die französisch-marokkanische Schriftsellerin Leila Slimani hat ihre Trilogie abgeschlossen.

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© APA/GEORG HOCHMUTH
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Die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani ist einer breiten Leserschaft bekannt seit der Veröffentlichung ihres Romans Dann schlaf auch du (2016).
Dieser war bereits ein Bestseller, bevor er mit dem Prix Goncourt (der größten literarischen Auszeichnung Frankreichs) bedacht wurde.

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Reise nach Marokko als Sinnfindung?

Vergangenheit. Nun beendet Slimani mit dem Roman Trag das Feuer weiter ihre autobiografisch gefärbte Trilogie. Die spannt sich über drei Generationen einer Familie. Das Finale des Epos ist von den 1980er-Jahren bis heute zu verorten und dreht sich um die erfolgreiche Schriftstellerin Mia, die plötzlich unter Brain Fog leidet, Wörter vergisst. Schrecklich, sie kann so ihrer Arbeit nicht nachgehen. Mia sucht Rat und begibt sich auf ärztliche Empfehlung hin, in das Land ihrer Kindheit, nach Marokko. Es wird auch zu einer Reise in die Vergangenheit.


Während die ersten beiden Bände der Trilogie Eltern, bzw Großelterngeneration abbilden, setzt sich Slimani im letzten Band mit ihrer Generation auseinander, verkörpert von den Schwestern Mia und Inès, die in gutbürgerlichen Verhältnissen groß werden, sich aber nie recht dazugehörig fühlen in Marokko. Die Frauen liebende Mia führt in London und Paris zwar ein freies Leben, aber fühlt sich auch dort fremd. Slimani ist hier ein fulminanter Abschluss ihrer Saga gelungen, die sich auch mit Korruption auseinandersetzt: Mias Vater wird, ähnlich wie es auch dem Vater der Autorin passiert ist, diffamiert, stürzt von oben ab. Identität, Heimatgefühle, Wurzeln - all das vereint Slimani hier zu einem 
berührenden Text. 

Interview

Am Montag war Slimani für eine Lesung in Wien und gab der APA zuvor ein Interview (hier ein Auszug). 

APA: Ihre Trilogie ist Familiengeschichte und Chronik der politischen Entwicklung des Landes in einem. Wie anders war das Land unter König Hassan II als heute unter seinem Sohn Mohammed VI?
Slimani: Die 80er und 90er-Jahre waren eine ganz andere Zeit. Das Regime war sehr autoritär und wenig zimperlich im Umgang mit der Opposition. Dazu kam eine schwere Wirtschaftskrise. Ich wurde 1981 geboren und erinnere mich, dass viele Menschen in die Städte kamen, weil die Armut am Land unerträglich wurde. Es gab eine schwere Dürre, die viel Schaden angerichtet hat. Es war eine Zeit der Migration - und der Beginn eines gewissen Gefühls der Erniedrigung. Wir haben uns geschämt, dass Menschen unser Land verlassen mussten, um eine Zukunft zu haben. Und wir haben uns geschämt, als wir hörten, wie sie anderswo behandelt wurden.

 APA: In der Migrationsdiskussion hierzulande heißt es immer: Spracherwerb ist der zentrale Punkt für Integration. Ist das so?
Slimani: Leute sind keine Dinge. Sie haben alle eine unterschiedliche Geschichte. Es gibt Menschen, die vor einem Krieg flüchten, deren Kinder getötet wurden, die versuchen, einer Verfolgung zu entkommen. Ich denke, man sollte diese Menschen zuerst fragen, ob sie Hunger haben oder frieren, bevor man sie fragt, ob sie Deutsch sprechen.

 APA: Sie selbst leben heute in Lissabon? Warum das?
Slimani: Weil ich dort gerne bin.

 APA: Haben Sie Pläne, wieder nach Frankreich zurückzugehen?
Slimani: Nicht im Augenblick. Meine Kinder sind dort sehr glücklich.

 APA: Wie gut ist Ihr Portugiesisch?
Slimani: Ganz gut. Ich verstehe es recht gut, aber ich fürchte, ich habe beim Sprechen einen ziemlichen Akzent.

APA: Sie haben in Rabat ein Lycée besucht, aber nur wenig Arabisch gelernt.Slimani: Das stimmt, damals war der Arabisch-Unterricht schlecht, und die Arabisch-Lehrer waren viel schlechter bezahlt als ihre Kollegen. Außerdem war es für meine Eltern und deren Freunde nicht sehr wichtig, dass ihre Kindern gut Arabisch sprechen - Mathematik und Französisch waren viel wichtiger. Das war eine Art Elite-Denken, das vielleicht eine Folge der Kolonialisierung war. Ich glaube, heute sind die Bedingungen für den Arabisch-Unterricht deutlich besser als damals.

 APA: Ihr Roman "Chanson douce" (deutsch: "Dann schlaf auch du") war 2016 ein Riesenerfolg. Hat dieser Erfolg Ihr Leben verändert?
Slimani: Absolut. Ohne ihn würde ich heute nicht hier sitzen und mit Ihnen sprechen. Erst durch ihn habe ich mir als Autorin einen Namen gemacht.

 APA: In Frankreich wurden Sie rasch eine Berühmtheit, der Präsident Emmanuel Macron sogar ein Ministeramt angeboten hat. Sie haben es ausgeschlagen. Hat es Sie gar nicht gereizt, in die Politik zu gehen?
Slimani: Nein, ich würde niemals etwas machen, für das ich mich nicht kompetent fühle.

 APA: Aber Botschafterin der Organisation Internationale de la Francophonie wurden Sie schon.
Slimani: Na ja, als Schriftstellerin ist Sprache mein ureigenes Metier, also fühlte ich mich da natürlich kompetent. Ich habe das fünf Jahre lang gemacht. Es war sehr interessant. Ich mochte es.

 APA: Ihre Themen sind Ausgrenzung gegenüber von Menschen anderer Herkunft oder anderen Geschlechts, Rassismus, Unterdrückung von Frauen. Gibt es für diese Themen heute irgendwo Grund zu Optimismus?
Slimani: In der Tat bin ich sehr optimistisch. Wenn man tot ist, kann man noch immer pessimistisch sein, solange man aber lebt, gibt es immer wieder einen neuen Morgen, an dem man etwas schaffen oder versuchen kann. Als Mutter will ich daran glauben, dass Menschen eine bessere Welt schaffen können. Und ich muss gestehen, dass ich von vielen guten Menschen umgeben bin, die diesen Glauben teilen. Die Mächtigen wollen uns traurig und depressiv haben, weil wir uns dann nicht wehren. Sie tun so, als wären wir dumm und naiv. Wir sollten Ihnen zeigen, dass wir das nicht sind. Wenn wir nicht voll Freude und Optimismus sind und zu unseren Werten stehen, werden sie gewinnen. Es ist so leicht, Trübsal zu blasen und sich über den Zustand der Welt zu beklagen! Wenn Du deprimiert bist: Steh auf und kämpfe!

 APA: Wie soll das gehen?
Slimani: Wir müssen Mut und Selbstbewusstsein zeigen. Vielleicht werden wir verlieren, aber wir müssen daran glauben, dass wir gewinnen können! Es ist so leicht, immer darauf zu zeigen, was schiefläuft. Es ist wichtig, auch Dinge ins Licht zu rücken, die funktionieren. Die Welt ist nicht nur grau und schwarz. Es gibt auch Vieles, das besser wird. Nehmen Sie nur Bildung: Heute haben Sie potenziell Zugang zum gesamten Wissen der Welt. Das ist doch außergewöhnlich!

 APA: Ist Ihre Familiengeschichte nun auserzählt?
Slimani: Fürs Erste ist das so. Ich schließe aber nicht aus, dass eines Tages eine der Figuren meiner Trilogie zurückkehrt und ich Lust haben werde, mehr über sie zu erzählen. Sag niemals nie! Aber vorerst will ich etwas anderes schreiben.

 APA: Ein kleiner Hinweis, um was es gehen wird?

Slimani: Nein, das verrate ich nicht. 

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