"3096 Tage"

Natascha Kampusch enthüllt ihr Leiden

04.09.2010

Ihr Buch und die Protokolle der Polizei stimmen teils nicht überein.

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Jetzt rollt die Kampusch-PR-Maschine wieder voll an. Für teures Geld verkauft Natascha die Abdruckrechte an ihrer Biografie, an der sie mehr als eine Million Euro verdienen will.
Schon morgen folgt ein ebenfalls teuer bezahlter Auftritt in einer der meistgesehenen Talkshows Deutschlands. Bei Reinhold Beckmann (22.45 Uhr, ARD) beginnt das Trommelfeuer für den Buchverkauf.


Offene Fragen

Mittwoch erscheint das Kampusch-Buch "3096 Tage". Offenbar will Kampusch nun genau das tun, was sie jahrelang kritisiert hat – an ihrem Schicksal verdienen. Den Vorabdruck hat sie Bild gegeben – jener Zeitung, die sie heftig für ihre "Indiskretionen" kritisierte. Schon jetzt kritisieren viele Journalisten, dass Kampuschs 220-Seiten-Buch viele offene Fragen nicht beantwortet.


Schreib-Hilfe

Entgegen ihrer ursprünglichen Absicht wurde das Buch nicht von Kampusch selbst verfasst. Zwei "Ghostwriter" wurden engagiert. Eine davon ist die österreichische Journalistin Corinna Milborn. Die Arbeit verlief laut Insidern alles andere als konfliktfrei.
Parallel zum Buch sind freilich auch erstmals die Protokolle von Nataschas Einvernahme vor der Polizei öffentlich geworden.
Tatsächlich hatte die Polizei Kampusch nach ihrer Flucht sieben Tag lang in einem Hotel in Klagenfurt versteckt und dort ihre gesamte Lebensbeichte aufgezeichnet. Alle Details der Entführung, alle Fragen nach Sexualität, Vergewaltigung, sogar Schwangerschaft (gab es definitiv keine), – vor allem aber, wie Natascha mit dem Entführer in den letzten zwei Jahren fast eheähnlich lebte, wie sie der Entführer heiraten und ihr eine neue Identität geben wollte, wie sie mit Priklopil sieben (!) Wohnungen renovierte und sogar auf Urlaub fuhr.
Nach den Polizeiprotokollen muss die Kampusch-Story zum Teil neu geschrieben werden – vieles war anders als bisher bekannt und im Buch beschrieben.

 

Kampusch-Protokoll: "So wurde Ich entführt"

Am 2. März 1998 wurde das Leben von Natascha Kampusch für immer verändert. Lesen Sie hier, wie die damals 10-Jährige selbst die Entführung erlebte.
Strasshof. Ein von der Polizei abgesichertes Hotel, mitten in Eisenstadt, weg vom Trubel in Wien. Hierher wurde Natascha Kampusch nach ihrer Flucht am 23. August 2006 um 21.45 Uhr gebracht. Am Tag danach schilderte die damals 18-Jährige in einer 6-stündigen Einvernahme erstmals den Tag ihrer Entführung in allen Details.

2. März 1998, 7 Uhr: Am Morgen des 2. März 1998 wollte mich meine Mutter zur Schule bringen, aber ich wollte selbst gehen.
Gegen 07.00 Uhr ging ich bei der Stiege in den Innenhof des Rennbahnweges in Richtung Einkaufszentrum. Ungefähr 7 Meter nach der Kreuzung – kurz vor der Melangasse – fiel mir ein Mann auf, der dort bei einem weißen Kleinbus stand. Er hatte einen weißen Leinenhut auf – wie ihn Handwerker verwenden. Er lehnte an einem weißen Kleinbus und tat so, als ob er im Auto etwas suche.

"Ungutes Bauchgefühl": Ich hatte beim Näherkommen zu diesem Mann ein "ungutes Bauchgefühl". Als ich auf gleicher Höhe mit dem Mann war, packte er mich plötzlich und zerrte mich in den leeren Laderaum des Fahrzeuges. Er stieg mit ein, schloss die Seitentüre und setzte sich auf den Fahrersitz. Ich kann mich erinnern, dass er während der Fahrt zwischen den Vordersitzen eine ca. 50 cm lange Schusswaffe liegen hatte.

"Sind Sie ein Kinderverzahrer": Während der Fahrt habe ich den Mann gefragt, ob er ein „Kinderverzahrer“ ist und mich vergewaltigen will oder mich ermorden und irgendwo einbuddeln will.
Er antwortete sinngemäß, wenn meine Eltern zahlen, könne ich noch heute nach Hause. Während der Fahrt sagte er, dass er auf einen Anruf auf sein Autotelefon wartete. Dieser Anruf kam jedoch nicht. Er sagte, dass er mich nach Strasshof bringt. Dann fuhr er in einen Wald hinein. Er hat mir bereits während der Fahrt gesagt, dass er mich bald an andere übergeben werde. Die würden mich dann freilassen, wenn meine Eltern Lösegeld bezahlen.

"Stopp im Wald": Im Wald hielt er das Fahrzeug an, öffnete die Schiebetür und hob mich aus dem Auto. Er lief nervös im Kreis herum, wobei er intensiv nachzudenken schien. Plötzlich sagte er zu mir, dass er mich woanders hinbringe, da die anderen nicht gekommen sind. Dann wickelte er mich in eine hellblaue Decke ein, setzte mich wieder ins Auto und befahl mir, mich ruhig zu verhalten und nicht die Decke vom Kopf zu ziehen. Meine nächste Erinnerung ist, dass das Fahrzeug vor einem Haus angehalten wurde.

"In den Keller": Er hob mich mit der Decke aus dem Fahrzeug und trug mich ins Haus. Anschließend führte er mich durch die Küche bis zu einer Brandschutztür. Dort gab er mir wieder die Decke über den Kopf und trug mich die Stiegen hinab in den Keller. Als er mich dort absetzte, hörte ich, dass der Mann im Kellerraum irgendetwas herumschob.

"Es war total finster": Anschließend zog er mich durch eine schmale Öffnung in einen anderen Raum. Er schob mich durch eine Türe in einen weiteren Raum, in dem es total finster war. Er verbot mir, das Licht aufzudrehen, er komme gleich und bringe eine Lampe mit. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, verlor ich durch die Dunkelheit völlig das Zeitgefühl. Der Boden des Raums war staubig, hart und kalt, aber ich fror nicht. Nach einer unbestimmten Zeit kam er wieder und machte Licht. Als ich den Raum sah, kam dieser mir wie eine Sauna vor, die Wände waren mit naturfarbenen Holzpanelen verkleidet. Der Boden war Laminatboden. Er sagte zu mir, dass er nach Wien in seine Wohnung fahre, um für mich eine Matratze zu organisieren. Er fragte mich, ob ich etwas zum Essen haben möchte und sonst noch etwas bräuchte, was er mir vom Supermarkt mitbringen soll.

"Schoko-Kekse": Ich habe gesagt, dass ich gern grüne Äpfel hätte und noch eine Zahnpasta und eine Zahnbürste und eine Haarbürste und schokoladebezogene Butterkekse plus Erdbeerjoghurt. Nachdem er wieder zurückgekommen war, brachte er die gewünschten Sachen sowie die Matratze und einen Polster mit. Damit mir nicht kalt wird, stellte er mir einen Ölradiator in den Raum ...

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