EU- und NATO-Land
Das passiert, wenn Putin wirklich Estland angreift
17.03.2026Russland startet eine verstörende Propaganda-Kampagne gegen das NATO-Land.
Im Schatten des Iran-Kriegs geht Russland nicht nur weiterhin mit äußerster Brutalität gegen die Ukraine vor, sondern startet zugleich auch eine verstörende Propaganda-Kampagne gegen Estland. In Social-Media-Kanälen wird seit Wochen für eine Ausrufung der „Volksrepublik Narva“ propagiert.
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Narva ist eine 50.000-Einwohner-Stadt direkt an der Grenze zu Russland - 90 Prozent der Bevölkerung sprechen Russisch. Moskau wirft Estland immer wieder vor, die Rechte der russischen Minderheit nicht bzw. zu wenig zu schützen.
Erinnerungen an die Ukraine
In der Kampagne auf Telegram und Vkontakte wird nun dazu aufgerufen, Sabotageakte zu begehen und sich zu bewaffnen, um schließlich eine von Estland unabhängige „Volksrepublik Narva“ auszurufen, die dann von Russland anerkannt und verteidigt wird.
Laut dem estnischen Geheimdienst handelt es sich um eine Desinformationskampagne, die darauf abzielt, Verwirrung zu stiften und die Bevölkerung zu spalten. Estland befürchtet, dass dahinter die narrative Vorbereitung eines russischen Einmarsches steht und sieht Parallelen zum Vorgehen Moskaus in der Ukraine 2014, als in Folge Teile des Donbas besetzt und die Krim annektiert wurden. Im Unterschied zur Ukraine ist Estland allerdings Mitglied der EU und NATO.
NATO vorbereitet
Militärexperte Carlo Masala beschreibt die Verteidigung des Baltikums als grundsätzlich vorbereitet: „Für das Baltikum existieren konkrete NATO-Verteidigungspläne. Estland, Lettland und Litauen gelten militärisch als gemeinsames Operationsgebiet", so der Experte zur BILD. Bereits heute sind NATO-Truppen in Estland stationiert, etwa im Rahmen einer von Großbritannien geführten multinationalen Kampftruppe. „Es gibt Pläne, Estland zu verteidigen, genauso wie es Pläne für Lettland und Litauen gibt“, so Masala.
Als besonders verwundbar gilt jedoch die Grenzstadt Narva, in der überwiegend russischsprachige Bevölkerung lebt und die direkt an Russland liegt. Trotz militärischer Sicherungen fehle dort eine starke Nato-Präsenz. „Ich bin mir relativ sicher, dass die Esten natürlich sofort zurückschießen würden. Dass die nordischen Staaten sich überlegen würden, sehr ernsthaft Estland zur Hilfe zu eilen. Aber das heißt ja noch nicht, dass auch die Nato als solche da reingehen würde.“
Eine mögliche Lösung wäre laut Masala, NATO-Truppen direkt in Narva zu stationieren, um die Abschreckung zu erhöhen – umgesetzt ist das bisher jedoch nicht. Auch deutsche Soldaten könnten im Ernstfall eingreifen, etwa über die in Litauen stationierte Brigade: „Wenn sie den Befehl bekommt, könnte sich diese Brigade natürlich sofort nach Estland bewegen, dann würde man allerdings den Russen die Möglichkeit eröffnen, in Litauen reinzugehen.“
Die derzeit kursierenden Meldungen über eine angebliche „Volksrepublik Narva“ bewertet Masala vor allem als Teil hybrider Kriegsführung. „Das sind Social-Media-Aktivitäten. Solange Kreml-Vertreter nicht öffentlich behaupten, Russen in Estland müssten ‚geschützt‘ werden, sehe ich aktuell keine unmittelbare militärische Bedrohung.“ Zudem sei Russland weiterhin stark durch den Krieg gegen die Ukraine gebunden.