Neue Erkenntnisse
Brutaler Nachwuchs: Junge T.-Rex-Babys zerbissen schon Knochen
Tiere, die vor gut 66 Millionen Jahren einem frisch geschlüpften Tyrannosaurus rex begegneten, sollten sich besser nicht von dessen Zwergenhaftigkeit täuschen lassen. Zwar wogen die Jungtiere kaum mehr als zweieinhalb Kilogramm und waren ungefähr so groß wie eine Hauskatze – harmlos waren sie deshalb aber keineswegs. Neue Fossilanalysen zeigen: Bereits kurz nach dem Schlüpfen jagten sie eigenständig Beute und zerbissen dabei sogar Knochen. "Tyrannosaurier waren in jeder Größe gefährlich", resümiert der Anatom Eric Snively (Oklahoma State University) auf Grundlage der Untersuchungsergebnisse. Die im Fachjournal Biology veröffentlichte Studie liefert erstmals detaillierte Einblicke in die früheste Lebensphase des berühmtesten Raubsauriers. Das internationale Forschungsteam um den Paläontologen Nicholas Longrich (University of Bath) nahm die bislang ältesten bekannten Fossilien von T.-rex-Jungtieren unter die Lupe und rekonstruierte aus diesen Funden nicht nur deren Lebensweise, sondern auch die Fortpflanzungsstrategie der Giganten der Kreidezeit.
Untersuchungen an extrem seltenen Fossilien
Ausgewachsene Tyrannosaurier konnten bis zu zwölf Meter lang werden und mehrere Tonnen wiegen. Das ist längst bekannt und steht in jedem Dinobuch für Kinder. Über ihre ersten Lebensmonate wusste die Wissenschaft bisher dagegen erstaunlich wenig. Fossilien frisch geschlüpfter Raubsaurier sind extrem selten, weil ihre zarten Knochen nur in Ausnahmefällen erhalten blieben. Dazu zählen die nun untersuchten Überreste, die aus dem T. rex Discovery Centre des Royal Saskatchewan Museum in Kanada stammen. Mithilfe hochauflösender Computertomografie analysierten die Forschenden einen Mittelfußknochen eines sehr jungen Tieres. Das Knochengewebe war von zahlreichen Blutgefäßen durchzogen. Das ist ein Hinweis auf extrem schnelles Wachstum. Gleichzeitig fehlten sogenannte Wachstumsringe, die bei Dinosauriern ähnlich wie Jahresringe bei Bäumen entstehen. Das Tier dürfte deshalb jünger als ein Jahr gewesen sein. Noch aufschlussreicher erwiesen sich winzige Zähne, die ebenfalls frisch geschlüpften Tyrannosauriern zugeordnet werden konnten. Ihre Spitzen zeigen deutliche Abnutzungsspuren, die dadurch entstanden, dass die Zähne regelmäßig auf Knochen trafen. "Die Babys zerbissen die Knochen ihrer Beutetiere genauso wie ausgewachsene Tyrannosaurier", sagt Snively in einer Presseaussendung seiner Universität. Das spricht dafür, dass die Jungtiere bereits kurz nach dem Schlüpfen Wirbeltiere jagten und keineswegs nur Insekten oder Aas fraßen.
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Selbstständiger Nachwuchs besetzte eigene Nische
Die Ergebnisse zeichnen das Bild eines erstaunlich selbstständigen Nachwuchses. Statt über längere Zeit im Nest versorgt zu werden, dürften die Jungtiere dieses rasch verlassen haben. Ihre geringe Körpergröße könnte dabei sogar ein Vorteil gewesen sein: Während ausgewachsene Tyrannosaurier riesige Pflanzenfresser erlegen mussten, konnten die Jungen kleine Dinosaurier und andere Wirbeltiere jagen und so eine ökologische Nische besetzen, die den Erwachsenen verschlossen blieb. Die Forschenden vermuten daher, dass verschiedene Altersstufen derselben Art kaum miteinander konkurrierten. Dieses Phänomen ist auch von anderen Dinosauriern bekannt und könnte ein wichtiger Erfolgsfaktor der Tyrannosaurier gewesen sein.
Rekonstruktion der Fortpflanzung und Brutpflege
Aus den Fossilien leiten Longrich und sein Team zudem spannende Rückschlüsse auf die Fortpflanzungsstrategien von T. rex ab. Demnach legten Tyrannosaurier wahrscheinlich deutlich mehr Eier als heutige Vögel, aber weniger als viele Reptilien. Kleinere Weibchen dürften rund 20 Eier produziert haben, große Tiere bis zu 30. Das liegt weit unter den mehr als hundert Eiern, die manche Schildkröten ablegen, aber deutlich über den Gelegen großer Vögel. Dahinter steckt ein grundlegendes evolutionäres Prinzip: Tiere können entweder viele Nachkommen hervorbringen oder vergleichsweise viel Energie in deren Betreuung investieren – beides gleichzeitig ist kaum möglich. Schildkröten setzen auf Masse und überlassen ihren Nachwuchs sich selbst. Vögel legen meist wenige Eier, kümmern sich dafür intensiv um ihre Jungen. Tyrannosaurus rex scheint evolutionär zwischen diesen beiden Strategien gelegen zu haben. Die Forschenden schließen daraus auf eine eher begrenzte Brutpflege: Die Eltern könnten ihre Nester bewacht oder die Jungtiere anfangs geschützt haben, eine längere Versorgung erscheint jedoch unwahrscheinlich.
Hohe Sterblichkeit prägte frühes Leben
Dass T.-rex-Weibchen so viele Eier legten, deutet zugleich auf eine hohe Sterblichkeit unter den Jungtieren hin. Viele dürften Raubtieren zum Opfer gefallen sein – möglicherweise sogar älteren Tyrannosauriern. Kannibalismus ist bei mehreren großen Theropoden nachgewiesen und könnte auch bei T. rex vorgekommen sein. Die neue Studie liefert damit nicht nur neue Erkenntnisse über den "König der Dinosaurier", sondern auch über die Evolution der Brutpflege insgesamt. Im Verlauf der Erdgeschichte investierten Dinosaurier offenbar zunehmend mehr in ihre Nachkommen. Die Tyrannosaurier markieren dabei eine Zwischenstufe: Sie brachten noch relativ viele Junge hervor, diese waren aber bereits größer und besser entwickelt als die Nachkommen früherer Dinosaurier. Dieser Trend setzte sich nach dem Aussterben der Dinosaurier vor 66 Millionen Jahren fort. Sowohl Vögel – die letzten überlebenden Dinosaurier – als auch Säugetiere entwickelten Strategien mit weniger Nachkommen und intensiverer Fürsorge. Beim Tyrannosaurus hingegen galt offenbar schon unmittelbar nach dem Schlüpfen das Recht des Stärkeren. Selbst ein Raubsaurier von der Größe einer Hauskatze war bereits ein perfekt ausgestatteter Jäger – und definitiv kein Kuscheltier.