Evolutionswunder
Diese Spezies lebt seit 100.000 Jahren ohne Sex
In den warmen, langsam fließenden Flüssen von Mexiko und dem Süden von Texas schwimmt eine Fischart, die es nach gängiger wissenschaftlicher Lehre eigentlich gar nicht geben dürfte. Das rein weibliche Lebewesen nutzt den Samen nah verwandter Arten im Zuge der sogenannten Gynogenese nur als Auslöser für die Ei-Entwicklung. Das männliche Erbgut wird danach sofort aussortiert und weggeworfen. Die Nachkommen sind ausschließlich Töchter und exakte Klone ihrer Mütter. Forscher blicken gespannt auf diese neuen Erkenntnisse, die das traditionelle Verständnis über die Notwendigkeit von Sexualität ins Wanken bringen.
Rätsel um das Überleben
Eigentlich besagt die Evolutionstheorie, dass sich ungeschlechtlich fortpflanzende Arten rasch aussterben müssten. Da der genetische Austausch fehlt, sammeln sich über Generationen hinweg schädliche Mutationen im Erbgut an – ein schleichender Prozess, der in der Fachwelt als "Mullers Ratchet" bezeichnet wird. Doch die nach den Kriegerinnen der griechischen Mythologie benannte Fischart existiert bereits seit etwa 100.000 Jahren und widerlegt die Annahme, dass ein Leben ohne Sex unweigerlich zum Aussterben verdammt ist.
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Hohe Kosten für Sex
Dabei ist die geschlechtliche Fortpflanzung im Tierreich eigentlich der absolute Standard. Laut Dave Speijer, einem Evolutionsbiologen von der Universität Amsterdam in den Niederlanden, vermehren sich 99,9 Prozent aller Arten auf diese Weise. Edward Ricemeyer, Computerbiologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München in Deutschland und Co-Autor einer neuen Studie, betont zudem, dass Sex ein ziemlich seltsamer und komplizierter Weg der Fortpflanzung ist. Er sei kostspielig, da Partner gesucht werden müssen und jedes Elternteil nur die Hälfte seiner DNA weitergibt. Dennoch sorgt das ständige Mischen der Gene für eine größere Vielfalt und schützt vor genetischem Verfall.
Alternative Wege der Natur
Dass der Kärpfling dennoch überlebt, deutet laut Speijer darauf hin, dass die Evolutionstheorie oft zu eng interpretiert wird. Jedes System brauche Mechanismen, um Fehler im Erbgut zu verwalten – Sex ist dabei nur eine mögliche Strategie. Der Amazonen-Kärpfling steht mit diesem Phänomen nicht allein da: Sogenannte Rädertierchen, die Chiara Boschetti von der Universität Plymouth im Vereinigten Königreich erforscht, kommen sogar seit Jahrmillionen ohne Männchen aus. Diese winzigen Kreaturen stehlen genetisches Material direkt aus ihrer Umwelt, um extremste Bedingungen zu überstehen. Ob dieser DNA-Diebstahl den Sex ersetzt oder wie genau der Kärpfling sein Erbgut über 100.000 Jahre gesund hielt, bleibt Gegenstand intensiver Forschung.