Ja, an dieser Stelle könnten auch die nettesten Sommer-Krimis zu finden sein (keine Angst, kommt bald). Doch dieses Buch ist zu spannend und zu interessant, um es Ihnen vorzuenthalten. Es ist auch streckenweise unbequem. In Überfall von Militärexperte Stefan Gady wird ein Szenario entworfen, dass uns den kalten Angstschweiß den Rücken entlang jagt: Was wäre, wenn in Österreich Krieg ausbricht?
Krieg bei uns
Ausgangspunkt für Gadys Überlegungen ist freilich ein gewisses traditionelles Empfinden, dass bei uns in Österreich "eh nix schlimmes passieren" kann. Neutralität und Landesgröße untermauern diesen Gedanken meist.
Doch der Militärexperte, der auch in Interviews immer wieder darauf hinweist, dass auch wir im Ernstfall nicht sicher sind macht unser Land zum Schauplatz eines Konfliktes. Dieser startet Ende 2028 mit der Verkettung einiger geplanter und ungeplanter militärischer Vorgänge, die vorerst nur Litauen und Russland betreffen. Doch wenn sich Strategie mit KI und Befindlichkeiten mischt, dann kann es schnell unbequem werden. Und flugs befinden wir uns im Krieg.
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Beklemmend und aktuell
Gady untermauert sein Gedankenspiel mit seiner Militärexpertise. Diese Melange aus Fakten und Fiktion macht sein Buch zu einem hybriden Text zwischen Sachbuch und Thriller. Wer auf den Geschmack des Themas gekommen ist, dem sei auch der Roman "Zwei Tage im Sommer" von Lukas Pellmann empfohlen. Darin dreht sich alles um einen fiktiven Krieg in Ungarn...
“Kommt es zu einem Krieg zwischen Russland und Europa, wird Österreich aus militärisch-operativen Gründen wegen der Neutralität mehr Tote, Verletzte und zerstörte Infrastruktur haben.”
Franz-Stefan Gady
Interview mit Franz-Stefan Gady
Lieber Herr Gady, Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie immer wieder Menschen begegnen, die ob der Kriegsherde besorgt sind, aber glauben, dass wir in Österreich ja nicht wirklich betroffen sind. Warum ist das eine schwierige Annahme, was brauchen wir dringend für den Ernstfall, und gibt es überhaupt ein Land, das eine Insel der Seligen ist?
Das ist das Resultat einer jahrzehntelangen quasi "Indoktrinierung" durch die politische Klasse, dass die Neutralität Österreich vor Krieg und Konflikt schütze. Ich sage: Kommt es zu einem Krieg zwischen Russland und Europa, wird Österreich aus militärisch-operativen Gründen wegen der Neutralität mehr Tote, Verletzte und zerstörte Infrastruktur haben. Keiner konnte mein Argument bis dato auf dieser Ebene widerlegen. Vielmehr kommt die bequeme Antwort: „Es wird schon nichts passieren" oder „Aber geh, wer soll uns denn angreifen, und ein Krieg mit Russland ist pure Fantasie." Das ist völlig normal und Selbstschutz. Das Gleiche hörte man im August 1939 in Warschau und im Jänner 2022 in Kyjiw. Viele wohlhabendere Bekannte, auch – man glaubt es kaum! – einige Politiker:innen, fragen mich aber immer wieder, wohin sie denn flüchten sollen, wenn der Krieg über Österreich hereinbricht. Neuseeland, Australien und Südafrika sowie Südamerika werden da immer wieder als "Insel der Seligen" diskutiert. Auch im Kriegsfall würden meine Familie und ich aber im Land bleiben. Ich bin ja auch Offizier im Bundesheer und sehe das als meine Pflicht.
“Wir haben dabei ein grundsätzlicheres Problem: dass die drei größten Militärmächte der Welt von alten Männern über 70 regiert werden, die weniger an der Gegenwart als vielmehr an ihrem Platz in der Geschichte interessiert sind.”
Franz-Stefan Gady
Was sind heutzutage die gefährlichsten Bedrohungen? Neue Technologien wie KI oder Drohnen, Putin, Ressourcenknappheit, Fake News oder – der jahrhundertealte Klassiker – abgründig menschliche Machtansprüche?
Natürlich wird die KI im Bereich biologischer, atomarer und anderer Massenvernichtungswaffen das Gefahrenpotenzial steigern. Dass Kriege aus ökologischen Gründen stattfinden, dieser These kann ich aber wenig abgewinnen. Krieg bleibt immer politisch und ist von der Politik getrieben. Wir haben dabei ein grundsätzlicheres Problem: dass die drei größten Militärmächte der Welt von alten Männern über 70 regiert werden, die weniger an der Gegenwart als vielmehr an ihrem Platz in der Geschichte interessiert sind. Wann immer es in der Geschichte eine solche Konstellation gab, in der militärische Stärke mit persönlichem Geltungsdrang im höheren Alter abseits der Staatsräson dominierte, stieg die Wahrscheinlichkeit militärischer Konflikte.
Sind Sie immer auf einen Krisenfall vorbereitet – vielleicht mit Vorräten oder auf andere Art?
Zum Teil. Vieles kommt aus meiner Erfahrung in der Ukraine in den letzten Jahren. Wir haben daheim immer einen Vorrat an Trinkwasser, haltbaren Lebensmitteln, Medikamenten, eine batteriebetriebene Taschenlampe, ein Radio, Ersatzbatterien, Powerbanks und etwas Bargeld sowie ein Erste-Hilfe-Set. Wichtige Dokumente haben wir griffbereit in einer Notfalltasche.
Franz-Stefan Gady: "Überfall" ist im Styria-Verlag erschienen.