Den ältesten Verlag Österreichs gibt es bald nicht mehr wie bisher.
Der Aufschrei war groß, als vergangenes Wochenende in den sozialen Netzwerken bestätigt wurde, was branchenintern schon herumgeisterte: Leykam, Österreichs ältester Verlag (1585 gegründet), wird es in gewohnter Weise nicht mehr geben. Die Sparten Kinder- und Sachbuch sowie Belletristik werden eingestellt.
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„Aus wirtschaftlichen Gründen“, so heißt es in einem Statement auf Instagram habe man sich „dazu entschlossen, keine neuen Buchprojekte im Bereich Publikumsbuch (Literatur, Kinderbuch, populäres Sachbuch) für 2027 und später abzuschließen.“
Was ist uns Kunst wert?
Stefan Gartler, Geschäftsführer von Leykam. erklärte gegenüber oe24 darüber hinaus: „Hierzu kann ich noch ergänzen, dass die signifikanten Verluste im Publikumsbuch, die durch die anderen Bereiche nicht aufgefangen werden konnten, ausschlaggebend für diese Entscheidung sind.“ Einige weitere Fragen ließ er unkommentiert.
Stellen sich einmal mehr die Fragen: Wie wirtschaftlich muss Literatur sein? Was ist uns Kunst wert? Wie eine Recherche ergab, gehört Leykam zur Unternehmensgruppe Gartler Invest, in deren Portfolio sich u.a. Luxuschalets, Hotels in Graz und eine Privatstiftung befinden.
Hitliste
Die Nachricht vom Aus kam fast gleichzeitig wie jene, dass Michael Stavaričs Tierisch wilde Schlafmützen auf der ORF Kids Bestenliste des Monats gelandet ist. Leykam-Bücher wurden in den letzten Jahren vielfach ausgezeichnet; auch dank der breiten Ausrichtung und der liebevollen Gestaltung. Hier ist jedenfalls Belletristik- und Kinderbuchprogrammchefin Tanja Raich zu nennen, die, wie viele AutorInnen, mit denen sie gearbeitet hat bestätigen, offen und enthusiastisch und mit viel Know-how ans Werk ging.
Sie sind Leykam
AutorInnen, die zuletzt mit ihren Büchern bei Leykam erfolgreich publiziert haben, sind u. v. a. Eva Reisinger zusammen mit Mareike Fallwickl ( Das Penismuseum ), Jaqueline Scheiber (Dreimeterdreissig), Petra Piuk ( Hotel Love ) oder Michael Köhlmeier (Dr. Melchiors lustige Tiere).
Programm
Die letzten Bücher in den Segmenten sind fertig, sie sind mit dem Herzblut der Beteiligten entstanden, und werden nun vermutlich nicht mehr die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient hätten. Bei uns werden Sie bis zum Ende von Leykam hören. Und noch ein kleiner Hinweis: Wem Kunst nicht wichtig ist, der sollte sich auch nicht mit ihr schmücken (dürfen).
Statement von Eva Reisinger
"Ich bin fassungslos und mich macht diese Entscheidung traurig. Leykam war für mich immer ein Ort für feministische Ideen, Diversität und Mut zu Witz und Drastik. Bücher mit innerer und äußerer Schönheit. Wie man ein so großartiges Team in prekären Zeiten gehen lassen kann, ist für mich unverständlich und zu kurz gedacht. Ich und viele andere Autor*innen wie etwa Jaqueline Scheiber (deren neues Buch erscheint im März) verdanken dem Verlag viel und werden für immer mit Liebe auf unsere Bücher bei Leykam blicken. Ich bin bisher zu keinem großen deutschen Verlag gegangen und blieb Leykam als Indie-Verlag loyal. Angebote, die ich bekommen habe, habe ich stets abgelehnt, da für mich der Verlag wie eine Familie war. Zusammen haben wir uns damals für den mutigen Titel "Männer töten" entschieden und einen Bestseller gelandet und Preise gewonnen. Der Verlag stand mir zur Seite und machte meinen literarischen Durchbruch möglich. Auch beim neuen Buch "Das Pen!smuseum" zusammen mit Mareike Fallwickl hatten wir totale künstlerische Freiheit in unseren Geschichten und ich denke, darum ist das Buch auch so beliebt und hat sich derart gut verkauft. Die Bücher haben klar gezeigt, wie groß das Interesse der Menschen an sogenannter feministischer Literatur ist und dass sie nach neu erzählten Geschichten lechzen."
Kennen Hintergründe nicht
Weiter, so Reisinger: "Dass Leykam nächstes Jahr keine Bücher mehr macht, ist unfassbar traurig. Wir als Autor*innen kennen die Hintergründe für die Entscheidung leider nicht. Gerade in Zeiten eines gesellschaftlichen Rechtsrucks, in denen Frauen- und Transrechte wieder zur Disposition stehen und Rassismus an Raum gewinnt, wäre ein Verlag wie Leykam unverzichtbar gewesen. So fühlt sich das Ende eines feministischen Verlages wie ein Sieg des Patriarchats an. Leykam stand für mich immer für eine sehr stabile Haltung, für intersektionalen Feminismus und Diversität und einfach sehr gute Bücher. Umso wichtiger ist es jetzt, die Bücher von Leykam, die dieses Jahr erscheinen, zu unterstützen, denn die Autor*innen haben nichts mit der fragwürdigen Entscheidung zu tun und haben es sich nicht verdient, unterzugehen. Und ich wünsche mir, dass alle Autor*innen und Mitarbeiter*innen gut unterkommen. Ich hab einen neuen, tollen Verlag gefunden und mein neuer Roman erscheint wie geplant nächstes Jahr. "
Statement von Michael Stavaric
"Ich finde es sehr schade, dass man ein Kinderliteraturprogramm aufgibt, das auf seine Weise einzigartig war. Der Leykam-Verlag hat vieles richtig gemacht, seine Bücher wurden wahrgenommen, hatten Reichweite, und es ist bedauerlich, dass die wirtschaftliche Lage zu diesem Schritt führte. Ich hätte mir gewünscht, dass man eine andere Lösung findet. Die Publikumsprogramme von Leykam waren innovativ, in inhaltlicher und ästhetischer Hinsicht, manchmal auch kontrovers, aber das darf und muss ein Verlag bisweilen sein. Diese Perspektive wird der österreichischen, ja deutschsprachigen Leserschaft definitiv fehlen. Aus meiner Sicht wie gesagt vor allem in der Kinderliteratur, deren Mehrwert (abseits wirtschaftlicher Interessen) für mich außer Frage steht. Und es ist nicht selbstverständlich, dass man einfach irgendwo anders nun solche ambitionierten Kinderliteraturprojekte umsetzen darf. Wir Kinderbuchautor*innen und Illustrator*innen statten jüngere Generationen mit all dem aus, was diese dringend benötigen: Sprachbewusstsein, Wissen, Fantasie, Imagination, Empathie und Altruismus. Das werden diese auch außerordentlich benötigen, in Anbetracht der toxischen Scherben (Stichwort Weltlage), die unsere Generationen hinterlassen. Gute Kinderliteratur, wie sie bei Leykam erschien, simplifiziert nicht, sie versucht die Komplexität der Welt abzubilden. Und ich würde mir für uns alle eine Gesellschaft wünschen, in welcher ein solcher Mehrwert über den wirtschaftlichen Interessen steht."