Michelle Emmen (37) zeigt auf Instagram, wie ihr Kleinkind im Lastenrad durch den Regen fährt – ohne Regenverdeck. Dazu schreibt sie: "Ich lasse mein Kind bewusst ein bisschen leiden." Dahinter steckt das Konzept "Friction Maxxing": Kleine Unannehmlichkeiten sollen bewusst zugelassen werden, statt sie sofort aus dem Weg zu räumen.
Kleine Hürden statt Rundum-Service
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Emmen lässt ihre beiden Kinder beispielsweise kurz warten, wenn sie sich gerade mit jemandem unterhält. Auch die Jacke sollen sie selbst aufhängen – selbst wenn der Haken dafür ziemlich hoch sitzt. Sie verstehe sich keineswegs als strenge oder spartanische Mutter. Vielmehr gehe es darum, den Kindern wichtige Erfahrungen zu ermöglichen.
"Ich weiß, was diese kleinen Mikroerfahrungen der Unannehmlichkeit bewirken: Frustrationstoleranz, Resilienz und das Gefühl: Ich überstehe das, ich schaffe das", erklärt sie.
"Kinder, die nie Unbehagen erleben, lernen: Unbehagen ist gefährlich"
Für die Pädagogin und Kindertherapeutin ist das Konzept eine liebevolle Vorbereitung auf das spätere Leben. Wer Kindern jede Enttäuschung erspare, nehme ihnen auch die Möglichkeit, mit schwierigen Situationen umzugehen.
"Kinder, die nie Unbehagen erleben, lernen eine Sache: Unbehagen ist gefährlich", schreibt Emmen auf Instagram. In ihrer Praxis erlebe sie regelmäßig Kinder, die bereits bei kleinen Enttäuschungen überfordert seien, weil sie nie gelernt hätten, damit umzugehen.
Gegenüber RTL Niederlande erklärt sie, Eltern sollten ihren Kindern mehr zutrauen und nicht jedes Hindernis sofort beseitigen. Will ein Kind zur Rutsche, soll es selbst hinlaufen oder hinaufklettern, statt sofort hochgehoben zu werden. Auch bei Regen könne ein Kind lernen, sich eigenständig die Kapuze aufzusetzen. Ihre fünfjährige Tochter mache das mittlerweile ganz selbstverständlich.
Heftige Kritik im Netz
Mit ihrem Erziehungsansatz stößt Emmen allerdings nicht nur auf Zustimmung. Unter ihrem Video finden sich auch zahlreiche kritische Kommentare. Während manche Nutzer ihr Vorgehen gutheißen und darauf verweisen, dass Kinder früher ebenfalls mehr selbst ausprobieren mussten, nennen andere die Methode "hart" und "unnötig".
Einige reagieren sogar mit Sarkasmus. Ein Kommentar lautet laut RTL: "Unser Sohn schwimmt zur Schule, hat noch keinen Abschluss, aber er muss einfach durchhalten."
Emmen lässt sich davon nicht beirren: "Ich bin diese wütenden Eltern gewohnt. Aber ich teile es trotzdem immer wieder."
Trend kommt ursprünglich aus der Tech-Kritik
Der Begriff "Friction Maxxing" stammt ursprünglich nicht aus der Pädagogik. Die amerikanische Kolumnistin Kathryn Jezer-Morton machte ihn mit einem viel beachteten Beitrag für das US-Magazin "The Cut" bekannt. Sie rief 2026 zum "Jahr des Friction Maxxing" aus.
Ihre Kritik richtet sich vor allem gegen die Technologiebranche: Apps und digitale Angebote würden unser Leben zunehmend darauf ausrichten, jede Anstrengung und Unannehmlichkeit zu vermeiden. Lesen sei langweilig, Bewegung anstrengend und Gespräche mit Fremden unangenehm. Dabei könnten gerade solche Erfahrungen wertvoll sein.
Als Gegenbewegung empfiehlt sie, bewusst wieder mehr Reibung in den Alltag zu lassen: draußen auf unebenem Boden gehen statt auf dem Laufband vor dem Fernseher zu laufen, ein anspruchsvolles Buch lesen statt durch soziale Medien zu scrollen oder eine Karte von Hand schreiben statt eine Nachricht zu tippen.
Die Grenze liegt bei der Sicherheit
Wichtig ist dabei: "Friction Maxxing" soll nicht bedeuten, sich oder andere bewusst leiden zu lassen. Es geht um kleine, alltägliche Herausforderungen – nicht um extreme Belastungen.
Auch Emmen zieht bei ihren Kindern eine klare Grenze: "Ein Kind darf sich dabei niemals allein gelassen fühlen. Die Erziehung muss immer liebevoll sein." Auf den Vorschlag, ein Kind etwa mit zu heißem Tee Erfahrungen sammeln zu lassen, reagiert sie deutlich: "Das ist nicht unangenehm, das ist unsicher."