Freeze-Modus

Schiefes Lueger-Denkmal: Proteste in Wien

© APA/SONJA HARTER
Das Wiener Lueger-Denkmal zeigt sich ab sofort im permanenten Freeze-Modus. Die bewusste Schräglage der umstrittenen Statue soll Irritation auslösen, stößt bei Kritikern vor Ort aber auf lautstarken Widerstand
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Unter lautstarkem Protest in Form eines Pfeifkonzerts von Vertreterinnen der Jüdischen österreichischen HochschülerInnen, aber auch Prominenten wie der Schriftstellerin Marlene Streeruwitz, ist am Donnerstag damit begonnen worden, den Bauzaun rund um das nunmehr gekippte Lueger-Denkmal an der Wiener Ringstraße abzubauen. Zuvor hatte die mit der Kontextualisierung befasste Kunstinstitution KÖR (Kunst im öffentlichen Raum) zum Pressegespräch geladen.

Eine offizielle Eröffnung des Projekts "Schieflage (Karl Lueger 3,5°)" von Klemens Wihlidal, das die Bronzestatue des wegen seines Antisemitismus umstrittenen früheren Wiener Bürgermeisters Karl Lueger (1844-1910) um 3,5 Grad gekippt hat, wird nicht erfolgen. "Was sollen wir denn dann feiern?", antwortete Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) auf eine entsprechende Journalistennachfrage. "Ich halte Zurückhaltung für die adäquate und angemessene Reaktion auch auf das Kunstwerk. Jetzt lassen wir das mal im öffentlichen Raum wirken und schauen, was das mit uns macht", so die Stadträtin.

Blick auf das Denkmal mit der Bronzefigur des wegen seines Antisemitismus umstrittenen früheren Wiener Bürgermeisters Karl Lueger . © Wolfgang Thaler

"Hier wurde ein Denkmal zum Mahnmal"

Ein bloßes Entfernen oder Schleifen des Denkmals stand für die Stadträtin, die sich dabei auf die Kulturwissenschafterin Aleida Assmann berief, nie zur Debatte: "Über Leerstellen lässt sich nicht sprechen. Wenn etwas weg ist, fällt auch die Geschichte weg." Durch die bauliche Intervention sei das Monument nun transformiert worden: "Hier wurde ein Denkmal zu einem Mahnmal." Der Ort solle künftig als permanenter Raum für Diskussion, Auseinandersetzung und lebendige Erinnerungskultur dienen. Angesichts eines neu aufflammenden aktuellen Antisemitismus brauche es eine "permanente, aus zeitgenössischer Sicht geführte Auseinandersetzung mit seinen historischen Grundlagen".

Neben der visuellen Schräglage soll auch eine vom Zeithistoriker Oliver Rathkolb verfasste Texttafel vor Ort für die nötige historische und sprachliche Kontextualisierung sorgen. Die Vorsitzende der Wettbewerbsjury, Eva Maria Stadler, nannte den Prozess, der unter Einbindung der Stadtverwaltung und der Bezirksvertretung stattfand, ein "Lehrstück für die Verteidigung demokratischer Werte": "Demokratie zu leben heißt, jeden Tag damit umzugehen, jeden Tag Gespräche zu führen, sich auszutauschen und unterschiedliche Positionen zu hören und mit einzunehmen."

Vermittlungsprogramm geplant

Gekostet hat das Projekt insgesamt 776.000 Euro. Cornelia Offergeld, künstlerische Leiterin von KÖR, legte die vielschichtige Genese des Projekts, das 2022 gestartet ist, dar und verwies auch auf das bereits stattgefundene und in Zukunft geplante Vermittlungsprogramm: So beginnen im Sommer in Kooperation mit dem Bildungsverein "Lernen in gesellschaftlichen Spannungsfeldern" vor Ort Workshops zum Thema Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart, ab Herbst ist ein Schwerpunkt für Schülerinnen und Schüler geplant.

Für den Künstler Wihlidal ist es ein "Denkmalsturz im Freeze-Modus": Durch die Neigung um 3,5 Grad sei "nichts mehr wie bisher". "Es irritiert und fordert auf, sich kritisch mit der Person und der Thematik auseinanderzusetzen", sagte er bei der Pressekonferenz. Das Denkmal werde so zu einem öffentlich sichtbaren Zeichen gegen Antisemitismus und Rassismus, gegen Ausgrenzung und Hetze. "In diesem Sinn hat Lueger hier noch etwas zu leisten."

Trotz zahlreicher Beschmierungen in der Vergangenheit wird es künftig weder Polizeischutz noch Videoüberwachung geben, sagte Kaup-Hasler auf Nachfrage. "Ich glaube, wir können der Gesellschaft vertrauen, dass sie das erst mal auf sich wirken lässt."