Neue Romantik
Von „Bridgerton“ bis „Wuthering Heights“: Warum wir uns nach New Romance sehnen
26.02.2026Nicht nur das große „Bridgerton“-Finale und der Start von „Wuthering Heights“ bewegen die Menschen – das New Romance-Phänomen prägt Mode, Beauty und Lifestyle. Woher rührt die Sehnsucht nach Romantik?
Verstohlene Blicke. Zärtliche Küsse. Briefe, die mit Tinte geschrieben anstatt mit Emojis getippt wurden. Willkommen im Zeitalter der New Romance – jenem ästhetischen und emotionalen Megatrend, der Seriencharts dominiert, Laufstege erobert und sogar unsere Dating-Kultur neu definiert. Was als Streaming-Faszination – allem voran mit dem Start des Netflix-Hits „Bridgerton“ Ende 2020 – begann, ist längst ein Lebensgefühl geworden. Zwischen Sehnsucht, Nostalgie und digitaler Überforderung entdecken wir die Lust an der Romantik, an vermeintlich „seichten“ Inhalten und am langsamen Verlieben neu. Und das spiegelt sich überall wider – in Mode, Beauty, Reisen und sogar in der Art, wie wir lieben.
Die neue Lust am Verlieben
Der New Romance-Trend, der stark auf die Epoche der Romantik zwischen 1795 und 1840 zurückgreift, hat seinen Ursprung in der Corona-Pandemie-Zeit zwischen 2019 und 2021. In dieser Phase der Isolation und Einsamkeit vieler entstand zwischen TikTok, Instagram und Streaming-Diensten wohl die Sehnsucht nach Emotionalität, der Beschäftigung mit dem eigenen Innenleben und vor allem einer heilen Welt. Dass die historische Realität freilich anders aussah, spielt dabei keine Rolle. Rüschen, Rosatöne, romantische Liebeserklärungen – all das zählte plötzlich.
In New Romance-Büchern, vor allem aber auch im Serien-Hit „Bridgerton“ wurde Liebe wieder zum Ereignis – opulent, dramatisch, slow burn. Kerzenschein, sehnsüchtige Blicke, das Knistern unausgesprochener Gefühle – und dann doch leidenschaftlicher Sex. „Sowohl die Buchreihe als auch die Serie treffen einen Nerv, an dem Fantasie, Emotion und moderne Sehnsucht aufeinandertreffen – und das auf eine Weise, die eher genussvoll als eskapistisch wirkt“, erklärt Expertin Netta Baker in einem von der Virginia Tech Universität veröffentlichten Artikel zum Thema. „In einer Medienlandschaft, die Romantik oft an den Rand drängt oder zynisch behandelt, besteht ,Bridgerton‘ darauf, dass Liebe transformativ ist, Begehren Bedeutung hat und emotionale Intimität zählt.“ Diese Bestätigung wirke „zutiefst befriedigend, besonders für ein Publikum, das seine Sehnsüchte sonst eher herunterspielt oder in der Realität in seinem Begehren nicht ernst genommen wird.“
Der Erfolg ist Programm. Kein Wunder also, dass „Bridgerton“ auch bereits in der vierten Staffel (die letzten Folgen gingen gerade online) keineswegs an Hype verliert. Und keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal behält.
Leidenschaft wird wieder düster
Kürzlich startete Emerald Fennells Neuverfilmung von „Wuthering Heights – Sturmhöhe“, in der die Hollywood-Stars Margot Robbie und Jacob Elordi die dunklere, noch leidenschaftlichere Seite der Romantik zurück ins Kino bringen. Gothic-Melancholie trifft auf intensive Bildsprache. New Romance vereint beide Pole: süße Regency-Eleganz und dramatische Erotik. Als „zweistündigen Edelporno“ kritisieren Fans von Emily Brontës Liebesklassiker die filmische Inszenierung von „Saltburn“- und „Promising Youn Women“-Drehbuchautorin und -Regisseurin Emerald Fennell. Fakt ist: „Wuthering Heights“ spielte allein in der ersten Spielwoche weltweit über 114 Millionen US-Dollar ein und gilt schon jetzt als Kino-Überraschung des Jahres 2026.
Weiter geht‘s also mit dem New Romance-Hype, der sich freilich auch in der Mode- und Beauty-Branche abzeichnet. Empire-Linien, Puffärmel, transparente Stoffe, Perlen und Korsett-Details prägen den Regencycore-Look. Zarte Pastelltöne wie Rosé, Salbei und Lavendel dominieren. Parallel dazu wächst der Dark-Romance-Stil: schwarze Spitze, dramatische Silhouetten, Samt und viktorianische Elemente. Es geht nicht um Kostüm, sondern um Gefühl – um eine selbstbestimmte, moderne Weiblichkeit.
Im Beauty-Kosmos verspricht man Haut wie nach einem heimlichen Kuss im Garten, zart gerötete Wangen, natürliche Glow-Haut, Lippen in Beerentönen oder Rosé. Frisuren inszenieren uns weich – mit Locken, Flechtelementen und entzückenden Schleifen.
Und auch auf Reisen erlebt „Destination Romantik“ einen Boom: Historische Anwesen und romantische Luxushotels sind wieder gefragt. Afternoon Teas, literarische Salons und Candlelight-Dinner werden wieder zelebriert statt konsumiert. Reisen wird zur Inszenierung – zur persönlichen Liebesgeschichte.
Warum wir all das brauchen? Nicht, um in die Vergangenheit zurückzukehren. Das Credo lautet vielmehr, sich das Beste aus ihr zu nehmen – Aufmerksamkeit, Intensität, Inszenierung – kombiniert mit moderner Selbstbestimmung. Weil wir wohl genug von Zynismus haben, uns nach Intimität sehnen – und uns Schönheit und ein Hauch von harmlosem Drama Hoffnung geben.