Bert Brecht und der Gulag

Spannende Polemik

Bert Brecht und der Gulag

Es gibt viele Bücher über den großen Dramatiker (Mutter Courage und ihre Kinder) und Lyriker Bertolt Brecht – auch kritische. Jetzt hat der in Ostberlin geborene und 1988 in den Westen gegangene Lyriker Uwe Kolbe eine bittere Abrechnung mit dem „Meister vom Dorotheenstädtischen Friedhof“ vorgelegt.

Hätte das menschenverachtende Regime der DDR ohne Bertolt Brecht so lange Bestand gehabt? Die natürlich zugespitzte Frage – Brecht starb bereits 1956 – von Kolbe zielt auf die Vorbildfunktion des legendären Autors weit über seinen Tod hinaus. Der Dramatiker Heiner Müller (Der Auftrag) etwa leitete von Brecht die Legitimation ab, dass man Kommunist und Künstler sein konnte, wie Kolbe in seinem jetzt erschienenen Essay Brecht 
(S. Fischer Verlag) betont.

Kolbe provoziert mit 
seinen Thesen
Kolbe mutet den Lesern in dieser Streitschrift starken und polemischen Tobak zu, er provoziert mit steilen Thesen. Er will – wie Brecht – mit Zuspitzungen zum Nachdenken über althergebrachte Gedankengebäude und Bilder anregen, zum produktiven Gedankenstreit eben, also eigentlich ganz im Sinne Brechts. Vor allem will die Polemik an der „Vorbildfunktion“ des intellektuellen „Übervaters“ Brecht kratzen.

›Antidemokratischer Leninist‹, ›politischer Clown‹
„Ich bin in einer geschlossenen Gesellschaft groß geworden, in der Tabus mit dem Knüppel verteidigt wurden“, sagte der Ex-DDR-Dichter Kolbe bei der Buchpräsentation in Berlin. Und auf Brecht anspielend: „Der Leninist, der sich zur DDR bekannte und von ihr ein Theater geschenkt bekommen hat, war eindeutig antidemokratisch“.

Kolbe nennt daher den „deutschen Realsozialismus und seine kritischen Dichter in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit“ eine „Farce“. Heiner Müller sei ein „politischer Clown“ gewesen. Der Autor spricht vom „Aussetzen des kritischen Verstandes vor den Trägern der stalinistischen Doktrin“, was mit Brecht begonnen habe.

Brecht wusste von 
Stalin und dem Gulag
Für den Geist habe es damit nur noch „Bejahung, Begleitung, produktives Seit-an-Seit mit der Macht“ gegeben. Brecht habe sich darauf eingelassen, auch wenn er zugleich damit haderte, aber eben nur intern: „Privat, im Theater, vor seinen Schülern blieb er der Scharfzüngige, als der er angetreten war.“

Brecht ist für Kolbe der „Dichter und Sänger der sow­jetischen Sache“ geblieben. Er habe von Stalins Verbrechen, von den Moskauer Schauprozessen und dem Gulag-System gewusst – das später Alexander Solschenizyn öffentlich machte. Somit sei Brechts Verhalten „auch Teilhabe am Verbrechen“, meint Kolbe polemisch.

Später hätten seine Nachfolger auch für die intellektuelle Legitimation des Mauerbaus und des Regimes, das damit verbunden war, gesorgt. „Mehr oder minder alle klimperten halbherzig auf dem Stacheldraht, fanden ihre persönlichen Schlupflöcher darin und klimperten weiter, Biermann, Müller, Braun, die kleineren Brecht-Nachahmer“, und „selbst dieser nach-nachgeborene Kolbe noch“, so Kolbe.

„Ohne Brechts Anpassung“, hätte es „die Anpassung so vieler Intellektueller nicht gegeben“. Die Folgen dieser „Heldenverehrung“ seien fatal gewesen, wettert Kolbe.

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