Sonderthema:
Muliar warnt vor Haiders Erben

Lebensbilanz

© Josefstadt

Muliar warnt vor Haiders Erben

Zuletzt sah man den Kammerschauspieler und Publikumsliebling Fritz Muliar in zwei Produktionen des Theaters in der Josefstadt: In George Taboris Mein Kampf und in Peter Turrinis Wirtin. Am 4. Mai starb der große Komödiant nach einer Wirtin-Vorstellung 89-jährig an Herzversagen. Kurz vor seinem Tod hatte er sein künstlerisches und politisches Resümee und Testament diktiert: Denk ich an Österreich (Residenz Verlag) ist Lebensbilanz und wortmächtige Warnung – vor Jörg Haiders Erbe(n) und der „Verlugnerung“ der Medien. Gegen Ende des Buches begründet der ehemalige Burgtheater-Star auch, weshalb er schließlich in der Josefstadt seine Heimat gefunden hat. Hier die markantesten Passagen:

Über Kurt Waldheim: „Waldheim war für Österreich eine Katastrophe, weil er außenpolitisch eine schwere Belastung darstellte. Salonfähig war er nur bei einigen arabischen Diktatoren.“

Über Jörg Haider: „Ich bin immer gegen den früher blauen und später orangefarbenen Austropopper gewesen, dem die derbe Anbiederung an ‚das Volk' gelang, weil er das Herumsaufen mit ‚die klan Leit' beherrschte. Das macht in Österreich populär.“

Über Haiders Körperkult: „Ein Mensch, der, wie die Münchner sagen, auftritt wie ein Stenz und der seinen braun gebrannten Körper zum Wohlgefallen der Frauen und der Männer auch politisch einsetzt, verkörpert nicht das, womit ich in irgendeinem Zusammenhang stehen möchte.“

Über Haider & Schüssel: „Er hat hemmungslos Anleihen beim Duce genommen und sich wie Mussolini gezeigt: HJ im schnittigen Porsche – der damalige Bundeskanzler Schüssel ist freiwillig zu ihm eingestiegen und hat sich führen lassen – dieses Bild sagte mehr als tausend Worte. Sportwagen und Duce, das haben wir Älteren gut in Erinnerung. HJ sportlich und braungebrannt. Mussolini ritt ein Pferd, und der Straflagerexperte ist am Gummibandl von der Brücke gesprungen. Das sind klare Botschaften. (...) Mir sind Berg-, Fels- und Baumkraxler, Brückenspringer und Autoraser in der Politik zuwider.“

Über Haiders Unfalltod: „Mehrmals habe ich gesagt, dass der Eitelhold in Kärnten nichts anderes ist als ein Ventilator – der macht Wind, mehr nicht. Angesoffen wie er war, hat er selbst den Stecker aus der Dose gerissen. Es wirkt wie eine späte Strafe für seine Beschimpfung des Lyrikers und Sprachvirtuosen H. C. Artmann, der vom Bärentaler als „Säufer“ bezeichnet wurde, als einer, der, von der öffentlichen Hand bezahlt, nicht nur lebe, sondern auch noch trinke, dass sich Haider vollfett mit überhöhter Geschwindigkeit seines Autos selbst ausgelöscht hat. Und nun verlangen seine Handlanger, dass mit Ehrfurcht von dem Taferlzeiger gesprochen werde, und klagen, dass seinen Gegnern die nötige Pietät fehle. Es wird nicht lange dauern, und zum Andenken an den Führer aus dem Kärntnerland werden Plätze, Brücken, Parks und Straßen benannt. Vielleicht kommt noch eine Kapelle oder gar ein An-Führer-Museum.“

Über Haiders Erben: „Haider war gefährlich, und die ‚Großen', ÖVP und SPÖ, haben nur lahm und kleinkariert reagiert. Der gegenwärtige Fanatismus gleicht dem, der in der Ersten Republik zum Untergang beigetragen hat. Den dazu passenden Totenkult gab es damals, und den gibt es auch heute. Denn was sind diese Kerle, diese FPÖ- und BZÖ-Führer, die dem verstorbenen Karawankenmessias in nahezu hündischer Treue anhängen? – Das hat nichts mit Sympathie oder Verehrung zu tun, das ist Fanatismus.

Über Ewald Stadler: Stadler ist ein interessanter Mann: Schlagender Christ – das passt nicht zusammen. Wie war denn das mit der anderen Backe, die man hinhalten soll? Bei Stadler habe ich das Gefühl, ihm ist ein bisschen Hirn durch die Mensurnarben ausgeronnen.

Über H. C. Strache: Ein anderes Kaliber ist der vielgesichtige H. C. Strache. Bei ihm habe ich immer das Gefühl, wenn man ihn privat auf seinen immer wieder geäußerten Fremdenhass anspräche, würde er sagen: „Nehmen Sie es nicht so ernst.“

Über Kärnten: Ich habe nirgendwo sonst so rechte Sozialdemokraten wie in Kärnten gesehen, so rechte Grüne. Die ÖVP und die Rechten in Kärnten könnten auch eine Einheitspartei gründen, so ununterscheidbar ist dort der Einheitsbrei.

Über Androsch & die SPÖ: Wenn ich einen erfahrenen Politiker wie Hannes Androsch im Fernsehen sehe und höre, was er zu sagen hat, denke ich mir: Fix noch einmal, wenn der in die Politik zurückkommt, haben wir fünf Prozent mehr (...) Androsch ist die Verkörperung dieser Ideale, der in bewundernswerter Weise als Großkapitalist und erfolgreicher Unternehmer immer sagt: Wir Sozialdemokraten.

Über Richard Lugner: Es gibt einen Sender, der zeigt den Herrn Lugner beim Skifahren, den Herrn Lugner auf dem Opernball und den Herrn Lugner mit irgendwelchen blöd grinsenden Weibern. Dieser Mensch, der bestimmt ein guter Propagandist seiner Sache ist – was er für ein Baumeister ist, weiß ich nicht, geschäftstüchtig ist er sicher –, ist mir so etwas von zuwider (...) Diese lächerliche Figur gehört nur ignoriert.

Über Lugner & den Opernball: Er hat über mich gesagt, als Schauspieler gefalle ich ihm ganz gut, aber meine Ansichten gefallen ihm nicht. Ich möchte ausdrücklich feststellen: Ich lege überhaupt keinen Wert darauf, Herrn Lugner zu gefallen. Er gefällt mir auch nicht. Ich finde alles, was er macht, zutiefst widerlich, und was er auf dem Opernball macht, ist mir wurscht. Das muss sich der Herr Holender mit ihm ausmachen.

Über Lugner & Viagra: Diese Form der Verlugnerung ist eine öffentlich gemachte Intimsphäre, die nichts anderes bewirken soll, als Geschäfte anzukurbeln. Mir ist es völlig wurscht, wer das Mausi des Herrn Lugner heute ist und wer es morgen ist. Das ist alles wenig interessant. Wenn der Ex-Bundespräsidentschaftskandidat verrät, wie er und sein Mauserl das Potenzmittel Viagra ausprobiert und wie sehr sie das genossen haben, finde ich das widerlich. Wenn dann in den „Seitenblicken“ die Sexmaschine ein bisserl müd’ auftaucht, fragt man sich schon, ist Geschmack eine so beliebige Sache, dass auch Ung’schmackiges darunter sein muss? Vielleicht hat der Tüchtige doch ein paar Ziegel zu viel in seinem Leben gemörtelt?

Über Claus Peymann: Seit Peymann ist das Burgtheater nicht mehr das Haus, das es einmal war. Er hat es geschafft, die ihm eigene Identität zu nehmen und hat es in ein ganz normales deutsches Theater verwandelt. Es ist kein österreichisches Theater mehr.

Über Peymanns Erben: In Peymanns Folge kommen ununterbrochen irgendwelche Kasperl, die uns aufzwingen wollen, dass wir so Theater spielen sollen wie in Düsseldorf. Seine Nachfolger waren nicht schlechter, aber auch nicht besser als er. Das Ergebnis all dieser Bemühungen ist, dass die Burg nun dasselbe Konstrukt hat wie jedes bessere deutsche Provinztheater.

Über Burg & Josefstadt: Das Burgtheater behandelt seine nicht mehr aktiven früheren Mitglieder nicht sehr freundlich. Man sucht zu uns keinen Kontakt, was mir einerseits leid tut, andrerseits aber auch die gesellschaftliche und moralische Qualität der Direktionsführung bezeugt. An diesem Zustand wird sich auch unter der kommenden Leitung (Matthias Hartmann, Anm.) nichts ändern. Ich habe mich an die Josefstadt so angeschmiegt wie sie sich an mich. Ich kann in diesem Haus nicht nur Theater spielen, sondern fühle mich darin auch geborgen. Daher habe ich verfügt, dass ich nicht im Burgtheater aufgebahrt werden möchte. Ich will auch nicht, dass sie mich herumtragen (...) Ich brauche niemanden, der hinter meinem Sarg geht und den Trauernden mimt. Ich möchte ein normaler Josefstädter sein und möchte als Josefstädter mit Burgtheatervergangenheit begraben werden. Und auf meinem Sarg soll nichts anderes stehen als mein Name, darunter: Kammerschauspieler.

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