06. Februar 2010 21:55
Zum Skandal um die Salzburger Festspiele nimmt nun auch Staatsoperndirektor
Ioan Holender Stellung. Der scheidende Wiener Opernchef ist erwartungsgemäß
nicht gerade zimperlich.
ÖSTERREICH: Können die Salzburger Osterfestspiele unter diesen Umständen
überhaupt noch weitergeführt werden?
Ioan Holender: Es ist absurd, ein Festival weiterzuführen, das durch
einen Mann geboren wurde und mit diesem Mann gestorben ist. Seit Herbert von
Karajans Tod sind die Salzburger Osterfestspiele eine moribunde, künstlich
am Leben gehaltene Fehlinvestition.
ÖSTERREICH: Kann es sein, dass jahrelanger schwerer Betrug durch die Herren
Dewitte & Co. bei den Osterfestspielen niemandem aufgefallen ist?
Ioan Holender: Die Osterfestspiele waren ursprünglich ein reines
Privatfestival, das den Steuerzahler nichts gekostet hat. Und als solches
unterlag es auch keinen öffentlichen Kontrollen. Aber wie immer in
Österreich begann man auch hier mit Subventionen ...
ÖSTERREICH: ... 175.000 Euro vom Land, 75.000 von der Stadt, 90.000 Euro
indirekte Subvention …
Ioan Holender: ... und dass man dann dieses Geld den Berliner
Philharmonikern förmlich hineinschüttet, weil sie drohen, sonst in eine
deutsche Kurstadt (Baden-Baden) abzuwandern, sagt ja viel über das
übersteigerte Selbstwertgefühl der Salzburger aus. Offenbar muss man dort
gleich zwei der berühmtesten Orchester der Welt haben ... Klüger wäre es
natürlich, wenn das ausschließlich die Wiener Philharmoniker machen würden.
Die sind ja sowieso immer irgendwo – wäre doch besser, sie sind in Salzburg
...
ÖSTERREICH: Was sagen Sie zum Kriminalfall Dewitte?
Ioan Holender: Wozu braucht der Leiter der Salzburger Osterfestspiele
Reise- und Repräsentationskosten?! Wo muss der hinreisen? Überhaupt nirgends
muss der hinreisen! Man bringt dort jedes Jahr eine Oper – eine einzige Oper
heraus! Und die wählt der Leiter der Berliner Philharmoniker aus.
ÖSTERREICH: Wird der Kriminalfall Osterfestspiele Ihrer Meinung nach auch
einer der Salzburger Sommerfestspiele?
Ioan Holender: Nennen wir das so wie bei der Bombardierung Belgrads
durch die Amerikaner – damals sprach man von einem Kollateralschaden. Denn
dass man im selben Gebäude, bei der selben Infrastruktur, die Oster- und
Sommerfestspiele beim besten Willen nicht total auseinanderdividieren kann,
ist ja klar.
ÖSTERREICH: Ist der „Feststpielkrimi“ auch ein kultur- und
gesellschaftspolitisches Debakel?
Ioan Holender: Bei den Salzburger Osterfestspielen kostet eine
Eintrittskarte für eine Oper und zwei Konzerte 1.250 Euro. Das funktioniert
zwar mehr schlecht als recht, aber es funktioniert immer noch, und die
Stiftung hat immer noch Geld, und die Witwe ist die Präsidentin, und „wir
sind dort unter uns“ – aber wie, frage ich mich, kommt der österreichische
Steuerzahler dazu? Nennt die Frau Burgstaller das verantwortungsvolle
Kulturpolitik?
ÖSTERREICH: Auch die Sponsoren der Festspiele werden zunehmend nervös?
Ioan Holender: Der größte Sponsor der Festspiele sind ja immer noch
die Steuerzahler. Und die sind schon lange nervös. Nur hört ja deren Stimme
keiner.