ÖSTERREICH-Interview

© Schöndorfer

"Osterfestspiele sind Fehlinvestition"

Zum Skandal um die Salzburger Festspiele nimmt nun auch Staatsoperndirektor Ioan Holender Stellung. Der scheidende Wiener Opernchef ist erwartungsgemäß nicht gerade zimperlich.

ÖSTERREICH: Können die Salzburger Osterfestspiele unter diesen Umständen überhaupt noch weitergeführt werden?

Ioan Holender: Es ist absurd, ein Festival weiterzuführen, das durch einen Mann geboren wurde und mit diesem Mann gestorben ist. Seit Herbert von Karajans Tod sind die Salzburger Osterfestspiele eine moribunde, künstlich am Leben gehaltene Fehlinvestition.

ÖSTERREICH: Kann es sein, dass jahrelanger schwerer Betrug durch die Herren Dewitte & Co. bei den Osterfestspielen niemandem aufgefallen ist?

Ioan Holender: Die Osterfestspiele waren ursprünglich ein reines Privatfestival, das den Steuerzahler nichts gekostet hat. Und als solches unterlag es auch keinen öffentlichen Kontrollen. Aber wie immer in Österreich begann man auch hier mit Subventionen ...

ÖSTERREICH: ... 175.000 Euro vom Land, 75.000 von der Stadt, 90.000 Euro indirekte Subvention …

Ioan Holender: ... und dass man dann dieses Geld den Berliner Philharmonikern förmlich hineinschüttet, weil sie drohen, sonst in eine deutsche Kurstadt (Baden-Baden) abzuwandern, sagt ja viel über das übersteigerte Selbstwertgefühl der Salzburger aus. Offenbar muss man dort gleich zwei der berühmtesten Orchester der Welt haben ... Klüger wäre es natürlich, wenn das ausschließlich die Wiener Philharmoniker machen würden. Die sind ja sowieso immer irgendwo – wäre doch besser, sie sind in Salzburg ...

ÖSTERREICH: Was sagen Sie zum Kriminalfall Dewitte?

Ioan Holender: Wozu braucht der Leiter der Salzburger Osterfestspiele Reise- und Repräsentationskosten?! Wo muss der hinreisen? Überhaupt nirgends muss der hinreisen! Man bringt dort jedes Jahr eine Oper – eine einzige Oper heraus! Und die wählt der Leiter der Berliner Philharmoniker aus.

ÖSTERREICH: Wird der Kriminalfall Osterfestspiele Ihrer Meinung nach auch einer der Salzburger Sommerfestspiele?

Ioan Holender: Nennen wir das so wie bei der Bombardierung Belgrads durch die Amerikaner – damals sprach man von einem Kollateralschaden. Denn dass man im selben Gebäude, bei der selben Infrastruktur, die Oster- und Sommerfestspiele beim besten Willen nicht total auseinanderdividieren kann, ist ja klar.

ÖSTERREICH: Ist der „Feststpielkrimi“ auch ein kultur- und gesellschaftspolitisches Debakel?

Ioan Holender: Bei den Salzburger Osterfestspielen kostet eine Eintrittskarte für eine Oper und zwei Konzerte 1.250 Euro. Das funktioniert zwar mehr schlecht als recht, aber es funktioniert immer noch, und die Stiftung hat immer noch Geld, und die Witwe ist die Präsidentin, und „wir sind dort unter uns“ – aber wie, frage ich mich, kommt der österreichische Steuerzahler dazu? Nennt die Frau Burgstaller das verantwortungsvolle Kulturpolitik?

ÖSTERREICH: Auch die Sponsoren der Festspiele werden zunehmend nervös?

Ioan Holender: Der größte Sponsor der Festspiele sind ja immer noch die Steuerzahler. Und die sind schon lange nervös. Nur hört ja deren Stimme keiner.

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