Otello: Zauber und kalte Brillianz

Kritik von Karl Löbl

© wildbild

Otello: Zauber und kalte Brillianz

Der Hof der Zitadelle von Zypern. Treppen, Türen, Fenster ermöglichen schnelle Auftritte und Abgänge. Inmitten eine quadratische Öffnung, teils Kino mit sturmgepeitschten Meereswogen, ziehenden Wolken, teils reale Öffnung für zusätzliche Schauplätze. Drei Akte lang ein taugliches Bühnenbild, im letalen Finale jedoch bar jeder Intimität.

Desdemona stirbt im Hof auf einem riesigen schwarzen Leichentuch, Zyprioten sehen dabei zu.

Regisseur Stephen Langridge weiß, was Riccardo Muti schätzt. Die Chöre sind frontal zum Dirigenten arrangiert, die Sänger meist in Rampennähe. Damit wird musikalische Präzision erleichtert. Die konventionelle Inszenierung gibt bis zur Pause dem Publikum das Gefühl, tatsächlich Verdis Otello zu sehen. Im zweiten Teil stören ungeschickte, der Handlung widersprechende Details. Langridge wird dafür ausgebuht. So schnell kann Zuspruch umkippen.

Muti
Bejubelt wird Muti, der Verdis dynamische Vorschriften (vom dreifachen Pianissimo bis zum dreifachen Forte) wörtlich nimmt. Es gelingen ihm mit den Wiener Philharmonikern delikate Passagen von großer Zartheit, doch die explosiven Ausbrüche der Musik decken nicht selten die Solostimmen brutal zu. Mutis Interpretation enthält kostbare Details, ersetzt jedoch menschliche Anteilnahme an den Figuren und ihrem Schicksal durch kalte Brillanz.

Lyrisch
Auf der Bühne in Kostümen der Shakespeare-Zeit der perfekt studierte, exzellente Chor der Wiener Staatsoper. Aleksandrs Antonenko singt die Titelpartie mit Sicherheit, eher lyrisch gefärbtem Tenor, einiger Kraft und ohne dramatischen Ausdruck. Man glaubt ihm nicht, dass er vor Eifersucht außer sich gerät. Carlos Alvarez ist ein guter, handfester Jago.

Ereignis
Das Ereignis der Aufführung ist jedoch die Desdemona der Russin Marina Poplavskaya. Ihr sehr persönlicher, im Stimmumfang außergewöhnlich expansiver, von dramatischer Mittellage bis zu zauberhaften hohen Kopftönen reichender Sopran bringt alles an Ausdrucksnuancen, was den eher eindimensionalen Partnern fehlt. Sie erhielt zuletzt auch vom Orchester, nicht nur vom Publikum, Ovationen. Hysterische „Bravi!“ noch während der letzten leisen Musiktakte; starker, doch endenwollender Beifall.

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