Die Filmkritik zur Stones-Doku

Filmbesprechung

© Pascal Le Segretain/Getty Images

Die Filmkritik zur Stones-Doku "Shine a Light"

Mit den Bildern der ersten 10 Minuten von „Shine A Light“ schenkt Regisseur Martin Scorsese den Rolling Stones nichts: In körnigem Schwarz-Weiß hält die Kamera dicht drauf auf die furchig-ledrigen Gesichter von Mick Jagger, Keith Richards, Ron Wood und Charlie Watts und macht klar: Rock’n’Roll schützt vor Alter nicht – aber auch umgekehrt: Jagger, wie er, quirlig wie eh und je, wie ein Derwisch über die Bühne fegt, und Richards, wie er, benebelt wie immer, dennoch endlos fit scheint, reißen mit in den Szenen, in denen Scorsese sie auf der Bühne zeigt.

Trotzdem sind In den ersten 10 Filmminuten noch alle sauer aufeinander. Vor einem der beiden Konzerte im New Yorker Beacon Theater, das die Stones 2006 im Rahmen ihrer Bigger Bang Tour spielten, mault Jagger: „Dieses Bühnenmodell sieht Sch* aus, Marty wollte das so, aber ich nicht“. Marty –Scorsese – kann so ebenfalls nicht arbeiten: „Die sagen uns einfach nichts. Zumindest die Setlist vom Auftritt brauchen wir, damit wir die Kameras positionieren sollen. Mit welchem Song fangen sie an? Die sagen uns einfach nichts.“

Diese Szenen versprechen den Start nicht nur einer Stones-Doku sondern auch einer Scorsese-als-Regisseur-Doku. Sie zeigen, wie schwierig das ganze Unterfangen war. Sie zeigen aber vor allem auch, zu welcher Selbstironie die Rock- sowie die Regielegende fähig sind.

Doch wenig davon bleibt erhalten: Kaum geht nach den ersten 10 Minuten das Licht aus, heult die Gitarre auf und steht man nun in Farbe und gestochen scharfem Bild ganz dicht mit auf der Bühne – kaum hat also das Konzert begonnen, war’s das schon mit dem Film.

Wie bei Musik-Dokus üblich, durfte man eine Dreiteilung erwarten: die Stones auf der Bühne, die Stones backstage und die Stones damals. Doch sieben Achtel des Films sind nicht mehr – und nicht weniger – als ein Konzertmitschnitt.

Bedenkt man, dass unter Scorseses Regie die Besten der Welt an den 16 Kameras gesessen sind, überrascht und enttäuscht das Ergebnis, das wenig vom Aufwand und den vorhandenen Möglichkeiten vermittelt. Der Blick hinter die Bühne beschränkt sich auf insgesamt nur wenige Minuten. Die Ausschnitte von einst, aus Archivmaterial zusammengepuzzelt, sind witzig, aber ergeben weder ein neues Bild der Stones, noch ein genaueres.

Überraschend aber auch: Die Songlist des Films besteht aus vielen Titeln, die die Stones lange nicht oder noch nie live vorgetragen haben. Dazu sind Auftritte mit Jack White von den White Stripes oder mit Christina Aguilera wesentlicher Bestandteil des Films.

„Die Stones in ihrer absurden Ganzheit, die sie sind, einzufangen, ist unmöglich“, sagt Scorsese selbst. Also entschied er sich, die Bandbiografie wegzulassen und konzentrierte sich auf die Momente der Energie während der Konzerte. In präzisen Momenten choreografieren die Kameras dann Revierkämpfe zwischen Jagger und Richards ebenso wie deren Versöhnung noch während desselben Songs. Die meiste Zeit aber bleibt Scorseses Blick zu weit außen vor. „Shine A Light“ ist kein Film über die Stones, wie sie waren oder so wurden, sondern was sie in diesen 122 Minuten Filmminuten sind.

Alexandra Zawia

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