Warum Wohnbau, Projektentwicklung und Vergabepraxis eine zentrale Rolle für den Standort Österreich spielen
Der Umbau der österreichischen Wirtschaft wird zunehmend regional gedacht. Investitionen sollen dort wirken, wo sie Arbeitsplätze sichern, Know-how erhalten und langfristige Stabilität schaffen. Gerade der Wohnbau und die Bauwirtschaft stehen dabei im Fokus. Sie verbinden hohe Investitionsvolumina mit lokaler Wertschöpfung, langen Lieferketten und einer großen Zahl an beteiligten Betrieben. Die Frage, wie Aufträge vergeben werden und wer davon profitiert, ist damit auch eine Frage der Standortpolitik.
Gemeinnütziger Wohnbau als regionaler Arbeitgeber
Michael Gehbauer, Obmann des Verbands gemeinnütziger Bauvereinigungen, verweist auf die wirtschaftliche Bedeutung des Sektors. „Die gemeinnützige Wohnungswirtschaft in Österreich hat insgesamt 173 Unternehmen in ganz Österreich und einen Verwaltungsbestand von über einer Million Wohnungen“, sagt Gehbauer. Durch Neubau und Sanierung entstehe ein hohes Auftragsvolumen für die heimische Wirtschaft. „Wir beschäftigen ungefähr durch unser Auftragsvolumen in Österreich 25.500 Menschen, nicht nur in der Bauwirtschaft, sondern auch in angegliederten Bereichen. In der Sanierung sind es weitere 11.200 Menschen“, so Gehbauer. In den Bundesländern würden kleinere Projekte häufig regional ausgeschrieben, während bei großen Vorhaben Generalunternehmermodelle dominieren. Gerade im ländlichen Raum sei der Kontakt mit regionalen Betrieben „viel, viel intensiver“.
Projektentwicklung zwischen Regionalität und Regulierung
Alexander Pawkowicz, Geschäftsführer der Vereinigung Österreichischer Projektentwickler, sieht Regionalität in vielen Fällen als praktische Notwendigkeit. „Das hängt im Grunde davon ab, wie groß die Unternehmen sind“, sagt Pawkowicz. Kleinere Projektentwickler achteten häufig bewusst auf regionale Vergaben. Hinzu komme der Föderalismus: „Wir haben neun Bundesländer mit neun unterschiedlichen Bauordnungen. Da kommen wir um Regionalität oft gar nicht herum“, so Pawkowicz. Planung und Umsetzung seien ohne lokale Expertise vielfach kaum möglich.
Industrie und KMU als Rückgrat
Nikolaus Brada, Inhaber des österreichischen Aufzugherstellers NIBRA, betont die Rolle der Klein- und Mittelbetriebe. „Über zwei Drittel aller Beschäftigten in Österreich arbeiten in Klein- und Mittelbetrieben. Sie sind die Stütze unserer Wirtschaft“, sagt Brada. Regionale Anbieter stünden für kurze Wege, schnelle Reaktionszeiten und stabile Beschäftigungsverhältnisse. „Was wir wollen, ist, dass die Wertschöpfung hier bei uns in Österreich im Land bleibt“, so Brada.
Kontrolle und faire Wettbewerbsbedingungen
Aus Sicht der Finanzpolizei spielt neben der wirtschaftlichen auch die rechtliche Dimension eine zentrale Rolle. Wilfried Lehner, Bereichsleiter Finanzpolizei im Amt für Betrugsbekämpfung, Bundesministerium für Finanzen, verweist auf die Kontrollperspektive. „Unser Fokus liegt auf allen Formen von Lohn- und Sozialdumping, illegaler Ausländerbeschäftigung und Abgabenhinterziehung“, sagt Lehner. Ziel sei es, faire Wettbewerbsbedingungen für legal arbeitende Unternehmen sicherzustellen. Gerade dort, „wo über den Faktor Arbeit Wettbewerbsverzerrungen entstehen“, müsse konsequent kontrolliert werden, um Nachteile für heimische Betriebe zu vermeiden.
Qualität statt kurzfristiger Preisvorteile
Ein zentrales Thema der Diskussion ist das Bestbieterprinzip. Mehrere Gesprächspartner betonen, dass Qualität, Nachhaltigkeit und Lebenszykluskosten stärker berücksichtigt werden müssten als der reine Preis. Regionale Vergaben könnten dazu beitragen, langfristige Beziehungen zwischen Auftraggebern und Auftragnehmern zu stärken. Für den Standort Österreich bedeutet das eine Stabilisierung von Beschäftigung, Know-how und regionalen Wirtschaftskreisläufen.
Am 11. Februar 2026 um 15:30 Uhr steht bei Business LIVE auf oe24.tv die Offensive RotWeissRot im Mittelpunkt. Diskutiert wird, wie gemeinnütziger Wohnbau, Projektentwicklung, Industrie und Kontrolle durch die Finanzpolizei zur regionalen Wertschöpfung beitragen können. Zu Wort kommen Michael Gehbauer, Obmann des Verbands gemeinnütziger Bauvereinigungen, Alexander Pawkowicz, Geschäftsführer der Vereinigung Österreichischer Projektentwickler (VÖPE), Nikolaus Brada, Inhaber des Aufzugherstellers NIBRA, sowie Wilfried Lehner, Bereichsleiter Finanzpolizei im Amt für Betrugsbekämpfung, Bundesministerium für Finanzen. Im Fokus stehen Vergabepraxis, Bestbieterprinzip, regionale Lieferketten und faire Wettbewerbsbedingungen.
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