Hopkins: Den Dämonen auf der Spur

Das große Interview

Hopkins: Den Dämonen auf der Spur

In „Das Ritual“ spielt er einen Geistlichen, der Dämonen sucht – und findet.

„Ich war mir anfangs nicht so sicher, ob ich diesen Film machen soll“, sagt Anthony Hopkins. „Ich wollte nicht wieder eine dieser unheimlichen Rollen spielen.“ Doch dann ließ sich der Star von „ Das Ritual “ (ab Freitag, 18.3. in Österreichs Kinos) überzeugen. Er spielt er einen Priester und Exorzisten, der Menschen von Dämonen befreien will – und der dann selbst zum Besessenen wird.

Gut gelaunt für Interview
Im ÖSTERREICH-Interview sprach der als schwierig verschrieene Star gut gelaunt und sehr angeregt über Glauben und Teufel, über die Schauspielerei und seine berühmteste Rolle in „Das Schweigen der Lämmer“.

Hopkins dreht bald in Wien
Seine nächste Arbeit wird Hopkins nach Wien führen. An der Seite von Jude Law, Rachel Weisz und Karl Markovics wird er in „360“ spielen. Der Film ist eine moderne Version von Schnitzlers „Reigen“, geschrieben vom Wahl-Wiener und Star-Autor Peter Morgan („Die Queen“).

ÖSTERREICH: Wie sind Sie zu „Das Ritual“ gekommen?
ANTHONY HOPKINS: Ich war mir anfangs nicht so sicher, ob ich diesen Film machen soll, denn ich wollte nicht wieder eine dieser gruseligen, unheimlichen Rollen spielen. Also hatte ich das Skript schon weggelegt, ohne es zu lesen. Doch dann traf ich Regisseur Mikael Hafström, der ist gut und obendrein ein ruhiger, angenehmer Mann. Er überzeugte mich davon, mitzumachen. Das ist gar nicht so schwer bei mir: (er wendet sich an ÖSTERREICH-Redakteur Gunther Baumann) Sie wirken zum Beispiel wie ein sympathischer Mann, also, wenn Sie mir eine Rolle anbieten, dann sage ich ja (lacht). Es gibt und gab aber auch Monster unter den Regisseuren, Otto Preminger zum Beispiel. Bei Verhandlungen zu einem Film mit ihm wollte ich den Passus im Vertrag, dass ich sofort den Set verlassen kann, wenn er ausfällig wird. Ich bekam die Rolle nicht. Aber ich hörte dann, dass es für die Schauspieler ein Albtraum war, mit Preminger an diesem Film zu arbeiten.

Sie haben für „Das Ritual“ zugesagt, bevor Sie das Drehbuch lasen?
Hopkins: Nein, am Abend, bevor ich den Regisseur traf, las ich das Skript, und jetzt gefiel es mir sehr gut, weil diese Exorzismus-Story auf wahren Ereignissen beruht und sehr realistisch wirkte. Mikael Hafström sagte, dass er den realistischen Stil beim Dreh stark betonen wollte.

Was ist Ihre persönliche Meinung zum Exorzismus? Glauben Sie daran, dass der Teufel existiert?
Hopkins: Wir hatten auf dem Filmset als Konsulent Father Gary Thomas dabei, der ist ein Jesuit und Exorzist aus Kalifornien, ein sehr sympathischer Mann. Sehr normal. Ich fragte ihn: Glauben Sie, dass der Teufel menschliche Gestalt annehmen kann? Er sagte Ja. Können Sie ihn erkennen? Können Sie mir oder anderen in die Augen schauen und feststellen, ob er da ist? Ja. Wenn Father Gary als Exorzist aktiv wird, hat er aber stets einen Psychotherapeuten und einen Arzt bei sich, damit die Körperfunktionen des Betroffenen kontrolliert werden, denn ein Exorzismus kann ein sehr traumatisches Erlebenis sein. Er fragte mich dann, was ich glaube. Ich sagte, ich weiß nicht, ich kannte mal einen sehr guten Schauspieler, er war schon als junger Mann ein Star, doch später ist er völlig durchgeknallt und wurde total verrückt. Ein Priester hätte sicher sagen können,  der Mann ist von einem Dämon besetzt. Mir schien es aber eher so, als würde er unter einer schweren psychischen Störung leiden, vielleicht Schizophrenie. Father Gary fragte mich dann, ob ich an Gott glaube. Ich sagte, früher war ich ein Atheist, heute halte ich es mit C. G. Jung: Ich glaube an alles. Dann kam es zur Frage von Gut und Böse – nun, wir alle haben beide Elemente in uns, und schon Kinder neigen zur Grausamkeit, gegenüber Tieren oder Außenseitern. Wer diesen Pfad geht, ohne seine Lektionen zu lernen, kann ein wirklich schlechter Mensch werden.

Sind wir stets selbst dafür verantwortlich, ob das Gute oder das Böse in uns stärker ist, oder spielen da auch andere Faktoren mit?
Hopkins: Vor 35 Jahren machte ich die ganze Welt für meine Schwierigkeiten verantwortlich, bis ich eines Tages die schockierende Erkenntnis hatte: Die Probleme sind meine Probleme. Ich bin verantwortlich. Das war wie eine Erleuchtung, denn jetzt konnte ich beginnen, an meinem Leid etwas zu ändern. Das ist kein leichter Prozess, aber man kann es lernen: Es liegt an mir, ob ich leide oder ob ich so glücklich bin, wie es nur geht. Wir Menschen haben die Freiheit, Entscheidungen zu treffen.

Was halten Sie von Heilslehrern?
Hopkins: Menschen, die behaupten, im Besitz der Wahrheit zu sein, sind übel. Hitler war einer von denen, Dschingis Khan oder Stalin. Sie verfolgten Utopien, und Millionen von Menschen wurden zu ihren Opfern. Wenn irgendjemand behauptet, er weiß alles, Ende der Debatte – dann laufen Sie fort, so schnell Sie können!

Exorzisten glauben aber, die Wahrheit über Teufelsaustreibung zu wissen.
Hopkins: Der einzige, den ich kenne, ist der schon erwähnte Father Gary, und der ist kein Dogmatiker. Er glaubt an die Möglichkeit der Existenz des Teufels, aber er ist auch ein offener Mann.

Eine Hauptfigur im Film ist eine Sechzehnjährige, die vom eigenen Vater vergewaltigt wurde und jetzt schwanger ist. Hätte diesem traumatisierten Mädchen nicht ein Therapeut mehr geholfen als ein Exorzist?
Hopkins: Das kann ich nicht beantworten – ich bin nur ein Schauspieler, ich schreibe keine Geschichten. Ich analysiere nicht alle Aktionen der Filmfiguren; das ist die Aufgabe der Regisseure und Autoren. Es ist doch so: Wir alle wollen sehr tief und hintergründig sein, aber das sind wir gar nicht. Es gibt dieses wunderbare Zitat aus einem Brief an die berühmte Künstlerin Eva Hesse: „Versuche nicht, bedeutsam zu sein. Sei dumm. Male ein paar schlechte Bilder. Sei nicht cool – sei uncool. Hör damit auf, in der Kunst den großen Sinn des Lebens zu suchen.“ Kunst!

Höre ich da Vorbehalte zum Stellenwert der Kunst?
Hopkins: Ich glaube, Picasso hatte einen tollen Umgang mit dem Thema Kunst. Ich hörte die herrliche Anekdote über die Begegnung von Richard Burton mit Picasso. Burton, der damals noch nicht der große Star und auch nicht reich war, wollte in Paris Picasso kennenlernen, und er lud ihn ein ins Maxim’s, ein sehr teures Restaurant. Zu seinem Schreck kam Picasso mit acht Begleitern, und beim Zahlen wollte Burton halt einen Scheck zücken. Aber Picasso sagte nein. Er nahm eine Serviette, kritzelte was drauf und gab sie dem Kellner, der vor Ehrfurcht und Glück erstarrte. Muchas Gracias! Picasso war der Mick Jagger Spaniens, er kümmerte sich um keine Regeln, und er wusste, wie das Prinzip von Des Kaisers neue Kleider funktioniert. Picasso war ein herausragender Künstler, ein Genie, aber er besaß auch die Fähigkeit, das Oberste nach unten zu kehren und aus allem einen Scherz zu machen. Wie Andy Warhol.

Hat Ihnen die Schauspielerei in den langen Jahren Ihrer Karriere geholfen, den richtigen Weg im Leben zu gehen?
Hopkins: Laurence Olivier sagte einmal, die Schauspielerei sei das Placebo der Erkenntnis. Wenn ich etwas gelernt habe, dann eher durch das Lesen. Das hat mich zwar nicht zu einem besseren Menschen gemacht, aber es hat mir sehr viel nützliches Wissen gebracht. Ich liebe die Literatur, und ich liebe die Philosophie.

Was treibt Sie an in Ihrer Karriere?
Hopkins: Ich brauche nicht viel Motivation – es genügt, am Morgen aufzustehen. Ich bin ja nicht nur Schauspieler. Ich male auch und ich komponiere. Einige Stücke von mir werden im Sommer in England aufgeführt.

Auf Filmbildern haben Sie manchmal einen dämonisch wirkenden Blick. Hat das etwas mit Ihnen persönlich zu tun?
Hopkins: Aber überhaupt nichts. Das ist die Entscheidung der Publicity-Abteilung. Es ist eine Technik, ein Trick. Man fragte mich nach „Das Schweigen der Lämmer“, wie ich den Killer Hannibal Lecter angelegt hätte. Ich sagte, keine Ahnung, ich habe einfach meinen Text gelernt, und dann wurde ich in Gefängniskleidung hinter eine Glaswand gesteckt. Menschen hinter Glas wirken furchterregend. Die Angst entstand aber in der Fantasie der Zuschauer, ich hatte nichts damit zu tun – ich durfte in der Szene nur nicht blinzeln.

Ist es immer leicht für Sie, zu spielen, oder müssen Sie manchmal auch kämpfen?
Hopkins: Heute ist es leicht. Seitdem ich aufgehört habe, zu viel über die Schauspielerei nachzudenken. Heute sage ich mir: Alles, was ich wissen muss, steht im Drehbuch. Dazu muss man kein kein Genie sein. Lerne deinen Text, sei pünktlich am Set und tu es – das ist alles.

„Das Ritual“. Mit Anthony Hopkins, Alice Braga. Ab Freitag, 18. 3., in Österreichs Kinos.