Idomeneo

Theater an der Wien

"Idomeneo": Babybauch und Sturmwarnung

Michieletto versucht Oper mit toller Bühne & grellen Effekten ins Heute zu holen.

Verheerende Stürme toben nicht nur auf den Philippinen, sondern auch vor Kreta. Der dunkle Küstenstreifen jedenfalls, den Paolo Fantin für "Idomeneo" im Theater an der Wien aufgeschüttet hat, wirkt wie das Relikt eines Tsunami und ist von Stiefeln übersät. Neptun hat in dieser Mozart-Oper die Hand schicksalhaft im Spiel, und Regisseur Damiano Michieletto lässt die Protagonisten auf tiefem Terrain gegeneinander taumeln. Nicht ganz so dramatisch ging es bei der gestrigen Premiere im Orchestergraben bei René Jacobs und seinem Freiburger Barockorchester zu.

Wechselbad der Gefühle  
Dieser vom Meer geprägte "Idomeneo", bei dem nicht nur rasende Winde, sondern auch gefräßige Meeresungeheuer lebensgefährlich sind, ist ein Wechselbad der Gefühle. Die Zuschauer bekommen es kalt-warm. Einerseits ist die von weißen Vorhängen und hochziehbaren Seitenwänden begrenzte Bühne ein Geniestreich, andererseits ist das, was auf ihr passiert, mitunter reichlich überinszeniert. Einerseits ist es schön, die nach dem Trojanischen Krieg spielende Handlung sehr heutig präsentiert zu bekommen, anderseits fragt man sich, ob es unbedingt sein muss, dass sich Elettra in Glitzerkleidchen und High Heels als überaus blonder Shopaholic entpuppt, die schwangere Ilia auf offener Bühne ein Kind bekommt und albern um die Axt gerangelt wird, als befände man sich in der Sandkiste. Einerseits begleitet Dirigent René Jacobs die Sänger überaus sensibel, andererseits lässt er insgesamt Schwung und Durchschlagskraft vermissen, sodass nicht nur der weiche Bühnenboden, sondern auch der ausgebreitete Klangteppich manchmal ziemlich dämpfend wirkt. So gibt es Momente an diesem dreieinviertelstündigen Opernabend, an dem man begeistert und gefesselt ist, und andere Phasen, in denen der Zweifel überwiegt.

US-Tenor Richard Croft geht unter  
Sängerisch und darstellerisch ist ausgerechnet die Titelfigur die Schwachstelle. Der US-Tenor Richard Croft ist als Idomeneo farb- und kraftlos, seine Ausstrahlung reicht an diesem Abend kaum über den Orchestergraben hinaus. Ganz anders die französische Mezzosopranistin Gaelle Arquez in der Hosenrolle seines Sohnes Idamante. Sie empfiehlt sich bei ihrem Hausdebüt mit klarer Stimme, glänzender Intonation und präsentem Spiel nachhaltig für weitere Aufgaben. Sophie Karthäuser gab der schwangeren Ilia große Wahrhaftigkeit und Emotion mit, während sich Marlis Petersen als Elettra die längste Zeit auf den Mummenschanz zu konzentrieren schien, den ihr die Regie zugedacht hatte. Ihre finale Arie allerdings, bei der sich Wut und Verzweiflung mischt und die Modepuppe zum Schlammmonster wird, gelang wahrhaft furios.

Umzieh-Marathon

Warum nicht nur die Protagonisten, sondern auch der Arnold Schoenberg Chor dazu angehalten sind, nahezu ununterbrochen Kleider ab- oder anzulegen, das wissen wohl nur die Götter. Am Ende jedenfalls erweist sich Eros nachhaltiger als Ares. Neptun ist besänftigt. Da muss wohl auch Terpsichore, die Göttin des Tanzes und der Chorlyrik, ihren Segen geben. Fast einhelliger Jubel, durchbrochen von zaghaften Buhs für die Regie.

Info
"Idomeneo" von Wolfgang Amadeus Mozart, Libretto von Giambattista Varesco, Inszenierung: Damiano Michieletto, Bühne: Paolo Fantin, Kostüme: Carla Teti, Musikalische Leitung: René Jacobs, Freiburger Barockorchester und Arnold Schoenberg Chor, Theater an der Wien, Weitere Aufführungen: 15., 17., 20., 22., 24.11., 19 Uhr, Karten: 01 / 58885, www.theater-wien.at