›Bild‹-Vize Ronzheimer über Kabul

Afghanistan: Kanzler-Biograf kritisiert Kurz

Fellner Ronzheimer
© TZOE/Artner
Die Gewalt in Afghanistan eskaliert völlig. Paul Ronzheimer  über die Lage vor Ort.
OE24 auf Google bevorzugen

oe24.TV: Sie waren in Kabul, Amerikaner zwangen Sie und andere Journalisten zur Ausreise. Wie gefährlich ist die Situation tatsächlich?

Paul Ronzheimer: Es ist wahnsinnig gefährlich. Von allen Seiten drängen Tausende in Richtung der verschiedenen Tore am Flughafen, weil sie alle in letzter Sekunde Afghanistan verlassen wollen. Es zählt jede Stunde, schließlich beenden auch die USA am 31. August die Rettungsmission. Und jetzt dieses Attentat. Die Bilder, die ich gesehen habe, sind grausam. Wenn wir daran denken, dass viele Opfer diejenigen sind, die am ­Ende für uns und die USA in den vergangen 20 Jahren den Kopf hingehalten haben, dann kann man sich nur schämen. Wir haben es einfach nicht geschafft, diese Menschen rechtzeitig zu evakuieren. Deshalb haben wir Mitschuld an den Toten, die es bei dem Anschlag gegeben hat.

oe24.TV: Sie waren vor dem Siegeszug der Taliban in Afghanistan, jetzt wieder. Wie hat sich das Land verändert?

Ronzheimer: Kabul ist nicht mehr wiederzuerkennen und mit jenem Kabul zu vergleichen, das ich vor vier Wochen kennengelernt habe. Vor allem, wenn man die vielen Flüchtlinge sieht, die jetzt in die letzten Flieger steigen. Ich bin selbst mit so ­einer Maschine ausgeflogen. Wir waren zusammengepfercht. Wenn man die Menschen erlebt, die Angst, die Nervosität, dann merkt man, dass das ­Afghanistan, das ich lieben gelernt habe, nicht mehr existiert.

oe24.TV: Sie kennen Kanzler Kurz, sind sein Biograf. Er und Innenminister Nehammer wollen Flüchtlinge nach Afghanistan oder in Nachbarländer abschieben. Wie bewerten Sie das?

Ronzheimer: Ich halte das für schamlosen Populismus, der sich in einer Zeit, in der viele Afghanen leiden müssen, nicht gehört. Ich verstehe, dass es in der österreichischen Bevölkerung und sicher auch in der deutschen eine große Mehrheit dafür gibt, Straftäter abzuschieben. Aber in einer Zeit, in der Attentate wie jene vom Airport passieren und dann noch immer über Abschiebungen reden, ist nicht nur ­unrealistisch, das ist auch unredlich.

Fehler im Artikel gefunden?Jetzt melden