Amanda KNOX

Mord-Rätsel

DasTagebuch 
des Eis-Engels

Nach der Entlassung tauchen Details der Haft von Amanda Knox auf: Das Protokoll.

Die Bilder rührten diese Woche die Welt. Nach dem Freispruch in Perugia brach die US-Studentin Amanda Knox (24) unter Tränen zusammen. Mehr als vier Jahre war sie in Haft gesessen, weil sie ihre Zimmerkollegin Meredith Kercher (†21) brutal ermordet haben soll. Dienstag hob Richter Claudio Hellmann die Mordverurteilung auf. Knox flog noch am nächsten Tag heim nach Seattle. 30 Stunden nach dem Freispruch überkamen sie die Emotionen. „Ich sah aus dem Flugzeug“, schluchzte sie: „Alles wirkte so irreal.“

Die hübsche, athletische US-Studentin – von der Italo-Presse zweideutig Engel mit den Eisaugen oder Foxy Knoxy genannt – erholt sich nahe Seattle abgeschirmt vom Trauma der Haft im Italo-Knast. Gleichzeitig sickern Details ihrer Gefängnis-Odyssee durch: Wie stand sie die 1.450 Tage in der Zelle durch? Wie oft ließ sie alle Hoffnung fahren?

Sex-Direktor
Enthüllt ist, dass sie Vizegefängnisdirektor Raffaele Argiro nach ihrem Sexleben ausfragte, so die Sun.

Oftmals hätte er sie zu einem nächtlichen „Geplaudere“ in sein Büro zitiert. Er wäre fixiert gewesen auf das Thema: „Mit wem habe ich es getan? Wie mag ich es am liebsten?“, hielt sie in ihrem Tagebuch fest. Und noch mieser: Argiro wollte wegen „Aids-Verdacht“ alle Namen ihrer sechs Ex-Lover wissen. Die standen dann prompt in lokalen Zeitungen. Die Presse hatte Knox ohnehin als sündiges Partygirl porträtiert, das auf wilde Orgien mit Sex und Drogen stünde.

Ihre Eltern, Geschwister und Freunde diktierten dem US-Magazin People ein fesselndes Protokoll ihres Haftalltages. „Wir wissen noch nicht, wie groß psychologische Langzeitschäden sind“, so Mutter Edda Mellas (49): „Aber wir sind stolz, dass sie ihre Würde bewahrte – sie stand wahrlich Furchtbares durch.“

Justizopfer?
Die Eltern – sie sind der Schlüssel in diesem Fall. 1 Million Dollar investierten sie in Anwälte, vor allem aber in eine Image-Kampagne. Aus dem Partygirl sollte das Justizopfer Amanda gemacht werden. Die Strategie ging auf. Ob sie schuldig ist, wird nie mehr geklärt.

Am 2. November 2007 wird Kercher mit durchgeschnittener Kehle entdeckt, trotz fragwürdiger DNA werden Knox und ihr damaliger Freund Raffaele Sollecito (27) verhaftet. Erdrückend ist die Beweislast nur gegen einen: Rudy Guede (24).

Knox landet in einer 5,4 mal 3,9 Meter großen Zelle, ständig teilt sie sie mit drei weiteren Insassen. Inventar: ein Klo, ein Elektrokocher, ein kleiner Fernseher, um 20 Dollar kaufte sie ein Radio. Mit fixen Ritualen und eiserner Disziplin versucht sie, bei Verstand zu bleiben: Der Tag beginnt mit einem Kaffee, dann läuft sie im Hof eine Stunde im Kreis, macht Kniebeugen.

Sie magert um fünf Kilo ab, ihre Kleidergröße schrumpft von 6 auf 0. „Sie wusch ihre Kleider selbst“, erzählt Stiefvater Chris Mellas: „Sie achtete stark auf ihr Äußeres, wollte ihre Würde bewahren.“ In einem Tagebuch hielt sie ihre Torturen fest. Auch das half.

Doch die meiste Kraft schöpfte sie aus den Besuchen und Telefonaten: Acht Termine waren pro Monat erlaubt, dazu vier Anrufe. Vater Curt: „Wir saßen meist am Boden im Kreis, hielten Hände.“ Wir gaben ihr Handmassagen, ihre Mutter flocht ihr die Haare. Trotz aller Anstrengungen verlor sie nach ihrer Verurteilung 2009 kurz alle Hoffnung. Es plagten sie Depressionen. Und quälende Fragen: „Muss ich hier 26 Jahre lang bleiben?“

Doch sie übersteht die „dunklen Momente“, verbringt Zeit mit den Nonnen in der Kapelle, malt, balgt sich mit den Kindern anderer Insassen. Als Experten beim Berufungsverfahren die DNA-Beweise infrage stellen, beginnen erste Träume von der Freiheit – und der Appetit auf einen Schokokuchen, den ihr ihre Eltern für das Nachfeiern ihres verpassten 21. Geburtstags versprachen.

Die Fakten hinter dem Sex-Thriller

Der Thriller beginnt in der Nacht von 1. auf 2. November 2007: In der Früh wird die britische Austauschstudentin Meredith Kercher (†21) aus Leeds in ihrem Apartment in Perugia in der Via della Pergola in einer Blutlache gefunden. Halbnackt, vergewaltigt, mit durchgeschnittener Kehle und der Körper von 48 Messerstichen übersät. Die Wohnung teilt Kercher mit drei weiteren Studentinnen, eine davon ist Amanda Knox.

So weit die Fakten, was tatsächlich passierte, ist ungeklärt. Der Staatsanwalt sieht es so: Knox und ihr Ex-Freund Raffaele Sollecito verlassen an jenem 1. November 2007 gegen 21 Uhr seine Wohnung. Sie wissen nicht recht, wie sie den Abend verbringen wollen, treffen unterwegs Rudy Guede. Knox kennt ihn flüchtig und lädt ihn ein, mit in ihr Haus zu kommen.

Meredith soll darüber verärgert gewesen sein, dass Amanda zum wiederholten Male zwei Männer mit nach Hause gebracht habe und fing deshalb mit ihrer Mitbewohnerin einen Streit an. Während der Auseinandersetzung soll Meredith zu Boden gefallen sein. Raffaele Sollecito habe sie mit einem Taschenmesser bedroht und Amanda mit einem Küchenmesser. Rudy Guede habe eine Vergewaltigung versucht, wobei Amanda und Raffaele das Mädchen festhielten. Meredith habe sich gewehrt und Amanda habe ihr dann mit dem besagten Küchenmesser einen tiefen Schnitt in den Hals versetzt, Meredith starb durch Verbluten.

Der Prozess war ein reiner Indizienprozess, weil es kein Geständnis von den drei Angeklagten gab (Knox widerrief ihres). Amanda wurde in erster Instanz zu 26 Jahren und ihr Ex-Freund Sollecito zu 25 Jahren verurteilt. Guede bekam 16 Jahre.
Auf dem Küchenmesser von Knox fand man aber kein Blut von Kercher. Außerdem passten die Schnittspuren am Hals gar nicht zum Messer. Auch die DNA-Spuren am BH waren zweifelhaft. Die Polizei nahm das Kleidungsstück erst 47 Tage nach der Tat aus dem Apartment mit. Die Spuren waren verunreinigt. Diese Schlampereien brachten Knox den Freispruch.

Herbert Bauernebel

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