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Hohe Inflation, weniger Wachstum

Erdogan kommt mit Wirtschaftsproblemen nach Deutschland

Experten: Einfluss der türkischen Regierung hat zu schwieriger Lage beigetragen.

Weiche Währung, hohe Inflation, weniger Wachstum: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan reist am Donnerstag mit wirtschaftlichem Gegenwind zum Staatsbesuch nach Deutschland. Das lange Zeit boomende Schwellenland ist zu einem der Risiken für die Weltwirtschaft geworden.

Der Präsident habe dazu kräftig beigetragen, sagen Experten. Sichtbar wird die Krise am Kursverfall der Lira. Die türkische Währung hat seit Jahresbeginn etwa 40 Prozent zum Dollar abgewertet.
 
"Auslöser waren der zunehmende Einfluss der Politik auf die Entscheidungen der türkischen Notenbank und Vetternwirtschaft bei der Regierungsbildung", erklärt der Chefvolkswirt der DZ Bank, Stefan Bielmeier. "Dies hat das Vertrauen der ausländischen Investoren in den weiteren wirtschaftspolitischen Kurs der Türkei spürbar getrübt und damit letztendlich auch zu der drastischen Abwertung der türkischen Lira geführt.
 

"Zinsfeind" Erdogan

Die Zentralbank hat dennoch zuletzt trotz heftiger Attacken durch den erklärten "Zinsfeind" Erdogan ihren Leitzins kräftig angehoben - von 17,75 auf 24 Prozent. Höhere Zinsen machen eine Währung attraktiver für Anleger und können die Kapitalflucht stoppen.
 
Die Folgen einer weichen Währung bekommen die Türken derzeit zu spüren: Sie treibt die Preise nach oben - zumal in einem rohstoffarmen Land, das beispielsweise Öl importieren und in Dollar bezahlen muss. Die Regierung in Ankara erwartet in diesem Jahr eine Teuerungsrate von knapp 21 Prozent, 2019 von fast 16 Prozent. Das nagt an der Kaufkraft der Türken.
 
Die Probleme schlagen sich auch auf das Wirtschaftswachstum durch. Höhere Zinsen wiederum verteuern die Kredite für Investitionen von Unternehmen. Die Folge: Finanzminister Berat Albayrak - Erdogans Schwiegersohn - rechnet in diesem Jahr nur noch mit einem Wachstum von 3,8 Prozent, das 2020 auf 2,3 Prozent zurückgehen dürfte. Bisher hatte die Regierung in beiden Jahren 5,5 Prozent erwartet.
 

Wirtschaftliche Strukturprobleme 

"Neben den politischen und gesellschaftlichen treten immer mehr die wirtschaftlichen Strukturprobleme der Türkei in den Vordergrund: Mangelnde Innovationskraft, Wettbewerbsschranken, konsum- und kreditbasiertes Wachstumsmodell, hohe Abhängigkeit von ausländischem Kapital", sagt BayernLB-Experte Manuel Schimm. Die Arbeitslosenquote dürfte nach Regierungsschätzungen auch deshalb steigen, in diesem Jahr auf 11,3 Prozent und im kommenden Jahr dann auf 12,1 Prozent.
 
Erschwerend für die Türkei kommt hinzu, dass sie mehr konsumiert als produziert: Ihr Leistungsbilanzdefizit dürfte deswegen 2018 bei über sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes liegen. Um diese Lücke zu schließen, ist das Land auf Geld aus anderen Staaten angewiesen. Viele Investoren schrecken aber angesichts der schwierigen Wirtschaftslage davor zurück, Geld lockerzumachen - oder verlangen hohe Risikoaufschläge.
 
Die Staatsverschuldung ist mit 28 Prozent der Wirtschaftsleistung zwar relativ gering. Doch Banken und Unternehmen zusammen haben kurzfristige Schulden im Ausland von 122 Milliarden Dollar, die die Devisenreserven übersteigen, so die DZ Bank. Das macht das Land "anfällig gegenüber einem raschen Rückzug der Kreditgeber".
 

Türkei solle sich Geld von IWF leihen

Viele Experten raten deshalb der Türkei dazu, sich Geld vom Internationalen Währungsfonds (IWF) zu holen. Aber auch Deutschland und die EU könnten in der einen oder anderen Form helfen. "Die Europäische Union kann sich eine instabile Türkei angesichts der vorherrschenden Flüchtlingsproblematik kaum leisten", betont DZ-Bank-Chefvolkswirt Bielmeier. "Und die Aussicht, einen NATO-Partner in die Arme Russlands oder Chinas zu treiben, dürfte auch in Washington einiges an Kopfzerbrechen bereiten."
 
Bisher lehnen Deutschland und die EU Wirtschaftshilfen jedoch ab. Finanzminister Olaf Scholz erklärte nach einem deutsch-türkischen Ministertreffen am Freitag in Berlin, deutsche Finanzhilfen seien kein Thema. Auch die EU lehnt nach den Worten von Erweiterungskommissar Johannes Hahn dies ab.

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