Joe Biden

US-Vorwahlen

Experte: Biden ist Nominierung "kaum noch" zu nehmen

Sengl schließt baldigen Ausstieg von Sanders nicht aus

Ex-Vizepräsident Joe Biden ist die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der US-Demokraten "kaum noch" zu nehmen. Dies betonte der Politikexperte Stefan Sengl am Mittwoch im APA-Gespräch. Es müsste "schon etwas sehr Unvorhersehbares passieren", damit Bernie Sanders das Rennen noch spannend machen könne, nannte der Politikberater etwa ein mögliches Blackout Bidens in der nächsten TV-Debatte.
 
"Rein rechnerisch ist es noch nicht vorbei", sagte Sengl mit Blick auf den Zwischenstand nach der zweiten großen Vorwahlrunde am Dienstag. Biden hielt in der Nacht auf Mittwoch nach einer Zählung des US-Senders CNN bei 787 Delegierten, während Sanders 647 Delegierte auf seinem Konto hatte. 1991 Delegierte sind für die Nominierung am Parteitag im Juli erforderlich.
 

Abstand wird größer

Sengl wies aber darauf hin, dass der weitere Ablauf der Vorwahlen klar gegen den linken Senator aus Vermont spreche. "Sein Rückstand auf Biden erhöht sich in einer Phase, in der er sich sicher nicht erhöhen dürfte", sagte er mit Blick darauf, dass viele der vermeintlichen Hochburgen von Sanders bereits gewählt haben. Biden habe hingegen "noch ein paar Asse im Ärmel", etwa Südstaaten wie Florida, die er klar gewinnen dürfte.
 
Sengl schloss vor diesem Hintergrund auch ein baldiges Ende des Vorwahlduells zwischen Biden und Sanders, der Ex-Außenministerin Hillary Clinton vor vier Jahren monatelang das Leben schwer gemacht hatte, nicht aus. "Es ist die Frage, wie lange Sanders noch im Rennen bleibt", zitierte Experte die Aussage des Senators, "kein Masochist" zu sein.
 
Von den Ergebnissen am Dienstag hob Sengl die Niederlage von Sanders im Rostgürtel-Staat Michigan hervor. Dies habe nämlich dessen Erzählung "einigermaßen beschädigt", wonach er der bessere Kandidat gegen Trump sei, weil er die Wähler besser mobilisieren könne. Tatsächlich habe Biden nämlich bei einer höheren Wahlbeteiligung als vor vier Jahren gegen Sanders gewonnen. Vor vier Jahren hatte Sanders in Michigan einen wichtigen Sieg gegen Clinton errungen. In Mississippi mit seiner starken afroamerikanischen Wählerschaft habe sich Biden sogar mit einem "unfassbaren Vorsprung" von 50 Prozentpunkten gegen Sanders durchgesetzt.
 

Alle hinter Biden

Sengl bezeichnete es als "überraschend", dass sich das moderate Lager so schnell hinter Biden versammelt hat. Dies geschah offenbar aus Sorge vor einem ähnlichen Szenario wie vor vier Jahren bei den Republikanern, als sich die moderaten Kandidaten gegenseitig Stimmen weggenommen hätten und sich so Donald Trump in den Vordergrund spielen konnte.
 
 Dass auch die jeweiligen Wähler den Empfehlungen der ausgeschiedenen Kandidaten folgten, schrieb Sengl der Bestrebung zu, Trump zu schlagen. Die Suche nach jenem Kandidaten, der die besten Chancen habe, Trump zu schlagen, sei "ein zentrales Motiv" gewesen.
 
Sanders habe kaum Bündnispartner gewinnen können, weil er in seiner Kampagne eine "ganz scharfe Linie" zwischen sich selbst und dem "Establishment" gezogen habe. "Das hilft zwar dabei, starke Fans und Unterstützer zu gewinnen, aber es schränkt seine Bündnisfähigkeit ein. Deshalb hat er wenig Endorsements bekommen", erläuterte Sengl.
 
Bei der Frage, wie Biden enttäuschte Sanders-Anhänger ins Boot holen kann, werde "viel davon abhängen von der Entscheidung, wen Biden als Vizepräsidentschaftskandidaten aufstellt", sagte Sengl. Dass es Sanders selbst wird, sei zwar "eher auszuschließen", aber es könnte ein eher progressiver Kandidat werden. Biden könnte aber auch einen konservativeren Vize nehmen, um enttäuschte Trump-Wähler anzusprechen.
 

Vize besonders wichtig

Wegen Bidens hohen Alters sei die Wahl des Vizepräsidentschaftskandidaten diesmal besonders wichtig, sagte Sengl. Denn bei Kandidaten, die auf die 80 Jahre zugehen, würden sich viele Wähler "Gedanken machen, was ist, wenn er nicht die ganze Amtszeit im Amt bleibt". Daher werde es wohl jemand sein, der "mindestens 20 bis 25 Jahre jünger" sei. Die Chancen seien auch hoch, dass es sich um eine Frau und Vertreterin einer relevanten Minderheit handle. "Die klassische Wahl" wäre etwa die afroamerikanische kalifornische Senatorin Kamala Harris.
 
Insgesamt sieht Sengl die Demokraten im Rennen gegen Trump derzeit besser aufgestellt als noch vor ein paar Wochen, was aber am Coronavirus liege. Vor Ausbruch der Krise habe man angesichts der guten Wirtschaftsdaten noch sagen müssen, es werde "sehr schwer, ihn (Trump) zu schlagen". Das Coronavirus lasse nun Menschen sterben und verschlechtere die Wirtschaftslage, während es mit dem Gesundheitssystem zugleich ein Thema in den Vordergrund rücke, "das den Demokraten nützt", erläuterte der frühere SPÖ-Wahlkampfmanager. Trump mache dabei "viel, um Angriffsflächen zu bieten, was sein Krisenmanagement betrifft". Wenn nun das Gesundheitssystem an seine Kapazitätsgrenzen gerate, "können echte Herausforderungen auf die USA zukommen, die voll Trump zugeschrieben werden". Daher sei die Coronavirus-Geschichte "eine fast größere Herausforderung für Trump als die Demokraten".


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