Die europäische Identität

Die europäische Identität

Europäische Identität – was bedeutet das eigentlich? Sowohl „Europa“ als auch „Identität“ sind zwei nur schwer zu fassende Begrifflichkeiten. Ist die Identität des Einzelnen gemeint oder die einer ganzen Nation oder eines ganzen Kontinents? Und ist Identität nicht einem ständigen Wandel unterlegen? Meint Europa die geografisch abgesteckten Grenzen oder doch vornehmlich die Mitgliedsstaaten der EU? Fragen über Fragen, auf die es nicht immer eine eindeutige Antwort gibt. Das folgende Essay versucht sich an der Ausführung einiger Klärungsversuche und stellt die Frage, ob es sich bei der europäischen Identität lediglich um ein Konstrukt handelt.

1. In Vielfalt geeint – Der Leitspruch des Europamottos

Der Leitspruch des Europamottos „In Vielfalt geeint“ ist eines der Symbole der Europäischen Union. Er wurde zur Stärkung des Gedankens einer europäischen Identität entwickelt. Es gibt zahlreiche Leitsprüche für Staaten oder auch Staatenverbünde, so zum Beispiel der Leitspruch der USA „E pluribus unum“ was frei übersetzt so viel heißt wie „aus vielen eines“. Der Leitspruch des Europamottos soll ausdrücken, dass sich die Europäer über die EU vereint für Wohlstand und Frieden einsetzen und das die verschiedenen Kulturen und Sprachen innerhalb Europas eine Bereicherung für den gesamten Kontinent sind. Dies zumindest ist auf der offiziellen Seite der Europäischen Unionnachzulesen.

Wie die nachstehende Statistik zeigt, ist es in der Praxis jedoch so, dass sich die meisten Europäer nach wie vor in erster Linie über ihre eigene Nationalität identifizieren.

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Kaum jemand der Befragten empfindet sich hauptsächlich als Europäer. (Quelle: Eurobarometer Herbst 2014)

1.1. Beispiele europäischer Symbolik

Welche Beispiele für europäische Symbolik gibt es über den Leitspruch des Europamottos hinaus? Die wichtigsten Symbole sollen nun kurz vorgestellt werden:

• Die Flagge der Europäischen Union

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• Die Hymne der Europäischen Union

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• Der Europatag

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• Der Euro

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©Fotolia.com/PhotographyByMK

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1.2. Diversität als zu schützender Wert

Im gemeinschaftlichen Normenkatalog der Europäer muss Diversität als zu schützender Wert eingebunden sein, um ein gewisses Maß an kontinuierlicher Identität nicht aufs Spiel zu setzen, so die Dissertation „Auf der Suche nach einer europäischen Identität“ einer Doktorandin der Universität Mannheim.  Schließlich sind es die vielen verschiedenen Länder, Kulturen, Sprachen und Religionen, die Europa ausmachen. Dabei ist es entscheidend, dass sowohl das Individuum als auch die Gruppe an der Neudefinition sozialer Normen, der Machtstrukturen sowie der Überzeugungssysteme partizipieren. Auf diese Weise kann, so die Doktorandin weiter, der Gefahr entgegengewirkt werden, dass das gemeinschaftliche Empfinden von Dauerhaftigkeit und Kontinuität gefährdet wird. Absolute verlieren ihre Bedeutsamkeit vor allem in Zeiten des sozialen Umbruchs, jedoch sind sie weiterhin im kollektiven Gedächtnis vorhanden. Dies kann dann dazu führen, dass eine neue Ordnung mit Zweifeln beäugt wird. Entscheidungsalternativen bewusst anzusprechen und auszuwählen, ist wichtig, um eine Richtungslosigkeit zu vermeiden.

1.3. Möglichkeiten der Identitätsstiftung

An der europäischen Identitätspolitik wirken neben regionalen, staatlichen und supranationalen Ebenen auch nichtstaatliche und private Initiativen und Organisationen mit. Als Beispiel zu nennen ist hier unter anderem die alljährliche Verleihung des Karlspreises der Stadt Aachen. Diese Auszeichnung wird für Verdienste um Europa und die europäische Einigung verliehen. Weiterhin gibt es bereits seit 1948 die Europäische Bewegung International. Der europaweite Zusammenschluss von Organisationen hat sich die Förderung eines vereinten föderalen Europas  zur Aufgabe gemacht.

Ein aktuelles Beispiel, wie Identitätsstiftung in Europa auch vorangetrieben werden kann, ist die Entscheidung des Exekutivkomitees der UEFA, die Fußball-Europameisterschaft mit dem Motto „EURO für Europe“ im Jahr 2020 in 13 verschiedenen Austragungsorten in ganz Europa stattfinden zu lassen. Laut dem Artikel „EM 2020 - Turnier in ganz Europawird diese Idee von vielen Seiten sehr positiv aufgenommen. Fußball verbindet Menschen und eine Europa-Meisterschaft, die in ganz Europa ausgetragen wird, ist eine gute Option, die europäische Identität zu stärken. Durch die gemeinsam ausgerichtete EM bekommen auch kleinere Länder die Möglichkeit, an der EM zu partizipieren und davon zu profitieren. Zudem schweißt dieses gemeinsam organisierte Großereignis die einzelnen Staaten zusammen und hilft dabei Kontaktschwierigkeiten abzubauen, so der Beitrag weiter.

2. Ist die europäische Identität lediglich ein Konstrukt?

Europa gliedert sich in mehr als 40 Nationalstaaten und beherbergt über 700 Millionen Menschen. Doch Europa besitzt keine einheitliche Sprache und auch die Grenzen Europas sind nicht so klar gesteckt, wie die anderer Kontinente, wie Afrika oder Australien, die an ihren Grenzen vom Ozean umgeben sind. Europa ist also ein Konstrukt, ein künstlich geschaffener und kein natürlicher Raum. Doch ist somit auch die europäische Identität lediglich ein Konstrukt?

2.1. Die Frage nach der Identität

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©Fotolia.com/lassedesignen

Was genau bedeutet Identität eigentlich und kann zwischen verschiedenen Formen der Identität unterschieden werden? Im Folgenden werden die soziale und persönliche Identität, die kulturelle und politische Identität sowie die emotionale und utilitaristische Identifikation beleuchtet.

2.1.1. Die soziale und persönliche Identität

In der PDFEuropäische Integration – Europäische Identität?“ der Österreichischen Akademie der Wissenschaften wird unter anderem auf die unterschiedlichen Faktoren der persönlichen und nationalen Identitätsbildung eingegangen. In diesen Kontext fügt sich auch die Definition von Erik Erikson, einem deutsch-amerikanischen Psychoanalytiker bezogen. Erikson war der Ansicht, dass jede Identität zunächst im Individuum ansetzen muss. Er schrieb hierzu:

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Der deutsche Soziologe Rainer Lepsius hingegen spricht von einer größeren kollektiven Identität, welche sich formiert, wenn sich eine Gruppe von Individuen mit den gleichen Objekten identifiziert und diese Gemeinsamkeit der Identifizierung auch bewusst wahrnimmt. Dem Bewusstsein einer europäischen Identität muss also ein hoher Grad an empfundener Gemeinsamkeit der Europäer vorausgehen. Aufgrund der vielen unterschiedlichen Kulturen, Sprachen, politische Systeme und Religionen ist dies zu erreichen, in Europa allerdings besonders schwer.

2.1.2. Die kulturelle und politische Identität

Die politische Identität ist in Europa eng verbunden mit der aktiven Teilnahme an der Demokratie sowie der Inanspruchnahme von Kommunikationsrechten. Der rechtliche und politische Handlungsrahmen ist für alle Mitglieder dabei verbindlich und die politische Identität baut darauf auf, dass einzelne Individuen bereit sind, diese Rahmenbedingungen und Vorgaben zu akzeptieren und aktiv mitzugestalten. Diese politische Identität lebt also nicht von Vielseitigkeit, sondern eher von Einheitlichkeit. Damit diese gemeinsame Identität trotz der Vielseitigkeit innerhalb Europas angenommen werden kann, bedarf es entweder entscheidender wirtschaftlicher Vorteileoder eben eines gemeinsamen europäischen Identitätsgefühls. Soll das Zusammengehörigkeitsgefühl der Europäischen Union also nicht nur aufgrund des Kosten-Nutzen-Faktors der einzelnen Mitgliedsstaaten zustande kommen, ist es wichtig, einerseits die kulturellen Unterschiede, welche geschichtlich gewachsen sind, zu akzeptieren, andererseits aber auch dazu beizutragen, gemeinsame europäische Kulturstränge zu suchen und bewusst zu machen.

2.1.3. Die emotionale und utilitaristische Identifikation

Eine Identifikation mit Europa ist über verschiedene Zugänge möglich, wie bereits aufgezeigt wurde. Zwar gibt es ein von Empathie geprägtes Zugehörigkeitsgefühl, dieses kann aber, je nach Situation, starken Schwankungen unterlegen sein. Deshalb ist Empathie allein kein verlässlicher Rückhalt, auf welchem die europäische Politik aufbauen könnte. Viel stabiler hingegen ist eine utilitaristische Sichtweise, also eine vom materiellen Nutzen geprägte Zustimmung. Diese Meinung teilen vor allem die jüngeren Mitgliedsstaaten der EU. Dies geht aus der Auswertung der jährlich zweimal in Auftrag gegebenen Eurobarometer-Umfragehervor. Dieses Denken erschwert es allerdings, ein wirkliches Gefühl von europäischer Identität aufzubauen, da Solidarität und gegenseitige Verpflichtungen auch immer bedeuten, dass sich für einige Staaten Nachteile daraus ergeben. Dies verhindert meist zumindest eine stabile ideelle Zustimmung aller Beteiligten.

2.2. Das kollektive Gedächtnis – Die Rolle der europäischen Geschichte

Die Geschichtswissenschaft ist von elementarer Bedeutung, wenn es um die Frage geht, was Europa ausmacht. Schließlich bildet die Geschichte das kollektive Gedächtnis der Europäer. Welche Rolle spielt die europäische Geschichte also im Hinblick auf die Identitätsbildung des Kontinents?

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©Fotolia.com/Lambros Kazan

Wie erwähnt, besitzt Europa keine gemeinsame Sprache, wohl aber eine gemeinsame Geschichte, die alle Europäer eint. Die Vergangenheit Europas bestimmt seine Gegenwart. Doch ist dieses Wissen um die europäische Geschichte keineswegs angeboren, sondern muss immer wieder aufs Neue vermittelt werden. Die größte Bedeutung kommt dabei der Antike zu, denn sie wird nicht umsonst als Kinderstube Europas bezeichnet. Die Kulturleistungen Europas, die bis heute, mit Unterbrechungen, Bestand haben, also beispielsweise die Grund- und Menschenrechte, die Rechtsstaatlichkeit und Volkssouveränität, die Industrie und Technik, aber auch die Freiheit des Individuums fußen zu großen Teilen auf dem Fundament der griechischen Antike. Die Auseinandersetzung mit den antiken Errungenschaften, wie der Politik, der Philosophie, der Literatur, der Architektur und der Wissenschaft haben einen großen Teil zur Entwicklung der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte beigesteuert. Auch die Demokratie, welche heute in Europa praktiziert wird, wurzelt in der griechischen Antike. Denn die Gleichheit aller und die Partizipation möglichst vieler Gruppen am politischen Leben war eines der zentralen Anliegen der alten Griechen.

2.2.2. Europe und Zeus oder: Wie Europa zu seinem Namen kam

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Auch der Name Europas scheint mit der griechischen Antike verknüpft zu sein. In der griechischen Mythologie findet sich eine Erzählung über die Entführung der phönizischen Prinzessin Europe. Ihr Entführer war niemand Geringeres als der Göttervater Zeus, der sich als Stier tarnte. Zeus verschleppte Europe auf die Insel Kreta und verwandelte sich zurück. Die beiden bekamen drei Kinder und auf Verheißung von Aphrodite wurde der fremde Erdteil Europa genannt. Kreta gilt bis heute als Wiege der europäischen Kultur. Die Symbolik des Stiers und der Europagestalt wird noch heute aufgegriffen, beispielsweise in Karikaturen zur Europadebatte.

2.2.3. Das europäische Selbstverständnis als Folge der Konfrontation mit äußeren Kulturen?

Im Laufe der langen europäischen Geschichte wird deutlich, dass das europäische Gemeinschaftsgefühl immer dann besonders stark war, wenn es darum ging, das „Eigene“ vom „Fremden“ abzugrenzen. Es kann also gesagt werden, dass sich eine europäische Identität vor allem innerhalb von Spannungsfeldern herausbildet, seien es Kriege mit anderen Staaten außerhalb Europas oder auch die Kolonisation anderer Länder und Kulturen. Möglicherweise ist diese sehr eigene Form der Identitätsstiftung Europas auch mit dafür verantwortlich, dass in der Geschichte des Kontinents immer wieder der Wunsch nach Expansion, nach Überlegenheitsdemonstrationen sowie nach der Ausbeutung fremder Kontinente und Kulturen aufgekommen ist.

3. Visionen und Versuche der Definition

Schon so mancher kluge Kopf hat sich mit dem Kontinent Europa sowie einer Definition der europäischen Identität beschäftigt. Einige Gedankengänge beziehungsweise Visionen rund um Europa sollen nun aufgegriffen werden:

• Das erste Mal, dass über Europäer geschrieben wurde, war im Jahr 754 nach Christus. Damals entwickelte ein anonymer spanischer Autor den lateinischen Neologismus Europenses, welchen er in der Mozarabischen Chronik niederschrieb. Für ihn fielen unter den Überbegriff der Europenses die Langobarden, die Sachsen, die Franken und die Friesen.

• Zur Zeit der Herrschaft Karls des Großen, also von 768 bis 814 nach Christus, wurden am karolingischen Hof unterschiedliche Variationen des Begriffes Europa gebraucht, um das Hegemonialbereich zu betiteln.

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©Fotolia.com/Erica Guilane-Nachez

• Der erste konkrete Plan zu einer konföderierten Ordnung der politischen Kräfte Europas wurde von dem kalixtinischen böhmischen König Georg von Podiebrad in Auftrag gegeben und zwar im Jahr 1461. Er wollte eine gemeinsame Verteidigung des christlichen Europas gegen die Türken organisieren, doch sein Plan scheiterte, da unter anderem der französische König Ludwig der XVI sein Konzept ablehnte.

• Der englische Quäker und Jurist William Penn verfasste 1691 An Essay towards the Present and Future Peace in Europe by the Establishment of a European Dyet, Parliament or Estates. Darin warb er für die Idee eines Europa-Parlaments, in welchem Vertreter aller europäischen Staaten sitzen sollten. Auch zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurden ähnliche Konzepte entworfen, welche letztlich als Fundament für weitere Autoren im 19. und 20. Jahrhundert dienten, wie zum Beispiel Victor Hugo oder Winston Churchill. Churchill rief 1946 vor dem Hintergrund des drohenden kalten Krieges dazu auf, eine Art „Vereinigte Staaten von Europa“ zu schaffen. Sein Schwiegersohn war es dann, der das bereits erwähnte United European Movement ins Leben rief.

• Der japanisch österreichische Schriftsteller Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi entwickelte ab dem Jahr 1922 die Paneuropa-Idee. Den ersten Weltkrieg hatte er als einen Bürgerkrieg unter den Europäern erlebt, woraus er die Vision entwickelte, dass Europa zwischen Portugal und Polen zu einem Staatenbund namens Paneuropäische Union beziehungsweise Vereinigte Staaten von Europa zusammengeschlossen werden sollte.

• Der spanische Philosoph und Soziologe José Ortega y Gasset stellte 1953 im Rahmen eines Vortrags vor dem Kulturkreis des Bundesverbandes der Deutschen Industrie seine Idee von Europa vor. Ihm zufolge ist die europäische Identität und somit auch Europa als gemeinsames europäisches Kulturbewusstsein zu verstehen, was unabhängig von geografischen Grenzen oder der rechtlichen Verfasstheit existiert. Die europäischen Völker hätten schon immer zusammengelebt und innerhalb eines sozialen Raumes gemeinsame Ideen erschaffen und das auch schon bevor die einzelnen europäischen Nationen entstanden, so seine Ansicht.

4. Fazit

Der Begriff der europäischen Identität ist nur sehr schwer fassbar, denn jeder hat seine ganz eigene Vorstellung davon, was Identität und auch, was Europa eigentlich bedeutet. Fest steht, dass die Europäer auf eine lange gemeinsame Geschichte zurückblicken und dass das antike Griechenland zurecht als die Kinderstube Europas bezeichnet wird. Schließlich baut unsere moderne europäische Gesellschaft auch auf der immer wiederkehrenden Auseinandersetzung mit den antiken Errungenschaften, wie der Philosophie, der Politik oder der Wissenschaft auf. Wie sehr sich ein einzelner Mensch als Europäer fühlt, ist hingegen sehr typ- und situationsabhängig. Mal mögen utilitaristische Beweggründe die Verbundenheit vorantreiben, mal jedoch auch emotionale. Fest steht, die europäische Identität ist kein statisches Gebilde, sondern einem ständigen Wandel unterlegen. Es bleibt spannend abzuwarten, wie zukünftige Generationen mit dieser Fragestellung umgehen werden.

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