Interview

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Skyrunner Stangl und sein Triumph am K2

Sieben Mal warf der K2 Skyrunner Christian Stangl (44) ab. Der letzte Versuch scheiterte erst am 6. August. Jener Tag, an dem der Schwede Fredrik Ericsson 1.000 Meter in die Tiefe stürzte und am K2 starb. Gerlinde Kaltenbrunner reiste nach der Tragödie geschockt ab.

Aber Stangl blieb im Basislager. Er witterte seine Chance und tüftelte an einem riskanten Plan. „Ich hatte keine Termine in Österreich. Notfalls hätte ich auch bis zum Sankt-Nimmerleinstag warten können“, erzählt er.

Eine Nachtbesteigung sollte den Extrembergsteiger endlich über den gefährlichsten Berg (8.611 Meter) triumphieren lassen. Quasi wenn das Monster K2 „schläft“, möchte Stangl den Berg überrumpeln. „Die Temperaturen sind abnormal hoch heuer. Bloß minus 17 Grad. Vergleichbar ist das mit Frühling in Österreich“, erklärt Stangl. Die Wärme hat die ohnehin schon lebensgefährlichen Bedingungen am K2 noch verschärft. Es lösen sich immer wieder Steine, Eisplatten.

Einzige Chance: Der Nachtaufstieg. Da sind die Temperaturen tiefer, der Schnee fester, die Gefahr von Steinschlag geringer.

Keine Freude.
Dafür gleicht der Aufstieg einem Blindflug. Nur mit einem GPS-Gerät ausgerüstet, macht sich Stangl am Mittwoch in der Nacht in Richtung K2-Gipfel auf. 70 Stunden dauert sein Kampf gegen Eis, Wind und Schnee. Am Donnerstag um 10.00 Uhr feiert Stangl den größten Triumph seiner Karriere. Er steht am Gipfel des K2. Er ist der erste Bergsteiger seit zwei (!) Jahren, der ihn geschafft hat.

Die Unglücksserie ist beendet. Stangl bleibt nur wenige Minuten am Gipfel. Dann geht es wieder abwärts. Ein kurzer, aber fulminanter Höhepunkt.

ÖSTERREICH: Gratulation zum Gipfelsieg. Wann werden Sie das nächste Mal Reis essen?
Christian Stangl: (Lacht) Das wird hoffentlich noch dauern. Am liebsten würde ich jetzt in einem kühlen Gastgarten sitzen und einen Radler trinken, dazu einen Chefsalat mit Putenstreifen essen.
ÖSTERREICH: Sie waren 70 Stunden unterwegs. Wie geht es Ihnen körperlich?
Stangl: Es geht einigermaßen, ich habe 12 Stunden geschlafen. Ich bin noch dehydriert, man verliert da oben viel Flüssigkeit. Man kann gar nicht genug trinken, um das aufzuholen.
ÖSTERREICH: Wie sieht jetzt die Rückreise aus?
Stangl: Wir haben heute früh das Basislager am K2 verlassen. Ich bin im Moment am Weg nach Askoli. Wir werden dafür drei bis vier Tage brauchen. Wegen der Unwetter ist jedoch unklar, wann die Flüge in die Heimat stattfinden werden.
ÖSTERREICH: Sie haben den „Todesberg“ alleine bezwungen. Was fühlten Sie am Gipfel des K2?
Stangl: Am Gipfel hatte ich überhaupt kein Gefühl der Freude. Erst jetzt kommt langsam diese Genugtuung. Die ganze Besteigung war geprägt von großer Angst, ich hatte gar kein Lustempfinden.
ÖSTERREICH: Was hat Sie trotzdem angetrieben?
Stangl: Der K2 ist nur ein Berg meines Gesamtprojekts. Mein Ziel ist es, alle 14 höchsten und zweithöchsten Berge zu schaffen. Das hat mich voll motiviert.
ÖSTERREICH: Wie lange waren Sie am Gipfel?
Stangl: Das waren nur einige Momente. Ich hab mich kurz im Kreis gedreht, Fotos gemacht, das GPS-Signal geschickt. Es war eigenartig. Ich wusste immer, der Gipfel ist nur die Hälfte. Und dachte, ich muss schnell wieder runter, runter vom K2 ...
ÖSTERREICH: Wie schwierig war der Aufstieg?
Stangl: Ich bin am Dienstag gestartet. Es hat leicht geschneit. Ich bin über Nacht rauf zum Lager 3 und hab kurz geschlafen, viel getrunken. Und ich hab mit Charly Gabl geredet, der ein kurzes Wetterfenster vorausgesagt hat. Alle anderen sind ja im Basislager zurückgeblieben, ich hab richtig taktiert. Da war auch viel Glück dabei.
ÖSTERREICH: Wann haben Sie dann entschieden, den Gipfel zu „probieren“?
Stangl: Am Mittwoch um 18 Uhr ist plötzlich eine blaue Front über das Lager gezogen. Es war unglaublich. Da hab ich gewusst, das ist meine Chance. Ich bin sofort los. Je weiter ich oben war, desto schlechter war das Wetter. Charly Gabl hat Recht gehabt, ihm gebührt der halbe Gipfelsieg.
ÖSTERREICH: Wie bleibt Ihnen der K2 in Erinnerung?
Stangl: Ich war dort vier Monate im Basislager. Heuer war durch die Wärme so viel Steinschlag wie noch nie – das war das Schlimmste. Eines weiß ich: Ich werde nie, nie wieder auf den K2 zurückkehren.
Interview: Jochen Prüller

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