Die Sozialdemokraten Deutschlands und Österreichs wollen mit einem
gemeinsamen Volksbegehren - der ersten EU-Bürgerinitiative nach dem
Lissabon-Vertrag - alle sozialdemokratischen Parteien Europas dazu bringen,
Finanzmarktregulierungen und eine europäische Spekulationssteuer zum
gemeinsamen Thema zu machen. Das erklärten Bundeskanzler Werner Faymann
sowie SPD-Chef Sigmar Gabriel und Fraktionsvorsitzender Frank-Walter
Steinmeier am Dienstagnachmittag in Berlin.
SPÖ und SPD erwarten von der europäischen Politik wirksame Schritte zur
Regulierung der Finanz- und Kapitalmärkte in Europa und zur Beteiligung
dieser Märkte an den durch sie entstandenen Kosten.
Konservativ-liberale Mehrheit brechen Der Widerstand der
konservativ-liberalen Mehrheit unter den EU-Regierungen - zur Zeit stellen
die Sozialdemokraten nur vier von 27 Regierungschefs - gegen weitreichende
Regulierung der Finanzmärkte müsse gebrochen werden. "Für den
Fall", dass diese konservativen Regierungen sich weiterhin gegen die
Schritte wehrten, wollen SPÖ und SPD erstmals das neue Instrument der "Europäischen
Bürgerinitiative" nutzen.
SPÖ-Chef Faymann, der am Nachmittag die SPD-Fraktion für seinen Plan zu
begeistern versuchte, betonte, mit der Initiative sollen die Bürger
rechtzeitig eingebunden werden - und nicht erst bei der nächsten Europawahl.
Gemeinsamer Feind Soziale Gerechtigkeit,
Finanztransaktionssteuer, Kosten der Krise, Schaffung der Kontrollen, Kampf
der Spekulation - diese Themen würden Europa noch länger beschäftigen, "weil
es in Europa eine Gruppe gibt, die noch sehr stark ist und alles gleich
lassen will". Diese Gruppe werde stark auf Verzögerung setzen, warnte
Faymann.
"Modellhafte Lösungen" "Wenn die Spieregeln
für die Finanzmärkte international und in Europa so bleiben, ist klar, was
passiert: Es bleibt am Schluss dasselbe Kartenhaus wie vor drei Jahren zur
Subprime-Krise. Das erfordert eine politische Bewegung!" Das
Bürgerinstrument müsse durch die Durchführungsbestimmungen stark genug
werden für NGOs, Gewerkschaften und die Zivilgesellschaft. Die Lösungen in
Europa müssten modellhaft sein.
"Opfer des Binnenmarkts" SPD-Chef Sigmar Gabriel
sagte, man müsse den Menschen endlich zeigen, dass sie auf Dauer nicht mehr
Opfer eines reinen Binnenmarkts Europa seien, sondern dass die Politik in
der Lage sei, soziale, politische und ökonomische Spielregeln zu schaffen,
damit die Bürger nicht länger Objekte der Finanzmärkte seien.
Die SPD danke ausdrücklich dem Chef der Euro-Gruppe, dem luxemburgischen
Ministerpräsidenten Jean-Claude Juncker: Obwohl er aus dem konservativen
Lager komme, sei man sich einig, dass auf der Tagesordnung Europas die
Rückgewinnung politischer Handlungsfähigkeit stehen müsse und nicht mehr das
bloße Zuschauen bei dem, was sich auf den Finanzmärkten tue.
Merkel grundsätzlich dafür Am Abend sind Faymann und
CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel im Kanzleramt zusammengekommen. Merkel
plädierte vor allem für eine gemeinsame EU-weite Lösung. Das sei
eine "Frage der Gerechtigkeit". Faymann und sie seien "hier freundschaftlich
verbunden", so die deutsche Kanzlerin.
Nächste Seite: Der Live-Ticker zum Nachlesen
Hier alle Informationen zum Nachlesen:
17: 43 Uhr: Das Treffen von Bundeskanzler Werner Faymann mit der
deutschen Amtskollegin Angela Merkel ist auf 18:45 verschoben worden.
Ursprünglich war der Termin für 18 Uhr angesetzt.
17:26 Uhr: Das Bürgerinstrument müsse durch die
Durchführungsbestimmungen stark genug werden für NGOs, Gewerkschaften und
die Zivilgesellschaft, fordert Faymann. Die Lösungen in Europa müssten
modellhaft sein.
17:15 Uhr: Gute Laune bei der Pressekonferenz in Berlin:
(c) APA
17:07 Uhr: "Wenn die Spielregeln für die Finanzmärkte
international und in Europa so bleiben, ist klar, was passiert: Es bleibt am
Schluss dasselbe Kartenhaus wie vor drei Jahren zur Subprime-Krise. Das
erfordert eine politische Bewegung", so der Kanzler.
16:52 Uhr: Soziale Gerechtigkeit, Finanztransaktionssteuer, Kosten
der Krise, Schaffung der Kontrollen, Kampf der Spekulation - diese Themen
würden Europa noch länger beschäftigen, "weil es in
Europa eine Gruppe gibt, die noch sehr stark ist und alles gleich lassen will".
Diese Gruppe werde stark auf Verzögerung setzen, warnte Faymann.
16:42 Uhr: SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte, man müsse den Menschen
endlich zeigen, dass sie auf Dauer nicht mehr Opfer eines reinen
Binnenmarkts Europa seien, sondern dass die Politik in der Lage sei,
soziale, politische und ökonomische Spielregeln zu schaffen, damit die
Bürger nicht länger Objekte der Finanzmärkte seien.
16:38 Uhr: Faymann betonte bei der Pressekonferenz, mit der
Initiative sollen die Bürger rechtzeitig eingebunden werden - und nicht erst
bei der nächsten Europawahl.
16:35 Uhr: Um 18.00 wird Werner Faymann dann auf Angela Merkel
treffen. Er will sie überreden, dass sie das Veto ihres Koalitionspartners
FDP ignorieren und ebenfalls für die Transaktionssteuer auf EU-Ebene
eintreten solle.
16:32 Uhr: Der Widerstand der konservativ-liberalen Mehrheit unter
den EU-Regierungen - zur Zeit stellen die Sozialdemokraten nur vier von 27
Regierungschefs - gegen weitreichende Regulierung der Finanzmärkte müsse
gebrochen werden, fordern sie.
16:29 Uhr: SPÖ und SPD erwarten von der europäischen Politik
wirksame Schritte zur Regulierung der Finanz- und Kapitalmärkte in Europa
und zur Beteiligung dieser Märkte an den durch sie entstandenen Kosten.
16:25 Uhr: Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, Bundeskanzler Werner
Faymann und SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier während der
Pressekonferenz in Berlin:
(c)
APA
16:21 Uhr: Kritiker warnen, dass Banken und andere Finanzinstitute
die Kosten für die Finanztransaktionssteuer einfach auf ihre Kunden abwälzen
könnten.
16:10 Uhr: Die Steuer trifft die mit schnellen Kapitalumschichtungen
arbeitenden Spekulanten. Im Geschäft mit Finanzderivaten etwa können schon
mit vergleichsweise kleinen Beträgen hohe Risiken eingegangen werden.
16:09 Uhr: Die Transaktionssteuer wird auch als Tobin-Steuer
bezeichnet. Sie wurde bereits 1972 von dem US-amerikanischen
Wirtschaftswissenschaftler James Tobin vorgeschlagen und bezeichnet eine
Steuer auf internationale Devisengeschäfte.
15:55 Uhr: Das Volksbegehren wäre das EU-weit erste überhaupt und
könnte im Herbst starten – der genaue Termin soll heute bekannt gegeben
werden. Die Initiatoren haben dann ein Jahr lang Zeit, die Unterschriften zu
sammeln.
15:41 Uhr: Dass "der Regierungschef auf Oppositionsmethoden"
zurückgreifen müsse, ist für das BZÖ ein "Armutszeugnis".
15:29 Uhr: Hier sehen Sie die Pressekonferenz nach dem Ministerrat,
wo Faymann zu seinem Vorhaben Stellung nimmt:
15:23 Uhr: Im Inland regt sich inzwischen Kritik der Opposition an
Faymanns Vorstoß. FPÖ-Chef Heinz Christian Strache bezeichnete dies in einer
Aussendung als "reine Augenauswischerei", und für die Grünen ist
der Vorstoß eine "Show".
15:05 Uhr: Ihr gemeinsames Ziel ist es eine EU-Ratingagentur und ein
EU-Referendum für die Finanztransaktionssteuer auf die Beine zu stellen.
15:01 Uhr: Die gemeinsame Pressekonferenz mit Steinmeier und Gabriel
beginnt.
14:45 Uhr: Faymann trifft im Reichtagsgebäude ein.
14:35 Uhr: Nun ist er unterwegs zum Reichstagsgebäude. Dort trifft
er auf SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier und
SPD-Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel.
14:27 Uhr: Werner Faymann ist soeben in Berlin Tegel gelandet.
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Die heimischen Europaabgeordneten sind für die Einführung einer
Finanztransaktionssteuer. Allerdings gebe es dafür noch kein Modell, das
festschreibe, worauf und in welcher Höhe die Abgabe berechnet werden soll,
wer sie einhebe und das Geld bekomme und wofür dieses genützt werde,
schränkte EVP-Vizefraktionschef Othmar Karas ein.
ÖVP-Delegationsleiter Ernst Strasser plädierte dafür, die
Finanztransaktionssteuer als "originäre Einnahme der EU" zur
Verfügung zu stellen. Karas regte die Schaffung eines Europäischen
Währungsfonds an, der aus dieser Steuer oder aus anderen Quellen gespeist
werden könne. Die gleichzeitige Einführung einer Bankenabgabe und einer
Finanztransaktionssteuer hält der ÖVP-Europaabgeordnete für nicht sinnvoll.
Hannes Swoboda, Vize-Fraktionschef der Sozialdemokraten im EU-Parlament,
betonte, die Auseinandersetzung über eine Finanztransaktionssteuer müsse
offen mit Großbritannien geführt werden. Spanien habe dem früheren
Labour-Premier Gordon Brown zugesagt, das Thema während des britischen
Wahlkampfes nicht aufzubringen. Sollte sich nunmehr die neue
konservativ-liberale britische Regierung gegen die Finanztransaktionssteuer
stemmen, könne Großbritannien auch nicht auf europäische Solidarität in
anderen Bereichen, etwa bei der Finanzmarktaufsicht, zählen, sagte Swoboda.
Wie auch Karas betonte Swoboda, eine Finanztransaktionssteuer wäre einer
reinen Bankenabgabe vorzuziehen.
SPÖ und SPD: gemeinsames Volksbegehren Der Kanzler will
heute in Berlin
eine entscheidende Wende in Sachen Finanztransaktionssteuern
herbeiführen. Wie ÖSTERREICH erfuhr, ist ein spektakulärer Schritt geplant:
Gemeinsam mit der SPD, den deutschen Sozialdemokraten, wird Werner Faymann,
auch Vizechef der europäischen Sozialdemokarten, ein EU-weites Volksbegehren
für die Einführung einer Besteuerung von Transaktionen, also einer
Spekulantensteuer, präsentieren.
Nach dem Ministerrat fliegt Faymann heute nach Berlin, wo er auch einen
Termin bei CDU-Kanzlerin Angela Merkel hat. Er will sie überreden, dass sie
das Veto ihres Koalitionspartners FDP ignorieren und ebenfalls für die
Transaktionssteuer auf EU-Ebene eintreten solle.
Am Nachmittag wird er dann mit der SPD-Fraktion und deren Vorsitzendem Frank
Walter Steinmeier im deutschen Bundestag zusammentreffen und dort das
gemeinsame Volksbegehren vorstellen.
1 Million Unterschriften Ein europaweites Volksbegehren ist seit
dem Vertrag von Lissabon möglich. Dabei ist es nötig, mindestens eine
Million Unterschriften aus wenigstens neun Mitglieds-Ländern der EU zu
sammeln. Wird die nötige Unterstützung erreicht, muss das Volksbegehren
obligatorisch von der EU-Kommission behandelt werden.
Das Volksbegehren wäre das EU-weit erste überhaupt und könnte im Herbst
starten – der genaue Termin soll heute bekannt gegeben werden. Die
Initiatoren haben dann ein Jahr lang Zeit, die Unterschriften zu sammeln.
SPD und SPÖ legen heute den Rahmen fest, der genaue Inhalt des
Volksbegehrens soll am SPÖ-Parteitag am 11. Juni vorgestellt werden.
Stufenplan In Österreich gab er bereits gestern bei der
SP-Frühjahrsklausur in Frauenkirchen den offiziellen Startschuss für die
SP-Steuer-Offensive. In einem ÖSTERREICH vorliegenden Dossier lässt Faymann
keine Zweifel daran, dass er die Transaktionssteuer als EU-weites Anliegen
sieht: „Die Einführung einer Börsenumsatzsteuer ist kein nationaler
Alleingang mehr, da bereits in sieben EU-Ländern und auch in der Schweiz
eine solche Steuer existiert.“
Der Stufenplan: Sollte es nicht gleich zu einer EU-weiten
Finanztransaktionssteuer kommen, will Faymann erst in Österreich eine
Börsenumsatzsteuer im Umfang von bis zu 350 Millionen Euro einführen.
Ist das Volksbegehren erfolgreich und kommt die Steuer, die laut Attac in
Österreich bis zu 3,7 Milliarden Euro bringen könnte, würde die Börsensteuer
wieder abgeschafft werden.
Auch Juncker unterstützt Finanztransaktionssteuer Der
Vorsitzende der Euro-Finanzminister, Jean-Claude Juncker, hat die
Forderung nach einer europäischen Finanztransaktionssteuer
unterstützt. "Ich habe da überhaupt nichts dagegen",
sagte Juncker Dienstag früh nach dem Treffen der Eurogruppe in
Brüssel. Unter den 16 Euro-Ländern habe sich keines dagegen
ausgesprochen, den Finanzsektor an den Kosten der Krise zu
beteiligen. In Deutschland streben nun auch die Unionsparteien
nach Angaben aus Kreisen des Vorstands eine zumindest europaweite
Finanztransaktionssteuer an - und gehen damit auf Gegenkurs zum
Koalitionspartner FDP. Am Montagabend sprach sich der Vorstand der
CDU/CSU-Bundestagfraktion nach Informationen von Reuters aus
Teilnehmerkreisen mit großer Mehrheit für eine solche Belastung
börslich gehandelter Finanztransaktionen aus. Bereits zuvor hatten
sich etliche CSU-Politiker öffentlich hinter die
Finanztransaktionssteuer gestellt, die auch von der Opposition und
Gewerkschaften gefordert wird. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte
sie bisher als nicht durchsetzbar bezeichnet und abgelehnt.