Bürgermeister Klitschko setzt auf Sieg

Kampf um Kiew

Bürgermeister Klitschko setzt auf Sieg

Am 25. Oktober stellt sich Bürgermeister Vitali Klitschko in Kiew zur Wiederwahl. In den ersten eineinhalb Amtsjahren hat der Ex-Boxer viel angestoßen. Aber reicht das auch für ein zweites Mandat? Das Amt gilt als Schlüsselposten in der krisengeschüttelten Ukraine.

Das Sakko hat Klitschko längst abgelegt. Im weißen Hemd steht der frühere Boxweltmeister vor der Schule Nr. 128 in Kiew. Der Altweibersommer schenkt der ukrainischen Hauptstadt noch einen warmen Tag, bevor der Herbst mit Macht Einzug hält. Bürgermeister Klitschko weiht zum Beginn des neuen Schuljahrs die "beste und modernste Schule in Kiew" ein. Lächelnd setzt sich der 44-Jährige auf die Treppe hinter einem Kinderchor in traditionell bestickten Hemden. "Jetzt sind wir Erstklässler, hurra!", singen sie.

Wahl am 25. Oktober

Kurz inspiziert Klitschko den Sportplatz, dann muss er weiter. Sein Terminplan vor der Bürgermeisterwahl am 25. Oktober ist eng getaktet. Die Herausforderer des Stadtoberhaupts, das erst gut ein Jahr amtiert, versprechen ihm einen harten Kampf und wollen ihm zumindest eine zweite Runde abringen. Es geht um viel: Das Bürgermeisteramt ist ein Schlüsselposten in der krisengeschüttelten Ex-Sowjetrepublik. Wer im Rathaus von Kiew sitzt, hält viele Schalthebel der Macht in Händen.

Ob der Kampf um sauberes Trinkwasser, um Radwege oder den Abbau illegaler Kioske: Viele Baustellen säumen Klitschkos Weg zur angestrebten Wiederwahl. Auch Kritiker räumen ein, dass in eineinhalb Jahren wenig zu schaffen war. Klitschko hätte gerne von Beginn an die üblichen fünf Jahre im Rathaus der Millionenmetropole gehabt. Doch er kam bei vorgezogenen Wahlen ins Amt. Und die Verfassung schreibt eine reguläre Abstimmung alle fünf Jahre am letzten Oktobersonntag vor - ausnahmslos.

Der Schwung der proeuropäischen Proteste auf dem Unabhängigkeitsplatz (Maidan) in Kiew im Winter 2013/14 hatte Klitschko ins Rathaus gebracht. An einer Politkarriere in seiner Heimat hatte der damalige Chef der Partei Udar (Schlag) aber schon vorher gebastelt. Als dann der Machtwechsel feststand, wollte der Zwei-Meter-Mann kurzzeitig sogar Präsident werden. Er verzichtete zugunsten des Unternehmers Petro Poroschenko - und sicherte sich damit das Wohlwollen des jetzigen Staatschefs. Poroschenko unterstützt Klitschko im Wahlkampf.

"Dr. Eisenfaust"

"Dr. Eisenfaust" gilt vor allem als international bekanntes Aushängeschild der Millionenstadt am Dnipro-Fluss. Die eigentlichen Amtsgeschäfte, heißt es, führten seine Stellvertreter. Im Wahlkampf schüttelt Klitschko Hände, weiht Neubauten ein, schreibt Autogramme. "Mit wirklichen Taten ändern wir unsere Stadt", verspricht er auf den rot-weißen Plakaten der Präsidentenpartei Poroschenko-Block. Der Bürgermeister setzt vor allem auf junge, gebildete Wähler.

So wird pünktlich eine Woche vor dem Urnengang das beliebte Programmkino "Schowten" (Oktober) wiedereröffnet, das Rechtsextremisten im vergangenen Jahr angezündet hatten. An Haltestellen soll gratis Internetzugang gewährt werden. Klitschko stellt für den Fall seiner Wiederwahl zudem ein Radwegenetz mit Leihstationen in Aussicht und will so die Stadt vor dem Verkehrskollaps bewahren. Für die vierte U-Bahnlinie fehlt aber weiter das Geld.

Klitschko gilt als Favorit - aber nicht als unbesiegbar. Als stärksten Konkurrenten im ersten Wahldurchgang sehen Politologen Alexander Omeltschenko, der bereits von 1999 bis 2006 Bürgermeister war. "Es ist Zeit für entschlossene Maßnahmen, um Ordnung in Kiew zu schaffen", betont Omeltschenko im Wahlkampf. Er verspricht soziale Gerechtigkeit, Senkung von Kommunaltarifen und ein Ende illegaler Bauten. Experten verweisen aber darauf, dass der 77-Jährige für den jugendlich wirkenden Klitschko der leichteste Gegner in der zweiten Runde sein könnte.

29 Kanditaten für das Amt

Gefährlicher für ihn sei der fraktionslose Abgeordnete Boryslaw Beresa, heißt es. In Lauerstellung liegt auch Wladimir Bondarenko, der Kandidat von Julia Timoschenkos Vaterlandspartei. Die zuletzt gestiegene Beliebtheit der Ex-Ministerpräsidentin könnte sich auf Bondarenko übertragen. Ihre Partei hat eine starke Wählerbasis in der Hauptstadt.

Insgesamt treten 29 Kandidaten am 25. Oktober an. Erhält keiner von ihnen die absolute Mehrheit, wird am 15. November eine Stichwahl der beiden Bestplatzierten fällig.

Im Unterschied zu früheren Kommunalwahlen habe sich wenig geändert, kommentieren ukrainische Medien. Statt wirklicher Parteien gebe es "Projekte", statt echter Ideen nur Versprechungen. "Die Bewerber haben keine klare politische Idee", kritisiert etwa der Publizist Jewgeni Magda. Stattdessen setzten sie auf populistische Erklärungen.

Oft geht es im Wahlkampf um den Krieg gegen prorussische Separatisten in der Ostukraine oder um die Halbinsel Krim statt um jene Dinge, auf die ein Stadtparlament wirklich Einfluss hat. Konkrete Kommunalpolitik sei leider kein Thema, beklagen auch ukrainische Medien: "Es wirkt, als wollten alle Staatspräsident werden - und nicht bloß Bürgermeister."

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