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Romney weint, Clint schießt daneben

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Romney weint, Clint schießt daneben

Der Republikaner Mitt Romney, gerade offiziell in Tampa (Florida) an einem donnernden Abend zum Kandidaten gekrönt, stürzte sich nur Stunden später ins Wahlkampf-Finale gegen Amtsinhaber Obama. Romney und sein Vize Paul Ryan starteten Freitagfrüh mit dem neuen Kampagnen-Jet (Aufschrift: „Wir glauben an Amerika!“) zu einer Tour durch Schaukelstaaten.

Romney brachte bei der Rede seines Lebens die 20.000, teils in farbenprächtige Kostüme gehüllten Konservativen in der mit 100.000 Ballonen dekorierten Eishockeyhalle zum Kochen.

Doch Mitts Moment wurde völlig überschattet von einer bizarren Einlage von Kino-Haudegen Clint Eastwood (82, „Dirty Harry“). Erwartet hatten sich die Romney-Planer eine zündende Ruckrede gegen Obama. Stattdessen stand ein greiser „Dirty Harry“ neben einem leeren Stuhl und stellte „Obama ein paar Fragen“. Der Sketch geriet zum Fiasko, obwohl die Menge immer wieder tobte. Ann Romney und Vize Paul Ryan hingegen sahen auf der Tribüne eher entsetzt über die Entgleisung drein. Da ätzte Eastwood gegen Anwälte, die Politiker werden, vergaß, dass Romney selbst Jus studierte. Es gab derbe Schläge unter die Gürtellinie, er tat so, als würde Obama ihm das "Verpiss dich" heißen. Er verblüffte mit der Behauptung, wonach Romney den sofortigen Truppenabzug aus Afghanistan verlange. Das führte zur kuriosen Szene, als die sonst eher martialische Republikaner-Schar die Forderung nach sofortiger Heimkehr der GIs bejubelte. Obama lachte dazu zuletzt, als er prompt via Twitter antwortete: „Dieser Sessel ist besetzt“, verschickte er ein Foto, das ihn von hinten im Chefsessel zeigt. Ganz Amerika redete noch am Folgetag statt der Romney-Rede über Eastwoods verkorkste Einlage, die laut TV-Kommentatoren "ordentlich in die Hosen ging". Dabei hatte vor allem die Texas-Delegation dem Auftritt von Eastwood mehr entgegengefiebert als dem von Romneys. "Wenn sie uns mit Knarren in den Saal ließen", sagt Lance Lens mit Cowboy-Hut ins Gesicht gezogen, "würden wir vor Freude in die Decke ballern".

40 Minuten dauerte danach Romneys Redeschwall, der ihn ins Oval Office katapultieren soll. Er rechnete oft ätzend mit seinem Demokraten-Rivalen ab. Der habe die Euphorie nach seiner Wahl vergeigt, als Präsident versagt, das Land auseinanderdividiert. Es sei Zeit zum Neustart, donnerte Romeny: „Obama versprach, das Steigen der Meeresspiegel zu bremsen und den Planeten zu heilen – ich werde euch und euren Familien helfen“. Er verriet konkretes: 12 Millionen Jobs wolle Romney schaffen, Amerika bis 2020 unabhängig von Nahost-Öl machen. „Was wir brauchen, sind Jobs“, rief er: „Viele Jobs!“

Doch der steife Multimillionär wollte sich der Nation auch als warmherziger Familienmensch präsentieren. Er drückte Tränen, als er vom einzigartigen Glücksgefühl sprach, das nur Eltern kennen, „wenn man mit fünf kleinen Piloten im Bett aufwacht“. Er erzählte, dass sein Vater seiner Mutter jeden Tag eine rote Rose ans Bett legte. Romney: „So erfuhr sie auch über seinen Tod, als eines Morgens keine am Polster lag“.

Energisch verteidigte Romney auch seine Vergangenheit als eiskalter Investmentbanker bei „Bain Capital“, wo Firmen gekauft und „verschlankt“ wurden. Obama verstehe eben die Welt der Privatwirtschaft nicht, „wo es Erfolge und Misserfolge gibt“.

Trotz dem furiosen Finale war es ein Pannen-Parteitag:

  • Sturm "Isaac" kürzte die Polit-Show, sorgte für verringerten Medien-Fokus. Tampa wurde fast zum Quotenflop: Die US-Networks hatten die ersten zwei Abende um 17 Millionen weniger Zuseher als noch beim McCain-Parteitag 2008, als Sarah Palin nominiert wurde.
  • Fans des Querkopfes Ron Paul sorgten immer wieder für Eklats;
  • Ein Rassismus-Skandal schockierte, wo eine schwarze CNN-Kamerafrau mit Erdnüssen beworfen wurde.

NBC-Politchef Chuck Todd erzählt mir am Delegierten-Floor, dass er die Politshow für mittelprächtig hielt, sie passe in den "zynischsten Wahlkampf vielleicht aller Zeiten", einer Schlammschlacht, die Politik für immer mehr Bürger ungenießbar mache. Romney soll erst gar nicht versuchen, krampfhaft sympathisch zu wirken, so Todd: "Wissen und Kompetenz sind in diesem Wahlkampf wichtiger als Charisma".

Dabei wurde nichts dem Zufall überlassen. Stunden vor der Rede teste Romney in der Tampa-Arena Mikro, Ton, Teleprompter und Technik. Er sollte sich auch mit der für seine Rede extra umgebauten Bühne vertraut machen. Die Plattform wurde um fünf Meter in die Delegierten-Sitzreihen hinein verlängert, er sollte dichter am Volk stehen. Hundert Fotografen blitzen los, eine Gruppe junger Republikaner ruft: "Wir lieben dich Mitt!" Und: "Schlage Obama!" Romney lächelt milde, hebt die Hand zum Gruß. "Mein Gott, sieht der aus wie ein Präsident", schwärmt eine ältere Delegierte mit üppigem Makeup. Die Haare seien es vor allem, erklärt sie.

Das Wahlduell jedoch bleibt ein Thriller: Romney 45,9 Prozent, Obama 46,5.

 

Mehr von unserem US-Korrespondenten Herbert Bauernebel finden Sie hier auf AmerikaReport.com

Autor: Herbert Bauernebel, USA
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