Böll- und Adenauer-Nachlass verloren

Kölner Hauseinsturz

 

Böll- und Adenauer-Nachlass verloren

Unikate aus dem Mittelalter, Handschriften mit kaiserlichem Siegel, einzigartige Schreinsbücher und 800 Nachlässe von berühmten Komponisten, Architekten, Literaten - Schätze aus tausend Jahren liegen unter Trümmern begraben. Eine der größten und bedeutendsten Archiv-Sammlungen in Europa, gelagert auf 30 Regalkilometern im Historischen Archiv in Köln, ist untergegangen. Experten sprachen am Mittwoch von einem Kulturgut von unschätzbarem Wert, das nach dem Gebäude-Einsturz möglicherweise zu größeren Teilen nicht mehr zu retten und zu rekonstruieren sei. "Das Archiv gehörte in Umfang und Breite zu den ganz großen und bedeutenden Stadtarchiven und hat besonders wertvolle, hochrangige Bestände", sagt Robert Kretschmar, Vorsitzender des Verbands deutscher Archivare.

"Die Schäden werden gigantisch sein", meint Archiv-Leiterin Bettina Schmidt-Czaia geschockt. "Ich glaube, außerhalb des Zweiten Weltkriegs hat es das noch nie gegeben, dass ein so bedeutendes Archiv komplett untergegangen ist." 2004 hatte die Historikerin die Leitung des größten kommunalen Archivs nördlich der Alpen übernommen und geschwärmt von einem Bestände-Reichtum und Überlieferungswert, der in Deutschland unübertroffen sei. Nun ringt Schmidt-Czaia um Fassung: "Wir versuchen zu bergen und zu retten, was zu retten ist, aber ich habe nicht viel Hoffnung, es wird wohl eher minimal sein." Dagegen sind der Kulturstaatssekretär von Nordrhein-Westfalen, Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, und der Kölner Kulturdezernent Georg Quander optimistischer.

Böll-Nachlass
Erschütterung dürfte auch bei der Familie des Nobelpreisträgers Heinrich Böll (1917-1958) herrschen. Erst vor einigen Wochen hatte Sohn René Böll das Privatarchiv seines Vater verkauft und damit den gesamten Böll-Nachlass dem Historischen Archiv anvertraut. Es falle ihm schwer sich zu trennen, aber die Lagerungsmöglichkeiten seien im Archiv eben besser. "Wir können die Sachen ja auch mal ausleihen", hatte René Böll sich zu trösten versucht. Ob das noch möglich ist, konnte am Tag nach dem Unglück allerdings niemand sagen.

Offenbach und Adenauer-Archiv verloren
Aber auch Nachlässe anderer Größen von Weltrang wie des Komponisten Jacques Offenbach oder des ersten Bundeskanzlers und einstigen Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer sind vielleicht für immer verloren. Dessen gleichnamiger Enkel ist entsetzt: "Der ganze Nachlass aus der Kölner Zeit bis 1945 lagerte dort. Für unsere Familie und die Stadt Köln ist das ein ganz schwerer Verlust." Dokumente aus der Zeit Adenauers als Bundeskanzler seien aber in Rhöndorf bei Bonn in Sicherheit. Zugleich kritisierte Notar Adenauer in Richtung Stadt: "Es muss ein Versagen vorliegen. Es gab genug Anzeichen, und der Einsturz hätte sicher vermieden werden können. Wenn man einen solchen Schatz hütet, ist es unverantwortlich, dessen Sicherheit auf die leichte Schulter zu nehmen."

Weltberühmt sind auch die sogenannten Schreinsbücher. Diese gelten als einzigartig und unersetzbar, erklärt Kretschmar. "Das ist ein Häuser-Verzeichnis aus dem Mittelalter, alles Unikate, die so kostbar waren, dass sie in Schreinen aufbewahrt wurden." Dokumente aus Klöstern und Stiften gehörten ebenfalls zum Stolz des Archivs, genauso wie die älteste Urkunde aus dem Jahr 922. Wertvolle historische Urkunden könnten laut Grosse-Brockhoff wohl weitgehend geborgen werden.

400 Millionen Euro Schaden
Archivalien im Versicherungswert von 400 Millionen Euro liegen im Schutt, sagt Quander. Dramatischer sei aber der geistige Verlust, der sogar schlimmer ausfallen könne als beim Brand der Anna-Amalia-Bibliothek. Die größte Gefahr für den verschütteten Kulturschatz ist nun Wasser von oben und von unten. Um die zerbrechlichen Papiere vor Regen zu schützen, soll eine Plastikpläne über den Trümmern ausgebreitet werden. Manuskripte, Fotos oder Urkunden, die in den Krater vor dem Gebäude gestürzt sind, hat das Grundwasser aber wohl schon unwiederbringlich zerstört für die Nachwelt. Ein schneller Tiefkühlprozess könnte laut Quander noch Abhilfe schaffen - aber am Tag danach kommt noch niemand an die gefährlichen Stellen heran.

Fotos: (c) AP

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