Prozess gegen Polizei nach Tod eines Unschuldigen

London

Prozess gegen Polizei nach Tod eines Unschuldigen

Die tödlichen Schüsse auf einen unschuldigen Brasilianer während der Fahndung nach den schweren Terroranschlägen von London vor drei Jahren werden jetzt von einem Gericht untersucht. Polizisten hatten den 27-Jährigen Jean Charles de Menezes zwei Wochen nach der Anschlagsserie vom 7. Juli 2005 auf die Londoner U-Bahn und einen Bus in einer U-Bahn-Station erschossen, weil sie ihn für einen flüchtigen Terroristen hielten. Richter Michael Wright sagte am Montag den elf Geschworenen, es handle sich um einen schwierigen Fall. Sie sollten sich nicht von der "oft sehr ungenauen" Berichterstattung beeinflussen lassen, sondern ein eigenes Urteil fällen.

75 Zeugen
Die auf drei Monate angesetzte Verhandlung ist die erste Gelegenheit für die Familie des Brasilianers, die Verantwortlichen direkt zu konfrontieren. Die Untersuchung soll klären, ob es sich um fahrlässige Tötung handelte. Dabei kommen erstmals die zwei Polizisten zu Wort, die de Menezes am 22. Juli 2005 mit sieben Kopfschüssen in einem Waggon niederstreckten. Es sollen 75 Zeugen gehört werden, darunter Familienangehörige, U-Bahn-Passagiere und mehr als 40 Polizisten, von denen viele anonym bleiben werden.

Internes Papier
Auch wenn keine neuen Erkenntnisse erwartet werden, gilt die Untersuchung als eine der härtesten Proben, die die Londoner Polizei Scotland Yard und deren sowieso schon umstrittener Chef Ian Blair bestehen müssen. Am Montag wurde ein internes Papier der Polizei bekannt. Darin heißt es, die Untersuchung sei für die Behörde der richtige Platz, für die Taten "geradezustehen"; Scotland Yard werde die Sache "mit Demut" angehen und übernehme die Verantwortung für die Tragödie.

Der Richter betonte, de Menezes habe in "keinster Weise mit Bomben, Sprengstoff oder irgendeiner Form von Terrorismus" in Verbindung gestanden. Die Terrorbedrohung sei aber damals mit der höchsten Warnstufe beurteilt worden, sagte Wright. Bei dem Anschlag in London kamen 52 Menschen und die vier Selbstmordattentäter ums Leben, 700 Menschen wurden verletzt. Am 21. Juli flogen andere mögliche Attentäter auf, die den Anschlag exakt kopieren wollten.

Zu der Untersuchung in dem voll besetzten Raum des Oval-Cricket-Platzes nahe der U-Bahn-Station Stockwell, wo de Menezes erschossen wurde, kamen am Montag auch Cousins des Erschossenen. Die Sicherheitsvorkehrungen waren groß, da Proteste befürchtet wurden. Die Familie hatte jahrelang dafür gekämpft, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen.

Kritisiert wurde immer wieder die Kommunikation der Polizei in der Sache. Polizeichef Blair wird vorgeworfen, dass er die Tat vertuschen wollte. Der Gerichtsuntersuchung liegen mehrere Berichte der unabhängigen Polizeiaufsicht IPCC zugrunde. Obwohl darin schwerwiegende Fehler der Polizei aufgedeckt wurden, traten Blair oder andere Verantwortliche bisher nicht zurück.

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