21. November 2008 07:51
Die USA werden nach Einschätzung der Geheimdienste des Landes über die
kommenden beiden Jahrzehnte einen spürbaren wirtschaftlichen und politischen
Machtverlust erleiden. "Die Vereinigten Staaten sind dann noch immer
wichtigste Großmacht, aber weniger beherrschend", heißt es in
einer am Donnerstag (Ortszeit) veröffentlichten Studie des Nationalen
Geheimdienst-Rats (NIC), dem Zentrum für mittel- und langfristige Prognosen.
China und Indien streben auf
Bis 2025 werden demnach die USA
angesichts der Konkurrenz aufstrebender Staaten wie China oder Indien nur
noch "einer von einer ganzen Reihe wichtiger Akteure auf der Weltbühne
sein". Gleichzeitig warnt das Papier vor wieder aufflammenden
internationalen Konflikten um Rohstoffe wie Öl oder Trinkwasser.
"Das internationale System wie es nach dem Zweiten Weltkrieg
konstruiert wurde, wird 2025 beinahe nicht wiederzuerkennen sein",
heißt es in der rund 120-seitigen Prognose-Studie. Grund sei vor allem der
Aufstieg der Schwellenländer, die Globalisierung der Wirtschaft und ein
historischer Transfer von Wohlstand und wirtschaftlicher Macht vom Westen in
den Osten. Der Abstand zwischen Industrie- und Entwicklungsländern werde
sich zusehends verringern. Statt sich dem Westen anzupassen, hätten Länder
wie Brasilien, Russland, China oder Indien sehr viel Freiheit, eigene
politische Prioritäten zu setzen.
Korruption in Russland
Der Klimawandel wird demnach die
landwirtschaftlich nutzbare Saison in Russland und Kanada verlängern und den
Zugang zu Ölvorkommen im hohen Norden erleichtern und damit die Wirtschaft
beider Länder stärken. Russlands möglicher Aufstieg zur Weltmacht werde
jedoch erschwert durch zögerliche Investitionen in den Energiesektor sowie
die andauernde Kriminalität und die Korruption in Behörden. Die
Geheimdienstexperten warnen außerdem davor, dass das organisierte Verbrechen
schließlich die Herrschaft in einem Staat in Ost- oder Mitteleuropa an sich
reißen könnte. Den Namen des Landes nennt der Bericht nicht.
Länder in Afrika und Südasien könnten laut Prognose unregierbar werden. Die
Weltbevölkerung werde immer stärker um Nahrungs-, Wasser-und
Energieressourcen konkurrieren.
Verschwunden geglaubte Konflikte wie um Rohstoffe könnten sich angesichts
dieser Entwicklung neu entzünden, befürchten die Geheimdienste. Im
schlimmsten Fall könne es zu Kriegen zwischen Staaten kommen, wenn
Regierungen den Zugang etwa zu Energiequellen als überlebenswichtig
betrachteten. Auch wachse die Gefahr eines Einsatzes von Atomwaffen
angesichts der Verbreitung von Nukleartechnik und dem entsprechenden Wissen.
Al-Kaida zerfällt
Der Bericht geht weiter davon aus, dass
das Terrornetzwerk Al Kaida "schneller als die Leute glauben"
zerfällt. In muslimischen Ländern werde Al Kaida immer unpopulärer, heißt
es. Ein nicht-arabisches Land außerhalb des Nahen Ostens könnte zu
geopolitischer Bedeutung heranwachsen. Auch der Iran könnte eine zentrale
Figur in einer neuen Weltordnung werden, wenn das Land seine theokratische
Staatsform abstreife.
Der NIC veröffentlicht den Bericht über globale Trends alle vier, fünf
Jahre. Dazu werden Hunderte Geheimdienst-Analysten und außenstehende
Experten nach ihren Einschätzungen für die nahe Zukunft befragt. An dem
Bericht "Global Trends 2025" wurde ein Jahr lang gearbeitet.