Wirtschaftsstandort

Deindustrialisierung stoppen und Schlüsseltechnologien stärken

Mehr Kaufkraft, gezielte Investitionen, eine konsequente Energiewende, effizientere Strukturen und eine moderne Arbeitsmarktpolitik können dem heimischen Wirtschaftsstandort neuen Schwung verleihen und seine internationale Bedeutung stärken. 

Die Industriepolitik kommt in eine Phase vorsichtiger wirtschaftlicher Erholung. Nach mehreren schwachen Jahren wächst die österreichische Wirtschaft wieder leicht, wenn auch deutlich langsamer als im Euroraum. Laut aktuellen Schätzungen legte das reale Bruttoinlandsprodukt 2025 lediglich um 0,6 Prozent zu. Auch die Inflation hat sich zuletzt deutlich abgeschwächt. Das Institut für Höhere Studien (IHS) erwartet für 2026 eine Teuerungsrate von rund 2,2 Prozent – deutlich weniger als noch im Jahr zuvor. Signale für eine Trendwende? 2026 könne „das Jahr des Comebacks“ für die österreichische Wirtschaft werden, wenn Reformen und Investitionen konsequent umgesetzt würden.

Industriestrategie 2035 als heimischer Wachstumsmotor

Wo die wichtigsten Ansatzpunkte liegen und wie Wirtschaft und Politik gemeinsam den Aufschwung vorantreiben können, zeigt sich besonders im Blick auf die Industriestrategie 2035. Die heimische Industrie soll wieder stärker zum Motor der heimischen Wirtschaft werden, mit dem Ziel, den Anteil der industriellen Wertschöpfung deutlich zu erhöhen und Österreich langfristig unter die Top-10-Industriestandorte der OECD zu bringen.

  1. Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit
  2. Weiterentwicklung wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit in und mit Europa
  3. Erhöhung der Leistungsfähigkeit und Innovationskraft
  4. Ausbau wirtschaftlicher Resilienz
  5. Stärkung nachhaltiger und zirkulärer Produktion
  6. Entwicklung des Fachkräftepotenzials

Industrie soll wieder wachsen

Der Anteil der Industrie an der gesamten Wirtschaftsleistung soll von derzeit rund 16 auf über 20 Prozent steigen. Gleichzeitig strebt Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer ein Wirtschaftswachstum von zumindest einem Prozent an. „Vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen und instabiler Lieferketten müsse die Produktionsfähigkeit der Industrie gesichert werden“, betont Hattmannsdorfer. Die Industriestrategie 2035 soll dabei über die aktuelle Legislaturperiode hinaus wirken und als langfristiger Leitfaden dienen. Insgesamt umfasst das Programm 114 Maßnahmen in sieben Handlungsfeldern – von Forschung und Innovation über Energiepolitik bis hin zu Bildung und Bürokratieabbau.

Milliarden für Zukunftstechnologien

Im Zentrum der Strategie stehen gezielte Investitionen in Zukunftsbereiche, da klassische Industriezweige wie Papier- und Textilproduktion langfristig nicht in Europa gehalten werden können. Österreich müsse daher künftig seine Stärken bei Forschung, Innovation und Export ausspielen. Insgesamt sollen rund 2,6 Milliarden Euro in neun definierte Schlüsseltechnologien fließen. Diese reichen von künstlicher Intelligenz über Halbleitertechnologien bis hin zu Raumfahrt- und Mobilitätstechnologien.

Die Mittel stammen aus dem Forschungs-, Technologie- und Innovationspakt und sollen Technologien entlang der gesamten Wertschöpfungskette fördern – von der Grundlagenforschung bis zur Marktreife.

Zu den zentralen Technologie-Feldern gehören:

  • künstliche Intelligenz und Dateninnovation
  • Chips und elektronische Systeme
  • Robotik und moderne Produktionstechnologien
  • Quantentechnologie und Photonik
  • fortgeschrittene Werkstoffe
  • Life Sciences und Biotechnologie
  • nergie- und Umwelttechnologien
  • Mobilitätstechnologien
  • Raumfahrt- und Luftfahrttechnologien

Energiepreise und Infrastruktur im Fokus

Ein weiterer Kernpunkt der Strategie ist die Senkung der Produktionskosten. Geplant ist ein staatlich unterstützter Industriestrompreis ab 2027, der sich am deutschen Modell orientieren soll.

Parallel dazu investiert das Infrastrukturministerium in technologische Infrastruktur. Für die Jahre 2026 bis 2029 sind rund eine Milliarde Euro vorgesehen. Damit sollen unter anderem Innovationen im Verkehrssektor beschleunigt werden.

Geplant ist etwa ein neues Schienenfahrzeug-Test- und Kompetenzzentrum, das technologische Entwicklungen im Bahnbereich vorantreiben soll. Gleichzeitig sollen die Energiekosten im Bahnstromsystem gesenkt werden – ein Schritt, der sowohl den Personen- als auch den Güterverkehr stärken soll.

Bürokratieabbau und Fachkräfte

Neben Investitionen setzt die Strategie stark auf strukturelle Reformen. Ein Schwerpunkt liegt auf schnelleren Genehmigungsverfahren und weniger administrativen Hürden für Unternehmen. Auch am Arbeitsmarkt sind Änderungen geplant. Neue Ausbildungsberufe sollen geschaffen und Lehrpläne modernisiert werden. Gleichzeitig will die Regierung die Rot-Weiß-Rot-Karte sowie die Mangelberufsliste reformieren, um qualifizierte Fachkräfte leichter ins Land holen zu können.

„Patriotische“ Industriepolitik

Öffentliche Aufträge und Förderprogramme sollen künftig stärker so gestaltet werden, dass staatliche Gelder möglichst in Österreich Wertschöpfung schaffen. Ziel ist, dass Investitionen und Förderungen direkt dem heimischen Wirtschaftsstandort zugutekommen.

Infrastrukturminister Peter Hanke sprach in diesem Zusammenhang von einem „vernünftigen Protektionismus“ in Europa. Nur so könne man im internationalen Wettbewerb mit anderen Wirtschaftsräumen bestehen.

Auch die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie soll gezielt gestärkt werden. Exportkontrollen für sogenannte Dual-Use-Güter – also Produkte mit ziviler und militärischer Nutzung – sollen dafür deutlich liberalisiert und die bisher verstreuten Genehmigungsprozesse zentral in einem Ministerium gebündelt werden.

Inflation sinkt – Entlastung durch Energiepakete und Steuermaßnahmen

Die Teuerung in Österreich dürfte im kommenden Jahr deutlich nachlassen. Das Institut für Höhere Studien (IHS) hat seine Inflationserwartung für 2026 auf 2,2 Prozent gesenkt. In der Winterprognose war das Forschungsinstitut noch von 2,5 Prozent ausgegangen. Ausschlaggebend für die Korrektur nach unten sind vor allem staatliche Entlastungsmaßnahmen sowie sinkende Energiepreise.

Laut IHS-Ökonom Sebastian Koch wirken vor allem Energiepakete und temporäre Mehrwertsteuersenkungen dämpfend auf die Preisentwicklung. Auch Maßnahmen im Wohn- und Energiesektor tragen dazu bei, den Preisdruck zu reduzieren.

Die Bundesregierung hat ihren budgetpolitischen Fokus neben der notwendigen Konsolidierung bewusst auf jene Lebensbereiche gelegt, die Haushalte besonders stark belasten: Energie, Wohnen und Lebensmittel. Das langfristige Inflationsziel von zwei Prozent bleibt trotz der aktuellen geopolitischen Unsicherheiten, die den Öl- und Gaspreis wieder stark ansteigen lassen – laut Regierung weiterhin aufrecht.

Energiepreise und Maßnahmen drücken die Teuerung

Ein wesentlicher Grund für den Rückgang der Inflation liegt in einem statistischen Effekt. Der starke Preisschub bei Strom, der 2025 durch das Auslaufen von Energiehilfen ausgelöst wurde, fließt nun nicht mehr in die Berechnung der Teuerungsrate für 2026 ein. Ökonomen sprechen dabei von einem sogenannten „Basiseffekt“. Allein dieser Effekt dürfte rund 0,8 Prozentpunkte zum Rückgang der Inflation beitragen. Darüber hinaus senken konkrete Entlastungsmaßnahmen die Teuerungsrate zusätzlich. Insgesamt drücken diese Maßnahmen die Inflation laut IHS um etwa 0,7 Prozentpunkte.

Dazu zählt etwa die Senkung der Elektrizitätsabgabe, die nach Berechnungen des Instituts zwischen 0,12 und 0,16 Prozentpunkte zur Inflationsdämpfung beiträgt. Auch niedrigere Strompreise von Energieversorgern wirken sich aus: Preissenkungen von Verbund und EVN senken die Inflationsrate um weitere 0,11 beziehungsweise 0,05 Prozentpunkte. Der Sozialtarif für Energie reduziert sie zusätzlich um rund 0,03 Prozentpunkte. Laut IHS-Ökonom Sebastian Koch dämpfen Energie-Pakete und Mehrwertsteuersenkungen die Teuerung spürbar.

Zahlen & Fakten

  • Inflation soll 2026 bei 2 % liegen.
  • Wertschöpfung: Industrieanteil an der Wirtschaft: derzeit ca. 16 %
  • Ziel bis 2035: über 20 %
  • 2,6 Milliarden Euro Förderbudget für Zukunftstechnologien.
  • 1 Milliarde Euro für Infrastrukturinvestitionen (2026–2029).
  • Bis 2035 soll Österreich den Sprung in die Top-10-Industriestandorte der OECD schaffen.
Wirtschaftsstrategie 2030+: Niederösterreich setzt auf Innovation und Forschung
Mit der neuen Wirtschaftsstrategie 2030+ will Niederösterreich seine Wettbewerbsfähigkeit stärken und den Standort langfristig absichern. Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner präsentierte das Konzept mit klaren Zielen: Bis 2030 soll die Produktivität auf ein Bruttoregionalprodukt von über 110.000 Euro pro Erwerbstätigen steigen, gleichzeitig soll die Zahl der Forschungsbeschäftigten in Unternehmen auf 10.000 wachsen. Nach zwei schwierigen Jahren wuchs die Wirtschaft 2025 wieder, für 2026 wird ein Plus von rund 1,2 Prozent erwartet. Investitionen in Digitalisierung, Automatisierung und Schlüsseltechnologien wie Raumfahrt, Bahntechnologie und Kreislaufwirtschaft sollen Wachstum und Kaufkraft sichern.
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