Arbeit & Soziales

Mehr Jobs, kaum mehr Arbeit: Arbeitsmarkt im Wandel

Deutlich mehr Erwerbstätige, aber nahezu stagnierendes Arbeitsvolumen: Der österreichische Arbeitsmarkt hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten tiefgreifend verändert.

Vor allem Teilzeit, ältere Beschäftigte und ausländische Arbeitskräfte prägen diese Entwicklung – mit weitreichenden Folgen für Wirtschaft und Sozialstaat.

Österreich zählt heute deutlich mehr Erwerbstätige als noch vor 20 Jahren. Seit 2005 ist ihre Zahl um rund 750.000 auf 4,5 Millionen im Jahr 2025 gestiegen. Dennoch hat sich das gesamte Arbeitsvolumen kaum verändert. Die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden legten im selben Zeitraum lediglich um 2,1 Prozent auf 6,89 Milliarden Stunden zu.

Der Grund für diese Diskrepanz liegt vor allem im Strukturwandel des Arbeitsmarkts: Immer mehr Menschen arbeiten, aber im Schnitt weniger Stunden. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit sank seit 2005 um 5,3 Stunden auf 29,4 Stunden.

Teilzeit auf dem Vormarsch

Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung bei der Teilzeitarbeit. Österreich gehört hier mittlerweile zu den Spitzenreitern in der EU und liegt auf Rang zwei. Fast jede zweite erwerbstätige Frau (49,8 Prozent) arbeitete 2025 in Teilzeit – ein deutlicher Anstieg gegenüber 39,5 Prozent im Jahr 2005. Bei Männern hat sich die Teilzeitquote ebenfalls mehr als verdoppelt und liegt nun bei 14 Prozent.

Die Gründe dafür sind vielfältig: der stärkere Eintritt von Frauen in den Arbeitsmarkt, gesetzliche Regelungen wie die Elternteilzeit, begrenzte Kinderbetreuungsangebote sowie ein genereller Trend hin zu Branchen mit hohem Teilzeitanteil. Auch veränderte Lebensentwürfe spielen eine Rolle.

Gleichzeitig zeigt sich ein Spannungsfeld: Sieben Prozent der Erwerbstätigen wünschen sich mehr Arbeitsstunden, während 15 Prozent ihre Arbeitszeit reduzieren möchten.

Mehr Beschäftigte aus neuen Gruppen

Das Wachstum am Arbeitsmarkt wird maßgeblich von Gruppen getragen, die früher weniger stark vertreten waren. Dazu zählen vor allem Frauen, ältere Menschen und ausländische Arbeitskräfte.

Die Erwerbstätigenquote von Frauen stieg seit 2005 deutlich und erreichte zuletzt 71 Prozent.

Noch stärker fiel der Anstieg bei älteren Beschäftigten aus: In der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen hat sich die Erwerbstätigenquote mehr als verdoppelt – von 29,9 auf 60,9 Prozent. Gründe dafür sind laut Statistik Austria die demografische Entwicklung und die damit gestiegene Nachfrage nach älteren Arbeitskräften sowie Gesetzesänderungen beim Pensionsantrittsalter und strengere Regelungen zu vorzeitigen Pensionen. Trotz des starken Anstiegs lag Österreich im EU-Vergleich bei der Erwerbstätigenquote der 55– bis 64-Jährigen im Jahr 2024 nur auf Platz 21 von 27.

Auch die Zahl der Arbeitskräfte ohne österreichische Staatsbürgerschaft hat stark zugenommen: von rund 355.000 im Jahr 2005 auf fast 954.000 im Jahr 2025. Die Erwerbsquote stieg dabei sowohl bei österreichischen als auch bei ausländischen Arbeitskräften um etwa acht Prozentpunkte.

Weniger Überstunden, aber auch unbezahlte Arbeit

Parallel zur Ausweitung der Teilzeit ist die Zahl der Über- und Mehrstunden deutlich zurückgegangen. Sie halbierte sich von über 354 Millionen Stunden im Jahr 2005 auf rund 170 Millionen im Jahr 2025.

Allerdings bleibt ein Problem bestehen: Ein erheblicher Teil dieser zusätzlichen Arbeit wird nicht abgegolten. Im Jahr 2025 wurden 124,2 Millionen Überstunden bezahlt, für 45,9 Millionen Stunden gab es weder Entlohnung noch Zeitausgleich.

Gewerkschaftsseite schätzt, dass den Beschäftigten dadurch ein „Lohnverlust“ von rund 2,5 Milliarden Euro entstanden ist. Auch dem Staat entgingen dadurch erhebliche Einnahmen in Form von Steuern und Sozialabgaben.

Wirtschaft schlägt Alarm

Angesichts dieser Entwicklung wächst die Sorge in der Wirtschaft. Vertreter warnen vor einem sinkenden Arbeitsvolumen trotz steigender Beschäftigtenzahlen. Ohne Gegenmaßnahmen drohe der Fachkräftemangel, ein ernsthaftes Risiko für Wachstum und Wohlstand zu werden.

Gefordert werden daher Maßnahmen, um die geleisteten Arbeitsstunden zu erhöhen – etwa durch bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Anreize für längere Arbeitszeiten oder eine stärkere Integration von Arbeitskräften.

Demografischer Druck nimmt zu

Der Blick in die Zukunft verschärft die Problematik zusätzlich. Prognosen zufolge wird die Zahl der Erwerbspersonen bereits bis 2040 sinken und bis 2080 auf etwa 4,36 Millionen zurückgehen.

Hintergrund ist die demografische Entwicklung: Österreichs Bevölkerung altert spürbar. Weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter stehen einer steigenden Nachfrage nach Arbeitskräften gegenüber.

Schon heute wird gewarnt, dass ohne rasche politische Maßnahmen künftig zehntausende Arbeitskräfte fehlen könnten. Besonders außerhalb der Ballungsräume dürfte sich die Lage weiter zuspitzen.

Mehr Köpfe, weniger Leistung?

Der heimische Arbeitsmarkt ist heute breiter aufgestellt als noch vor zwei Jahrzehnten. Mehr Menschen nehmen am Erwerbsleben teil, insbesondere Frauen, Ältere und Zuwanderer. Gleichzeitig sinkt jedoch die durchschnittliche Arbeitszeit – mit spürbaren Folgen für das gesamte Arbeitsvolumen.

Die zentrale Herausforderung der kommenden Jahre wird darin bestehen, diese beiden Entwicklungen in Einklang zu bringen: mehr Beschäftigung und gleichzeitig ausreichend geleistete Arbeit, um Wachstum, Wohlstand und soziale Sicherheit langfristig zu sichern.

Arbeitsstiftungen bringen Menschen in Jobs und helfen Betrieben

Die Arbeitswelt verändere sich durch Digitalisierung, Klimawandel und neue Technologien rasant. Umso wichtiger ist es, dass wir in Aus- und Weiterbildung investieren und Menschen neue Perspektiven eröffnen.  Es kommt zu einer Neuauflage der Arbeitsstiftungen „Just 2 Job“ und „Umweltstiftung“ durch das Arbeitsministerium. Mit rund 40 Millionen Euro werden praxisnahe Qualifizierungsprogramme finanziert, die arbeitslosen Menschen neue Chancen eröffnen und gleichzeitig Betrieben dringend benötigte Fachkräfte sichern sollen. Ziel der Programme ist es, Menschen ab 18 Jahren ohne verwertbare Berufsausbildung oder mit Bedarf an Höherqualifizierung nachhaltig in den Arbeitsmarkt zu integrieren und dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Zahlen:

  • In Österreich sind 4,5 Millionen Menschen erwerbstätig und leisten 6,89 Milliarden Arbeitsstunden
  • 49,8 % der erwerbstätigen Frauen arbeiteten 2025 in Teilzeit
  • 40 Millionen Euro für praxisnahe Qualifizierungsprogramme
Kollektivverträge: Rückgrat des fairen Arbeitsmarkts in Österreich

Ein zentrales Erfolgsmodell des österreichischen Arbeitsmarktes sind die Kollektivverträge. Rund 98 Prozent aller unselbstständig Beschäftigten profitieren von diesen branchenspezifischen Vereinbarungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden. Sie sichern nicht nur faire Mindestlöhne, sondern regeln auch Arbeitszeiten, Sonderzahlungen sowie Extras wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Diese umfassende Absicherung stärkt die soziale Stabilität und macht Österreich im internationalen Vergleich besonders attraktiv für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Fachkräfte.
Fehler im Artikel gefunden? Jetzt melden.
OE24 Logo
Es gibt neue Nachrichten