Corona-Explosion: Was schiefgelaufen ist

Die Spurensuche

Corona-Explosion: Was schiefgelaufen ist

So wurde Österreich vom internationalen Musterschüler in Sachen Corona zum Sitzenbleiber.

Die Angst sitzt mittlerweile gleich mehreren Regierungspolitikern in den Knochen. In ein bis zwei Wochen könnten Spitäler in mehreren Bundesländern nicht mehr genügend Gesundheitspersonal und Intensivbetten haben. Österreich droht mittlerweile der Worst Case: der Kollaps des Gesundheitssystems wegen des extremen Anstieges der Coronavirus-Erkrankten. Seit Dienstag gilt in Östrreich wieder ein partieller Shutdown mit geschlossenen Lokalen und dem Aus für Kultur- und Sportveranstaltungen. Eine kleine Notbremse, die laut mehreren Experten zu spät kommen könnte.

Doch, wie konnte das passieren? Wieso ist Österreich vom internationalen "Musterschüler" der ersten Welle zu einem echten Sorgenkind geworden?

* Es beginnt alles mit dem Schock der massiven Folgen der Pandemie auf Wirtschaft und Arbeitsplätze. Die ÖVP forciert ab Mai rasche Öffnungen. Vor allem der Sommertourismus rückt in den Fokus, die Prävention in den Hintergrund.

* Ähnlich agieren auch die Grünen. Gesundheitsminister Rudolf Anschober verlässt sich zudem darauf, dass die wirkliche Herausforderung erst im Herbst beginnen würde -und meint damit offenbar erst November.

* Man verlässt sich - ohne ein zentrales Pandemiemanagement überhaupt anzustreben - auf die Bundesländer und Auswertungen über angebliche Aufklärungsquoten des Kontaktmanagements von Corona-Infizierten der AGES.

* Die Länder wiederum denken, das Contact Tracing im Griff zu haben und rüsten nicht auf. In einzelnen Bundesländern wird im Sommer auffallend wenig getestet.

* Der wirkliche Knackpunkt startet aber Mitte August. Die Regierung registriert, dass immer mehr Österreicher infiziert aus dem Urlaub zurückkehren. Man verhängt Reisewarnungen, sorgt aber nicht für genügend Tests.

* Erste Spannungen zwischen Kanzler Sebastian Kurz und Rudolf Anschober werden immer offensichtlicher. Kurz, der merkt, dass Israel - das Land, auf dessen Pandemiemanagement man sich in der ersten Welle verlassen hatte, von der zweiten Welle erfasst wird, will die Maskenpflicht wieder einführen. Anschober bremst. Kurz will rasch die Corona-Ampel. Anschober will sie erst im September. Die Rückkehr der Maskenpflicht kommt Anfang September. Die Zahlen beginnen, deutlicher zu steigen. Immer wieder erkennt man einen exponentiellen Anstieg, der aber immer wieder abbricht.

* Im Gesundheitsministerium und in der AGES wähnt man sich in Sicherheit. In den Bundesländern ebenso.

* Erste Spitalsärzte beginnen zu warnen, dass in Wien auch mehr Patienten in die Krankenhäuser kommen.

* Der Wien-Wahlkampf nimmt an Fahrt auf. Die ÖVP schießt sich auf die stark steigenden Infektionszahlen in Wien ein. Diese sind tatsächlich zu hoch. Aber niemand achtet darauf, dass einige Bundesländer immer noch zu wenig testen. Kurz will die Publikumszahl bei Veranstaltungen bundesweit stark reduzieren. Anschober lehnt das ab.

* Der Gesundheitsminister hört auf den AGES-Leiter Franz Allerberger. Dieser gilt als Virologe, der offenbar in Wirklichkeit auf der früheren Linie von Schwedens Chefepidemiologen Tegnell ist.

Falsche Prognosen und Mangel an Spitalsbetten

Desaster. Ab Oktober steigen Infektionszahlen und Anteil an schwer Erkrankten immer stärker. Aus dem exponentiellen wird ein überexponentielles Wachstum. Das heißt, dass sich die Infektionszahlen in immer kürzeren Abständen verdoppeln können. Spitalsärzte beginnen, Kanzler Kurz anzurufen.

Noch Mitte Oktober sagen aber die Corona-Ampel-Experten Anschober, dass noch "genügend Luft nach oben bei Intensivbetten" sei. Etwas, das er offiziell neben der Ampel-Sprecherin Daniela Schmid am 23. Oktober erklärt.

Im Kanzleramt hat man Berechnungen, dass es ab Neuinfektionsraten von 6.000 im Wochenschnitt das Gesundheitssystem kaum noch stemmen könne. Man verschätzt sich aber auch hier bei der Rasanz.

Die AGES liefert Spitalsbetten-Zahlen, die nun auch öffentlich von Spitalsärzten als "die gibt es gar nicht" dementiert werden.

Der "Lockdown light" dürfte um rund zwei Wochen zu spät gemacht worden sein. Noch in den Tagen, bevor er am Dienstag in Kraft getreten ist, könnten sich Tausende neu angesteckt haben. Ob diese Fehler aufgearbeitet werden?



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