Polizistin lässt Familie nicht im hauseigenen Garten spielen

Übertriebene Corona-Kontrolle

Polizistin lässt Familie nicht im hauseigenen Garten spielen

In diesem Fall gehen die Beamten wohl zu weit.

England. Auf der britischen Insel herrscht wegen der Coronavirus-Pandemie, wie in so vielen Ländern, eine Ausgangsbeschränkung. Die Engländer scheinen sich auch überwiegend daran zu halten, wie leere Straßen beweisen. Die Polizei kontrolliert sehr streng und in manchen Fällen auch übertrieben, wie das Video eines Vaters zeigt, der seine Kinder auf dem hauseigenen Rasen spielen lassen möchte. Ein Polizistin hindert ihn nämlich daran. "Das ist nicht meine Vorschrift. Das ist das Parlament", entschuldigt sich die Beamtin noch für die Einschränkung. "Sie wollen nicht, dass ihre Kinder das Virus bekommen - es macht vor ihrem Garten nicht halt", sagt die Polizistin.

 

 

Die Polizei in Eastwood, Rotherham entschuldigte sich für das Verhalten. Es sei "gut gemeint, aber schlecht informiert" gewesen. Auf der britischen Insel liegt inzwischen auch schon der Hashtag #policestateUK im Trend. Polizisten schauen Supermarkt-Kunden zum Beispiel ins Einkaufswagerl um zu kontrollieren, ob auch wirklich nur notwendige Einkäufe gemacht wurden. 

In England sind fast 8.000 Menschen am Coronavirus gestorben. 

Boris Johnson ringt um Luft - und Großbritannien mit ihm

Nur die Themse trennt das britische Parlament vom St. Thomas-Krankenhaus in London - den Schauplatz der Brexit-Krise vom Schauplatz der Corona-Krise. Hatte der britische Premierminister Boris Johnson noch vor wenigen Wochen im Parlament um Zustimmung für seine Pläne zum EU-Ausstieg gefochten, so kämpft er seit Montag auf der Intensivstation des Krankenhauses mit dem neuartigen Coronavirus.
 
Es wäre ironisch, wenn es nicht so dramatisch wäre: Der Mann, der Großbritannien in die Isolation führt, muss nun selbst isoliert werden. Der nationale Gesundheitsdienst NHS, auf dessen Rücken der heute 55-jährige Konservative jahrelang seine Kampagnen geschwungen hat, kämpft nun um sein Leben. Boris Johnson ringt um Luft - und hat sein Land doch jahrelang nicht zu Atem kommen lassen.
 
350 Millionen Pfund hatte Johnson dem NHS vor dem Brexit-Referendum 2016 in fetten Buchstaben auf einem Werbe-Bus wöchentlich versprochen, wenn der EU-Ausstieg käme. Geld, das dringend nötig ist, wie die britische Politik nun auf tragische Weise feststellen muss. Es fehlt in der Corona-Krise an fast allem: Beatmungsgeräte, Test-Kapazitäten, Schutzkleidung und vor allem Personal.

Konferenzzentren werden zu Krankenhäusern umgebaut

Was noch vor vier Wochen undenkbar gewesen wäre, ist die neue Normalität. Konferenzzentren werden in rasender Geschwindigkeit zu Krankenhäusern umgebaut, um die durch das Coronavirus ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19 zu behandeln. Sie tragen den Namen der berühmten britischen Krankenschwester Florence Nightingale.
 
Die würde wohl den Kopf schütteln, wenn sie ihre heutigen Kollegen sähe, die sich laut britischen Medien mit Skibrillen, Schnorcheln und Mülltüten gegen das gefährliche Virus zu schützen versuchen. Manche halten auch nur die Luft an, um sich nicht anzustecken.
 
Tausende Ärzte und Pfleger fehlen bei der Arbeit, weil sie Symptome zeigen oder mit Infizierten in Kontakt waren. Es gibt aber nicht genügend Tests, um Verdachtsfälle schnell auszuräumen.
 
Das verschlechtert die ohnehin schon angespannte Personalsituation mit zehntausenden offenen Stellen - die neben dem Sparkurs der britischen Regierung auch durch die Brexit-Debatte verschlimmert wurde, weil viele EU-Bürger den NHS und das Land verlassen haben. Die, die geblieben sind, kämpfen jetzt um das Leben derer, die sie los werden wollten.
 
Die Horrorszenarien für die britische Wirtschaft, die bisher dem harten Brexit vorbehalten waren, hat die Corona-Krise mittlerweile längst übertroffen. Zahllose Firmen stehen vor der Pleite. In vielen Supermärkten fehlt es an Grundnahrungsmitteln. Allein in den letzten beiden Märzwochen beantragte fast eine Million Briten Sozialhilfe - zehn Mal mehr als in normalen Zeiten.

Hilfsprogramm für die Wirtschaft

Die konservative Regierung hat ein Hilfsprogramm ungeahnten Ausmaßes für die Wirtschaft auf die Beine gestellt, das die Sparpolitik der vergangenen zehn Jahre mit einem Wimpernschlag beerdigt hat. Finanziert wird das zumindest kurzfristig direkt aus der Notenpresse der britischen Zentralbank.
 
Die aktuelle Krise ist auch ein neuerlicher Test für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Zwar hat das Virus das Hauptstreitthema Brexit aus den Schlagzeilen verdrängt, doch der Generationenkonflikt bleibt: Die Alten, die mehrheitlich für den Brexit waren und Angst vor dem Virus haben, rufen nun zum Zuhausebleiben auf - die Jungen, die mehrheitlich gegen den Brexit waren und sich auch vor dem Coronavirus wenig fürchten, treffen sich in den Parks.
 
Die Corona-Krise zeigt einmal mehr auch die großen Klassenunterschiede im Vereinigten Königreich auf. Die Elite kann die wahrscheinlich noch Wochen andauernde Ausgangssperre in ihren großen Anwesen gemütlich aussitzen, während die Existenzängste und damit einhergehenden Konflikte in kleinen Mietswohnungen hochkochen.
 
Angesichts tausender Corona-Toter und der Führungs- und Hilflosigkeit der Politik wünschen sich so manche Briten die Zeit davor zurück - als das Land zwar der endlosen Brexit-Debatten überdrüssig war, aber immerhin die Pubs noch geöffnet hatten.


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