Corona-Skandal bei Post: Streit um Infektionskette eskaliert

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Corona-Skandal bei Post: Streit um Infektionskette eskaliert

Landessanitätsdirektorin Irmgard Lechner schießt gegen Gesundheitsstadtrat Hacker: Hagenbrunn als Auslöser für den Corona-Cluster sei auf Grundlage aller Fakten ''sachlich nicht nachvollziehbar''.

St. Pölten. Die niederösterreichische Landessanitätsdirektorin Irmgard Lechner hat am Montag Aussagen des Wiener Gesundheitsstadtrats Peter Hacker (SPÖ) heftig widersprochen, wonach Hagenbrunn wohl Auslöser für einen aktuellen Cluster an Coronavirus-Infektionen gewesen sei. Das sei auf Grundlage aller bekannter Fakten "sachlich nicht nachvollziehbar", sagte sie auf APA-Anfrage.
 
Die Situation sei "von uns akribisch aufgearbeitet worden", betonte Lechner. "Es gab im Postverteilerzentrum Hagenbrunn im Vorfeld keinen einzigen positiv getesteten Corona-Fall. Der Patient Null dieses Clusters war ein Mann, der von seinem Wohnsitz in Wien nach Hagenbrunn pendelte. Die nächsten drei Fälle waren ebenso Personen, die aus Wien ins Postverteilerzentrum Hagenbrunn pendelten - und zwar im gleichen Bus wie der Patient Null", erläuterte die Landessanitätsdirektorin.
 
"Es wäre daher - vorsichtig formuliert - mindestens ebenso schlüssig davon auszugehen, dass das Virus von diesen Personen aus Wien ins Postverteilerzentrum Hagenbrunn getragen wurde", sagte Lechner zur APA. Generell halte sie jedoch nichts davon, "wenn bei der Eindämmung des Virus mit dem Finger aufeinander gezeigt wird". Für die erfolgreiche Bekämpfung des Virus sei es "wichtig, dass wir alle zusammenarbeiten".
 

Hacker: Hagenbrunn wohl "Auslöser" für Cluster

Der Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) hat am Sonntag eine erste Analyse des aktuellen Clusters an Coronavirus-Infektionen präsentiert. Laut dem Ressortchef deutet alles darauf hin, dass das Postzentrum im niederösterreichischen Hagenbrunn bzw. die Leiharbeitsfirmen Auslöser waren. Nur zehn Prozent der Wiener Betroffenen wiesen offenbar Symptome auf.
 
© APA/HERBERT NEUBAUER
Corona-Skandal bei Post: Streit um Infektionskette eskaliert
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"Es zeigt alles nach Hagenbrunn", sagte Hacker im Gespräch mit der APA. Dies habe die genaue Betrachtung der jüngsten Zahlen - viele der in Hagenbrunn tätigen Arbeiter leben in Wien - ergeben. Leiharbeit sei offenbar diesbezüglich ein großes Problem. Mit Flüchtlingen habe dies nichts zu tun. Denn die meisten Fälle etwa in der Unterkunft in Erdberg ließen sich auf die Post-Verteilzentren zurückführen - und nicht umgekehrt.
 
Laut Stadt Wien sind offenbar aus Erdberg vor allem Personen betroffen, die als Leiharbeiter bei der Post tätig waren bzw. in weiterer Folge Personen, zu denen sie Kontakt hatten. Von mehr als 1.000 Tests in verschiedenen Asyl-Einrichtungen waren nur knapp 40 (davon vier Betreuungspersonen, Anm.) positiv. Dabei sei ein Konnex in Sachen Leiharbeit erkennbar gewesen, hieß es. Der Großteil der betroffenen Leiharbeiter seien zudem keine Flüchtlinge, wurde versichert.
 
Der Cluster in Sachen Post sei erkannt worden, weil Wien genauer hinschaue: "Wir bringen Licht in den Schatten." Dabei habe man entdeckt, dass nur zehn Prozent der Fälle symptomatisch waren. Beim Rest sei die Infektion offenbar sehr leicht verlaufen. Dies sei eine neue Erkenntnis, versicherte Hacker. Man stehe vor keinem neuerlichen "Ausbruch", sondern die gestiegenen Zahlen ergäben sich daraus, dass punktuell sehr intensiv untersucht werde.
 
"Vergleichbares würde man in ganz Österreich finden", zeigte sich der Ressortchef überzeugt. Nötig sei darum nun auch, mit Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) in eine Diskussion zu treten. Es werde eine Debatte über die statistischen Zahlen geben müssen.
 
Die Kritik von FPÖ und ÖVP wertete er als "Wien-Bashing" im Wahlkampf. In diese Diskussion wolle er sich nicht hineinziehen lassen: "Weil mir das zu blöd ist." Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) wolle wohl ablenken von Niederösterreich, "wo die Infektionszahlen ansteigen sowie von seiner glorreichen Rolle in Ischgl".
 
Die Unterstützung der Gesundheitsbehörden sei überdies die gesetzliche Verpflichtung der Exekutive, gab er zu bedenken. Man nehme diese Hilfe bereits in Anspruch. Contact-Tracing durch die Kriminalpolizei sei jedoch nicht nötig, versicherte er. "Der Innenminister soll sich viel mehr Sorgen machen, dass an der Grenze nicht kontrolliert wird." Offenbar sei es etwa möglich, dass Personen aus Kroatien ohne Kontrollen einreisen, berichtete Hacker.
 
Er plädierte darüber hinaus auch für eine Diskussion über Leiharbeit. Denn auch die Post - auch wenn deren Verteilzentren nun stark betroffen seien - sei nicht unmittelbar dafür verantwortlich zu machen. Vielmehr sei es ein Problem, dass Personen, die als "neue Selbstständige" auf Abruf arbeiten würden, sozial nicht abgesichert seien.