Lage spitzt sich zu

Intensivmedizinerin: 'Zuerst geht uns das Personal aus'

'Bevor uns die Ressourcen und die Betten ausgehen, gehen uns die Personen aus, die solche Patienten auch betreuen können'

Die Tiroler Intensivmedizinerin Barbara Friesenecker von der MedUni Innsbruck hat am Sonntagabend zur Coronakrise klargestellt, dass das größte Problem im Intensivbereich die Personalzahl ist. Gerade die Betreuung von Covid-19-Intensivpatienten ist sehr aufwendig, schilderte sie in der ORF-Sendung "Im Zentrum". "Es braucht eine sehr hohe Pflegeexpertise", konstatierte Friesenecker.
 
"Es ist eher anzunehmen, bevor uns die Ressourcen und die Betten ausgehen, gehen uns die Personen aus, die solche Patienten auch betreuen können", sagte Friesenecker, auch Vorsitzende der ARGE Ethik in der Anästhesie und Intensivmedizin. "Wir sind nicht so ausgelegt, dass wir eine Pandemie bevorraten können. Wir sind so ausgelegt, dass wir im Normalbetrieb sehr knapp sind." Die Ärztin sagte, dass ein länderübergreifender Koordinator für Intensivplätze in der Zeit der Pandemie "sehr gut wäre".
 

"Ausgesprochen riskant"

Intensivmedizinerin Friesenecker warnte auch vor Überlegungen, im medizinischen Bereich oder auch in Alters- und Pflegeheimen Menschen arbeiten zu lassen, die zwar das Coronavirus laut einem PCR-Test noch in sich tragen, aber deren Ct-Wert nachweist, dass sie nicht infektiös sind. "Das halte ich für ausgesprochen riskant", betonte die Intensivmedizinerin. Man setze diese Menschen der Gefahr aus, dass sie durch die Arbeit krank würden, indem sie am Arbeitsplatz weiter belastet würden.
 
Der Gesundheitsökonom Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien (IHS) plädierte dafür, den zweiten Lockdown dafür zu nutzen, Informationsdefizite wie zum Beispiel ungenaue Informationen zu Spitalskapazitäten und Intensivplätzen im besonderen oder auch bezüglich des Personalaufwands im Contact Tracing zu beseitigen. Er brachte das Beispiel Japan: "Japan wusste viel besser als wir, wie man mit der Pandemie umgehen muss." Das Land habe etwa 100.000 Fälle bei mehr als 125 Millionen Einwohnern. Zum Zeitpunkt der Einführung eines zweiten Lockdowns sagte er allgemein gehalten: "Eines haben wir gesehen: Je früher man einen Lockdown macht, umso stärker wirkt er."
 

Schlagabtausch

In der Sendung kam es auch erneut zu einem Schlagabtausch zwischen Regierung und Opposition: Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP) verteidigte die Einführung der Maßnahmen im jetzigen Ausmaß: Wenn man eine Chance haben wolle, die Saison für den so wichtigen Wintertourismus und das Weihnachtsgeschäft zu retten, "müssen wir die Maßnahmen jetzt setzen". Diese seien an Deutschland angelehnt. Den Vorwurf, zu spät reagiert zu haben, wies er ebenso zurück wie Kritik, Unterstützung für Unternehmen komme nicht oder viel zu langsam bei diesen an.
 
NEOS-Partei- und Klubchefin Beate Meinl-Reisinger kritisierte, dass es Daten gebe "die wir nicht haben", wie zum Beispiel Cluster-Analysen. Es fehle seitens der Regierung "Planbarkeit und Klarheit, wo es hingeht". Sie sprach sich erneut kategorisch gegen die Schließung von Schulen und Kindergärten aus, um die Bildungschancen der Kinder zu erhalten.
 
Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl begrüßte die Maßnahmen zur Unterstützung der Betriebe. "Wir brauchen aber auch Maßnahmen für Beschäftigte", sagte sie und warnte vor einer Wirtschaftskrise, weil die Menschen mangels Geldes nicht einkaufen gehen würden.


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