Coronavirus

Top-Wissenschaftler: Wann leben wir wieder normal?

Sie sind Österreichs Top-Wissenschafter und ihre Expertise prägt stark die öffentliche Debatte und politische Entscheidungen. INSIDER fragte bei ihnen nach. 

Ein weiterer Corona-Jahrestag: Mit 16. März trat der 1. Lockdown in Kraft. Nach dem nunmehr 3. Lockdown wird der Wunsch nach Normalität jedoch immer größer.

Hans-Peter Hutter ist Umweltmediziner, Virologe, Hygieniker, Präventivmediziner, Mikrobiologe und Landschaftsökologe. Kurzum ein Tausendsassa. Er ist Surf-Fan und passionierter Hawaiihemden-Träger. Und damit bei seinen vielen Interviews ein erfreulich bunter Lichtblick in der oft so trüben Corona-Diskussion.

Seine Hoffnung bringt die Sehnsucht so vieler auf den Punkt. Denn "Wellen", die sollten bald wieder mit Brandung und Surfen in Verbindung gebracht werden. Oder mit Franz Grillparzer, wo es bekanntlich um "des Meeres und der Liebe Wellen" geht.

Realität. Die realistische Prognose umreißt Herwig Ostermann, Virologe und Chef der Gesundheit Österreich, mit der viel zitierten "neuen Normalität". In der wir uns daran gewöhnen müssen, "mit dem Virus zu leben und gleichzeitig weitgehend unseren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Tätigen und Interessen nachzugehen".

Auch Florian Thalhammer, Virologe und Vizechef des AKH Wien, sagt: "Auch nach der Pandemie werden wir nicht unser vorheriges Leben wiederhaben oder erst sehr langsam, denn manche Einschnitte werden bestehen bleiben."

LUNGEN-PRIMAR BERND LAMPRECHT: »Eine neue Form der Normalität«

INSIDER: Ihre persönliche Corona-Bilanz?

Bernd Lamprecht: Eine sehr mühsame Zeit mit vielen Entbehrungen, ein spannender Lernprozess inklusive unfreiwilligen Stresstests für das österreichische Gesundheitssystem und ein bemerkenswerter Solidaritätsbeweis unserer Gesellschaft.

INSIDER: Was haben wir Ihrer Ansicht nach richtig gemacht?

Lamprecht: Die Orientierung an den Infektionszahlen in Kombination mit den noch bedeutsameren Belagszahlen auf den Intensivstationen erscheint mir richtig.

INSIDER: Was ist uns in der Pandemiebekämpfung weniger gut gelungen?

Lamprecht: Die Entwicklung von neuen und die Nutzbarmachung von bereits bekannten Medikamenten sind bislang unter den Erwartungen geblieben. Zudem ist es uns zu wenig gelungen, das Bild eines Marathons zu vermitteln und ausreichend klar anzudeuten, bei welchem Streckenkilometer wir uns ungefähr befinden.

INSIDER: Was stimmt Sie derzeit positiv?

Lamprecht: Positiv stimmen mich die Ergebnisse der Impfstudien und die konkreten Erfahrungen aus Ländern wie Israel oder Schottland, die schon einem großen Teil der Bevölkerung die Impfung anbieten und bei diesen Personen danach einen verlässlichen Schutz vor schwerer Erkrankung feststellen konnten.

INSIDER: Wann leben wir wieder normal?

Lamprecht: Ich denke, es wird zu einer neuen Form der Normalität kommen, da die Spuren dieser Pandemie nicht kurzfristig verschwinden werden. Weitgehende Normalität im Berufs-und Gesellschaftsleben erwarte ich mir mit dem Erreichen einer Immunität bei einem möglichst großen Teil der Bevölkerung. Zumindest aber bei jenen, die aufgrund ihres Alters oder ihrer Vorerkrankungen ein erhöhtes Risiko für einen komplizierten Verlauf der Infektionserkrankung haben.

INFEKTIOLOGIN M. REDLBERGER-FRITZ: »Weihnachten wieder fast normal«

INSIDER: Ihre persönliche Corona-Bilanz?

Monika Redlberger-Fritz: Die Pandemie hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, in einem Team zu arbeiten, das sich gegenseitig unterstützt und gut zusammenarbeitet. Dann schafft man auch die größten Herausforderungen.

INSIDER: Was haben wir Ihrer Ansicht nach richtig gemacht?

Redlberger-Fritz: Den sehr frühen ersten Lockdown.

INSIDER: Was ist uns in der Pandemiebekämpfung weniger gut gelungen?

Redlberger-Fritz: Wirklich alle Teile der Bevölkerung, inklusive der Skeptiker, von der Wichtigkeit der Maßnahmen zu überzeugen.

INSIDER: Was stimmt Sie derzeit positiv?

Redlberger-Fritz: Die zunehmende Anzahl an verfügbaren Impfstoffen.

INSIDER: Wann leben wir wieder normal?

Redlberger-Fritz: Das kann man leider nicht vorhersagen, denn die Pandemie hat uns gelehrt, dass sie unberechenbar ist und immer neue Überraschungen auftreten können. Eine Prognose kann man daher nicht abgeben. Aber ich persönlich darf hoffen, dass wir Weihnachten 2021 eventuell wieder fast normal verbringen dürfen und die tatsächliche Normalität dann eventuell im nächsten Jahr eintritt.

INFEKTIOLOGE FLORIAN THALHAMMER: »Nicht mehr ganz das alte Leben«

INSIDER: Ihre persönliche Corona-Bilanz?

Florian Thalhammer: SARS-CoV-2 ist ein Chamäleon, es verursacht viele unterschiedliche Krankheitsbilder, und ich bin froh, bis jetzt nicht daran erkrankt zu sein. Und Corona hat die Spreu vom Weizen getrennt -beruflich und privat. Die Pandemie dauert schon zu lange, sodass unweigerlich Brüche im täglichen Leben entstehen.

INSIDER: Was haben wir Ihrer Ansicht nach richtig gemacht?

Thalhammer: Zu Beginn der Pandemie war unser Ziel, die Kurve flach zu halten. Das ist uns auch gut gelungen. Die Mitmenschen waren motiviert, die Maßnahmen wurden verstanden, akzeptiert und mitgetragen.

INSIDER: Was ist uns in der Pandemiebekämpfung weniger gut gelungen?

Thalhammer: Das Positive ist, dass wir wahrscheinlich gelernt haben, wo wir einzeln im Kleinen als auch gemeinsam im Großen Defizite haben. Diese sollten wir im Hinblick auf eine mögliche nächste Pandemie rechtzeitig beseitigen. Ohne fachliches beziehungsweise politisches Hickhack.

INSIDER: Was stimmt Sie derzeit positiv?

Thalhammer: Die Impfung - trotz aller Diskussionen. Jeder der momentan in Europa zugelassenen und verfügbaren Impfstoffe ist besser als keine Impfung. Das Chamäleon ist hässlich und für böse Überraschungen gut. Die modernen Impfstoffplattformen erlauben es auch, eine rasche Anpassung der Mutationen vorzunehmen.

INSIDER: Wann leben wir wieder normal?

Thalhammer: Es wird mit zunehmender Immunisierung normaler werden, aber es wird nicht mehr ganz das alte Leben sein. Eine Prognose versuche ich nicht, die bestehenden beziehungsweise kommenden Mutationen werden gemeinsam mit der Impfwilligkeit den Zeitpunkt der größtmöglichen Normalität bestimmen.

EPIDEMIOLOGIN EVA SCHERNHAMMER: »Menschenleben an 1. Stelle«

INSIDER: Ihre persönliche Corona-Bilanz?

Eva Schernhammer: Generell war es ein schwieriges Jahr -für alle. Manche haben überdurchschnittlich viel beigetragen. Ich denke an das Gesundheitspersonal oder den Lebensmittelhandel. Dieses Jahr hat mich in Richtung größerer Wertschätzung für die einfachen Dinge im Leben verändert, wie das Betrachten der Natur. Die Pandemie war aber auch ein Beschleuniger für die Wissenschaft. So ist es gelungen, innerhalb nur eines Jahres eine globale Impfstrategie auf die Beine zu stellen.

INSIDER: Was haben wir richtig gemacht?

Schernhammer: Österreich war Vorreiter in der ersten Welle und hat auch in der zweiten Welle dem Menschenleben obersten Stellenwert beigemessen. Das fand ich als Ärztin und Mensch schön, und ich bin froh, in einer solchen Gesellschaft leben zu dürfen.

INSIDER: Was ist uns in der Pandemiebekämpfung weniger gut gelungen?

Schernhammer: Es ist nicht gelungen, durch rasche Einschränkung des Reiseverkehrs der Verbreitung des Virus Einhalt zu gebieten.

INSIDER: Was stimmt Sie derzeit positiv?

Schernhammer: Dass die Impfungen voranschreiten.

INSIDER: Wann leben wir wieder normal?

Schernhammer: Ab dem Sommer 2021, je nach dem bis dahin gelungenem Impffortschritt, wird sich für viele Länder eine andere, erfreulichere Ausgangssituation darstellen.

UMWELTMEDIZINER HANS-PETER HUTTER: »Surfen statt Notfall«

INSIDER: Ihre persönliche Corona-Bilanz?

Hans-Peter Hutter: Dass ein winziges Virus die gesamte Welt innerhalb kürzester Zeit aus den Angeln hebt -wer hätte das gedacht? Und Regierungen zeigen, dass sie energisch unpopuläre Entscheidungen treffen können.

INSIDER: Was haben wir richtig gemacht?

Hutter: Wir haben rasch gewusst, welche Maßnahmen abseits vom Lockdown wirksam sind. Testsysteme, speziell die Schnelltests, wurden in kürzester Zeit entwickelt, und nun gibt es die Impfungen. Ja, und Händewaschen ist auch kein Fremdwort mehr.

INSIDER: Was ist uns weniger gut gelungen?

Hutter: Ein effektives Contact Tracing aufzubauen. Eine transparente Darstellung jener Daten zur Verfügung zu stellen, die Basis für Lockdown und Öffnungsschritte waren. Eine Krisenkommunikation, die mit der Zeit ihren Faden verloren hat. Und der optimale Verlauf der Impf kampagne kann bezweifelt werden.

INSIDER: Was stimmt Sie positiv?

Hutter: Der herannahende Frühling, mein dreijähriger Sohn, der mich mit lustigen Sätzen überrascht wie "Hase heißt auf Deutsch Körperspannung" und ich nicht weiß, woher er das nimmt.

INSIDER: Wann leben wir wieder normal?

Hutter: Wenn wir mit dem Begriff "Wellen" endlich wieder eher Brandung und Surfen verbinden als einen virologischen Notfall.

VIROLOGIN DOROTHEE VON LAER: »Ein Durchatmen im Sommer«

INSIDER: Ihre persönliche Corona-Bilanz?

Dorothee von Laer: Das Virus hat uns meist vor sich hergetrieben, wir waren zu wenig proaktiv.

INSIDER: Was haben wir Ihrer Ansicht nach richtig gemacht?

von Laer: Die Lockdowns, der Aufbau von Testungen und die Typisierung der Varianten wurden breit etabliert.

INSIDER: Was ist uns in der Pandemiebekämpfung weniger gut gelungen?

von Laer: Zu wenig Impfstoff bestellt, aber das ist ein Problem der EU. Und ein paarmal haben wir zu spät reagiert.

INSIDER: Was stimmt Sie derzeit positiv?

von Laer: Dass es bald wärmer wird und wir im Sommer wahrscheinlich bezüglich Corona etwas durchatmen können. Wir müssen uns aber sehr gut auf den nächsten Winter vorbereiten.

INSIDER: Wann wird es wieder normal?

von Laer: Wenn über 50 Prozent mit dem auf die neuen Varianten angepassten Impfstoff geimpft sind.

VIROLOGE HERWIG OSTERMANN: »Auf neue Normalität einstellen«

INSIDER: Ihre persönliche Corona-Bilanz?

Herwig Ostermann: Für eine Bilanz ist es vermutlich noch zu früh. Aktuell sind wir alle sehr gefordert, und wir wissen, dass uns die Pandemie noch einige Zeit fordern wird.

INSIDER: Was haben wir richtig gemacht?

Ostermann: Dass wir wieder entdeckt haben, wie wichtig es ist, gemeinsam anzupacken und zu arbeiten. Und zwar nicht nur auf der Ebene der Entscheidungsträger und Krisenbeauftragten, sondern überall im System und insbesondere bei den Beschäftigten.

INSIDER: Was ist uns weniger gut gelungen?

Ostermann: Es gelingt nicht immer gut, die Sinnhaftigkeit verschiedener Schutzmaßnahmen zu erläutern.

INSIDER: Was stimmt Sie positiv?

Ostermann: Kurzfristig, dass wir in absehbarer Zeit die älteren Menschen geimpft haben werden. Mittelfristig, dass wir das gelernte Anpacken dafür nutzen, uns wieder vermehrt ins gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben einzubringen.

INSIDER: Wann leben wir wieder normal?

Ostermann: Wenn ein Zustand ohne Corona gemeint ist, dann dauert es noch lange. Eher sollten wir uns wohl auf eine "neue Normalität" einstellen, in der wir mit dem Virus leben. Ich hoffe, dass das mit Fortschreiten des Frühjahrs möglich wird. 

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